Von Störchen und runden Dörfern

Wandern Das Wendland ist eine Storchenhochburg. Auf dem Wendland-Rundweg erlebt man die Langbeiner und wandert durch die Rundlingsdörfer.
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Zwei, drei, zehn Weißstörche kreisen nacheinander über die saftigen Wiesen der Elbtalaue. Irgendwo hinter dem kleinen Waldstück müssen sie durch die Wanderer aufgeschreckt worden sein. Jeder dritte niedersächsische Storch soll im Wendland zu Hause sein. Gut 110 Nester gibt es entlang der Storchenstraße, in denen mehr als 200 Langbeiner den Sommer verbringen. Auch in vielen Rundlingsdörfern, die es im Elbhinterland gibt, hat sich der ein oder andere Adebar ein Plätzchen mit Ausguck gesichert.

Knapp 200 Kilometer schlängelt sich der Wendland-Rundweg durch den äußersten Osten Niedersachsens. Er teilt sich in drei Abschnitte. Im Norden befindet sich der Elb-Höhenweg. Im Westen führt der Wendlandweg durch den Jagdwald Göhrde. Auf dem Wendenstieg im Süden streift man durch eine Vielzahl Rundlingsdörfer und durch die Nemitzer Heidelandschaft. Der gesamte Rundweg lässt sich sowohl erwandern als auch mit dem Rad erkunden.

Eine Hufe für jeden Siedler

Edith Neddens ist eine von gerade mal 80 Einwohnern im Rundlingsdorf Satemin. „Schon im ersten Jahrtausend nach Christus wurde die Gegend immer wieder von slawischen Stämmen aus dem östlichen Raum als Siedlungsgebiet genutzt“, erzählt sie. „Ungefähr ab 1100 entwickelten sich die Rundlingsdörfer als planmäßige Besiedelung durch die deutsche Obrigkeit.“ Jeder Siedler erhielt eine Hufe: ein Haus und rund zehn Hektar Land. „Mitte des 18. Jahrhunderts hatten die Slawen eingeheiratet, waren Deutsche und Christen geworden.“ Sicher geklärt ist die runde Anordnung der Häuser um den Dorfplatz nicht. War es nur eine „Modeerscheinung“, ein Streben nach einheitlicher, gleichberechtigter Gemeinschaftssiedlung? Oder waren es Wehrdörfer?

Die Stallungen mit der „Grot Dör“ zeigen immer zur Dorfmitte. Gewohnt wurde im hinteren Teil in der Döns, der guten Stube. Es gab nur eine Stichstraße in den jeweiligen Ort. Die heutigen Durchgangsstraßen entwickelten sich erst in den letzten 60 Jahren. „Das Wort ,Wenden’ ist übrigens ein negativ besetzter Begriff und bedeutet die anderen“, berichtet Edith Neddens.

Orte wie bewohnte Museen

Gühlitz, Meuchefitz, Püggen, Mammoißel, Schreyan, Satemin sind einige Rundlinge entlang des Wendenstiegs. Manche Orte wirken wie bewohnte Museen. Charakteristisch ist die üppige Fachwerkkonstruktion mit Zierleisten und meist biblischen Sprüchen zur Dorfseite hin und dem Wendenknüppel auf dem Dachfirst. Ein Hausbaum spendete im Sommer Schatten, wenn man auf der Hausbank zum Tratsch zusammenkam. Einen tieferen Einblick in die Geschichte des Wendlands bekommen Besucher im Rundling Lübeln. Hier wurde schon Mitte der 1970er Jahre ein Museumsdorf eröffnet, das dem Rätsel der runden Dörfer und der deutsch-slawischen Kultur auf den Grund geht. Die Rundlingsdörfer sowie die nahen Kleinstädte Lüchow, Dannenberg und Hitzacker sind auch Teil der Deutschen Fachwerkstraße.

Die Zugereisten sind ein Segen für die Dörfer.

Edith Neddens
Einwohnerin

Da das Wendland als Zonenrandgebiet galt, in dem viele Jahrzehnte die „Welt zu Ende war“, und schließlich die Entscheidung für das Atommüll-Zwischenlager Gorleben getroffen wurde, zogen viele Einheimische in den 1970er Jahren fort. Künstler und Naturliebhaber aus Berlin und Hamburg kauften günstig die verwaisten Hofstellen. „Die Zugereisten sind ein Segen für die Dörfer, die dadurch erhalten blieben und gepflegt wurden“, sagt Edith Neddens, die es selbst 25 Jahre lang in die Ferne zog, bevor sie 1999 ins Wendland zurückkehrte.

Mahnmal der deutschen Teilung

Über die Nemitzer Heide gelangt der Wanderer nach Gorleben und in die Elbtalaue. Nachdem sich im August die Störche zur Überwinterung Richtung Südeuropa und Afrika aufmachen, kommen andere Zugvögel auf der Durchreise vorbei. In den Elbwiesen schnattern dann Wildgänse, trompeten Kraniche. Graureiher und Brachvögel, Biber, Fischotter, Kröten und Frösche sind ständige Bewohner des Marschlandes. Der Elb-Höhenweg verläuft zum Teil durch Wiesen, größtenteils entlang des Elbdeichs oder aber auf dem Elberadweg.

Am Horizont leuchtet die Dömitzer Straßenbrücke, die seit Ende 1992 wieder Niedersachsen mit Mecklenburg-Vorpommern verbindet. Im April 1944 wurde sie fast zeitgleich mit der einige Hundert Meter entfernten Eisenbahnbrücke durch Bomben zerstört. Die Eisenbahnbrücke wurde nach der Wende nicht wiederaufgebaut, sondern steht in den Elbwiesen als Mahnmal für die ehemalige deutsche Teilung. Ruhe und Beschaulichkeit sind hinterm Elbdeich garantiert: Wer in Damnatz die schlichte Dorfkirche aus dem Jahre 1617 besichtigen will, der kann sich beim örtlichen Friseursalon oder im Hotel Steinhagen einen Schlüssel holen, steht auf einem Schild an der Kirchenwand geschrieben.

Sattgrüne Wiesen und Maisfelder prägen auch den letzten Abschnitt des Elb-Höhenwegs bis Hitzacker. Auf dem Elbaussichtspunkt Weinberg gedeihen 99 Rebstöcke. Schon Ende des 16. Jahrhunderts wurde hier von einem „geziemenden Tropfen“ gesprochen. Im Jahr 1713 vernichtete ein Hagelsturm alle Reben. Erst 1980 begann ein Winzer von der Mosel neue Traubensorten anzupflanzen, aus denen er das „Hidesacker Weinbergströpfchen“ keltert. Mitte Oktober ist dann die Weinlese. Uninteressant allerdings für Adebar, der dann längst sein städtisches Sommerquartier Richtung Afrika verlassen hat.

© Gmünder Tagespost 16.03.2018 11:16
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