Wandern auf unbekannten Pfaden

Europa Andorra ist bekannt als Skiresort, Shoppingparadies und Steueroase. Für Tourengeher ist der Ministaat noch ein Geheimtipp. Es gibt Wege in allen Höhen- und Schwierigkeitsgraden.
  • Foto: Franz Lerchenmüller

Im Naturpark Sorteny sind die Temperaturen leicht gefallen und haben die kobaltblauen Schwertlilien noch einmal zu voller Blüte gebracht. Ganze Abhänge lodern in Blau, dazwischen glüht goldgelb der Enzian, zitronengelb das Labkraut, hellgelb der Klappertopf. Der komplette Pyrenäen-Blumenführer ließe sich hier abarbeiten. Gelegentlich führt der Weg an Trockenmauern vorbei, die Bauern vor Jahrhunderten aufgeschichtet haben. „Neun Monate Winter, drei Monate Hölle“, fluchten Generationen über das karge Leben mit der sommerlichen Schinderei an steinigen Hängen. Kein Wunder, dass viele glückstrahlend verkauften, als Mitte des vergangenen Jahrhunderts Grund und Boden für die neu aufkommenden Skilifte gesucht wurden. Heute überziehen die Schneisen der Pisten viele Berge wie ein breit geädertes, helles Netz.

Wanderwege für alle

Dabei ist der größte unter Europas sechs Ministaaten reich, abwechslungsreich und eigen. Wer zum Wandern kommt, will kein geheimes Konto anlegen und keine Cohiba-Zigarren kaufen. Ihn zieht es höher hinauf, weg aus den überlaufenen Tälern, in eine Natur, die diesen Namen noch verdient. Und er wird reichlich fündig. Andorra verfügt über Wanderwege in allen Höhenlagen und Schwierigkeitsgraden. Manche führen über Naturtreppen aus Wurzeln und Gestein, vorbei an zerfallenen Bordas, den Sommeralpen, die heute nicht mehr genutzt werden.

Kleine, schmucke Dörfer

Andere ziehen sich wie Wildpfade über die Hänge, und manchmal geht es auch auf Straßenstücken an Wiesen mit Kühen und großen Tabakfeldern entlang. Spätnachmittags enden die Wanderungen oft in kleinen, schmucken Dörfern wie Llorts oder Ordino, in denen sich die geduckten Steinhäuser eng um das Zentrum gruppieren. Gässchen führen dazwischen auf und ab, Straßen enden in Höfen, die Gebäude stehen in Beziehung zueinander.

Ein kühles Radler auf einer Terrasse beschließt dann den Nachmittag. Dann geht es hoch hinaus. Die Kurven zu den Seen von Tristaina, die sich der Bus mühsam hochquält, japste einst Jan Ulrich hoch, dem Sieg bei der Tour de France entgegen.

Zum Schluß ein Picknick

Baumlos, grau und grün erhebt sich der Kessel um die drei Seen, die mal wie türkise, dann wieder wie blaue Augen in den Himmel blicken. Ein wenig Klettern ist jetzt angesagt. Der Pfad weist kleine Felsrutschen auf, und die eine oder andere ausgesetzte Stelle sorgt bei manchem für ein Adrenalinschübchen. Ein Picknick an einem der 17 Seen beschließt die Wanderwoche.

© Gmünder Tagespost 08.02.2018 17:57
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