Vom Altertum bis zum Neuanfang

Nordengland In York wird Geschichte anschaulich gemacht. Vom Aufstand Konstantins über die Dampfeisenbahn bis zu Churchills Tod ist in der „Ewigen Stadt“ vieles zu sehen.
  • Foto: wajan/Adobe Stock

Der Mann im Vorraum hatte seine Feldherrenrüstung angezogen. Durch die Tür konnte er den Lärm der Soldaten hören, die sich vor dem Palast versammelt hatte. Ob er nervös war? Es kam jetzt auf sein Auftreten an, auf seine Worte. Denn er musste die Truppen zu nichts Geringerem motivieren als zu einem Staatsstreich. Dass er seine Soldaten sogar zu einem der größten Umbrüche in der Weltgeschichte führen würde – das wusste der Mann wohl selbst nicht.

Wer nach York kommt, kann diese dramatische Situation im Jahr 306 miterleben. Das mittelenglische Städtchen ist schon durch seinen mittelalterlichen Kern ein attraktives Ziel. Aber diejenigen, die Spaß an der Geschichte haben, bekommen diese in York besonders spannend erlebbar geboten. Zum Beispiel in der Kathedrale. Klar, die größte gotische Kirche Englands ist an sich schon ein Hingucker. Aber der Mantel der Geschichte streift einen vor allem im Untergeschoss, obwohl die Steinmauern dort auf den ersten Blick nicht so spektakulär wirken. Sie stammen von der römischen Siedlung Eboracum, in der auch der römische Kaiser Constantius I. residierte – und im Jahr 306 starb. Constantius war damals Teil eines Machtgefüges, das sich vier Herrscher teilten.

Leistung sollte das Kriterium für einen Kaisertitel sein – nicht die Abstammung. Aber dann trat der Sohn des Constantius, Konstantin, vor die Truppen seines Vaters. Sie standen vor dem Statthalterpalast, dessen Reste unter dem Münster freigelegt sind. Vor allem eine Ecke jenes Vorraums, in dem sich Konstantin vorbereitete. Erfolgreich: Die Soldaten schlugen ihre Schwerter auf die Schilde, riefen ihre Zustimmung heraus. Sie erkannten Konstantin als neuen Herrscher an – und zogen mit ihm in einem langen und blutigen Bürgerkrieg.

Mit allerlei Animationen setzen die Museumsmacher diesen Moment in Szene – weil Konstantins Weg an die Macht auch dem Christentum den Aufstieg ebnete. Konstantin machte aus der verfolgten eine privilegierte Religion – die Welt wurde monotheistisch.

Geschichte am originalen Ort

Es gibt wenige Entscheidungen in der Geschichte, die bis heute so eine große Tragweite haben. Und es gibt noch wenigere, wo man direkt am originalen Ort ihrer Entstehung stehen kann. Verständlich, dass die Museumsmacher so stolz auf dieses archäologische Erbe sind. Solche Geschichten aus der Geschichte bietet York reichlich, vom Wikinger-Zentrum bis zum Museum über den Shakespeare-Schurken Richard III. Und dann noch das National Railway Museum. Sicher: Der Hort von über 100 Lokomotiven ist erst einmal ein Schatzhaus für die Gilde der Pufferküsser, also der enthusiastischen Eisenbahn-Liebhaber. Aber das weltgrößte Eisenbahnmuseum ist zudem, außerhalb von London, das beliebteste britische. Auch lohnend für die Besucher vom Kontinent.

Mit Churchill ging auch eine Ära Großbritanniens.

Wolfgang Albers
Autor

Loks gezüchtet wie Rennpferde

Weil zu den Loks auch viele Geschichten erzählt werden, und weil man den Stolz einer Nation spürt, die der Welt die Massenmobilität gegeben hat. Und die Hochleistungsloks gezüchtet hat wie edle Rennpferde – auch wenn ausgerechnet die schnellste Dampflock Stockente hieß. Diese blaulackierte, stromlinienförmige Mallard erreichte am 3. Juli 1938 mit dem Lokomotivführer Joseph Duddington und dem Heizer Thomas Bray – die Namen werden überliefert wie von Jockeys – knapp über 200 Stundenkilometer. Offiziell war nie eine Dampflok schneller.

Und in die Seele kann man den Briten schauen an dem Gepäckwagen, in den Winston Churchills Sarg stand. Aufgebahrt nach seinem Tod am 24. Januar 1965 war Churchill in London, begraben aber wurde er auf dem Familienfriedhof in Bladon, nahe seinem Geburtsort. Ein Sonderzug brachte seinen Sarg dorthin, und das Museum zeigt nicht nur diesen Zug, sondern auch Filmdokumente über diese Fahrt. Die gesamte Strecke war gesäumt mit Trauernden, Veteranen standen, die Orden an der Brust, in Achtung-Stellung. Und in Interviews geben Zeitzeugen die damalige Stimmung wieder: Mit Churchill ging auch eine Ära Großbritanniens – die einer Weltmacht.

Welche Größe das bedeutete, aber auch welche Verluste, kann man auf einem Ausflug vor die Tore Yorks erleben – im Castle Howard. Noch heute wohnt ein Zweig der Howards, die in Englands Geschichte eine herausragende Rolle gespielt haben, dort, in Englands pompösestem Barockschloss. Man wandelt unter Fresken des Venezianers Pellegrini, schreitet durch einige der prächtigsten der 145 Räume und durch die Antike Passage, in die ein früherer Howard ganze Schiffsladungen mit römischen Statuen und Büsten hat stellen lassen. Mindestens so ehrgeizig ist die Landschaftsarchitektur des Parks, dessen Sichtachsen Wasserspiele, Denkmäler, einen Obelisken, einen Tempel und ein Mausoleum raffiniert verbinden. Großes Repräsentationskino. Und, wie immer beim englischen Adel, Erbe des ältesten Sohnes. Das war 1944 Mark Howard – bis er im Juni in der Normandie während der alliierten Invasion von einer deutschen Granate zerfetzt wurde. Und vier Monate später wurde sein jüngerer Bruder Christopher mit seinem Bomber abgeschossen. Die Ausstellung „Rufe der Pflicht“ im Schloss hält die Erinnerung an sie und die anderen Howards fest, die in den Weltkriegen starben. Und reiht sich ein in die Museen der Region, die Weltgeschichte, ob selbstgestaltet oder erlitten, wieder ins Gedächtnis rufen.

© Gmünder Tagespost 01.06.2018 11:58
470 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.