Wandern durch eine uralte Kultur

Italien Das Latium ist das Kernland der alten Römer. Heute findet man dort viele Aussteiger, die Gäste mit Produkten aus dem Garten verwöhnen.
  • Foto: Claudia Diemar

Das wäre mein Wunsch: Ein Stückchen Land, nicht mal groß, wo ein Gemüsegarten direkt am Haus läge und ein Brunnen im Baumschatten sprudelte – alles Weitere würden die Götter richten“, wusste schon der Dichter und Philosoph Horaz vor gut 2000 Jahren. Seine Sehnsucht ist das Motto des Bauernguts Il Fienile D’Orazio, was so viel wie „Der Heuschober des Horaz“ bedeutet. Besitzer Mauro Panella war einst als Manager für einen Versicherungskonzern tätig. Dann erwischte ihn die Vision des antiken Denkers. „Ich hatte von Landwirtschaft keine Ahnung, aber ich wollte mein Leben verändern“, sagt der heutige Biobauer.Hühner, Ziegen, Esel sowie Cinta-Senese-Schweine, die es schon bei den alten Römern gab, streifen auf seinem zehn Hektar großen Hof herum.

Mauro macht Käse und Wein, zieht Biogemüse, bekocht die Gäste mit den eigenen Produkten. Wer will, kann Mauro bei der Tomatenernte helfen oder zuschauen, wie die Geißen gemolken werden. „Es gibt aber auch Gäste, die so erschöpft hier ankommen, dass sie tagelang auf den Liegestühlen am Pool liegen. Andere wollen sich den Stress von der Seele laufen“, so Mauro.

Wo die Krippe erfunden wurde

Wer nicht allein seine Schritte setzen will, ist bei Giovanni Nori gut aufgehoben. Der in Deutschland aufgewachsene Wanderguide will heute mit seinen Gästen nach Greccio zu jenem Kloster, in dem der heilige Franziskus in der Weihnachtsnacht 1223 die erste Krippe aufbaute. Mit lebenden Tieren und Menschen ließ er Christi Geburt inszenieren, damit das einfache Volk das Wunder erfassen konnte. Pater Ezio führt die Besucher durch die am Fels klebende Anlage, zeigt die Fresken in der Grotte und den Felsblock, der dem Heiligen als Schlafstatt gedient haben soll.

Das Latium, auf Italienisch Lazio, ist das Kernland der alten Römer ebenso wie die Heimat tiefer mittelalterlicher Religiosität. Valle Santa, also „Heiliges Tal“ nennt sich die Hochebene, die von vier Klöstern umgeben ist. Wanderwege folgen den Spuren des Franz von Assisi und des heiligen Benedikt. Gelb-blau sind die Markierungen des von der Provinz ausgewiesenen Cammino di Francesco gehalten. Leider verlaufen weite Teile davon auf Asphalt. Daher arbeiteten Wanderführer Giovanni Nori und sein Freund Stefano Fassano gemeinsam mit dem italienischen Alpenverein an einer alternativen Streckenführung, brachten Wegzeichen an und gaben eine Wanderkarte für Individualreisende heraus.

Sechs Gästezimmer mit Pool

Stefano Fassano führt zusammen mit seiner Frau Elisabeth den Agriturismo Le Mole sul Farfa bei Mompeo. Sechs Gästezimmer bietet das Landhaus, ein Pool und vegetarische Küche machen das Angebot für Aktivurlauber perfekt. Stefano begleitet seine Gäste auch bei Wandertouren, etwa hinunter in die Farfa-Schlucht oder hinauf in seinen Olivenhain, dessen Gras durch eine Herde von Eseln kurz gehalten wird. „Wenn mich jemand fragt, was ich anbaue, sage ich: Landschaft“, so Stefano. Manche seiner Ölbäume sind über 1000 Jahre alt. Dass auf seinem Land schon in der Antike Olivenöl gewonnen wurde, kann er den Gästen anschaulich zeigen. Die Ruinen eines römischen Bauernguts hat er auf seinem Grund freigelegt.
Vor den alten Lateinern siedelten schon die Sabiner in der Gegend, deren Frauen die Römer bekanntlich einst raubten. Uralte Siedlungen halten auf den Anhöhen der Sabiner Berge Wache. Montenero Sabino balanciert auf schmalem Grat. Zwischen Kastell und Kirche verläuft die Via Roma als einzige Straße. Gardinen wehen vor den offenen Hauseingängen. Wenn Stimmen zu hören sind, schaut man hinaus. In Casperia wartet das historische Anwesen La Torretta auf Urlauber.

Wenn mich jemand fragt, was ich anbaue, sage ich: Landschaft.

Stefano Fassano
Wanderführer

Null-Kilometer-Produkte

Patronin Maureen Schena stammt aus Wales. Zusammen mit Tochter Jennifer kümmert sie sich um das Wohl der Gäste, verwöhnt sie mit „Null-Kilometer-Produkten“, also mit allem, was vor Ort wächst und gedeiht. Ihr Mann Roberto ist als Architekt für die geschmackvollen Gästezimmer verantwortlich und weist auf die tief ins Mauerwerk reichenden Tragbalken hin, die das Haus erdbebensicher machen. „Leider hat die Region nach schweren Beben in den Jahren 2016/17 einen starken Rückgang des Tourismus erlebt. Dabei liegen wir hier ein ganzes Stück von Amatrice und Norcia entfernt“, so der Hausherr.

Ein anderer Baumeister hat gleich ein ganzes Dorf gerettet. „Labro ist mein Lebenswerk“, sagt Yvan Van Mossevelde. Der im belgischen Gent gebürtige Architekt ist spezialisiert auf Renovierungen historischer Bausubstanz.

Doch kein Ort in Europa hat ihn so fasziniert wie Labro. Als junger Mann kam er 1968 hierher, renovierte die verlassenen Gemäuer mit lokalen Handwerkern. Labro hat heute nur noch wenige ständige Bewohner, aber in seinen Mauern kann man wunderbar übernachten. Anne Van Mossevelde führt das Albergo Diffuso Crispolti, ein „zerstreutes Hotel“ also.

Der Begriff steht in Italien für ein Konzept zur Wiederbelebung alter Dörfer. In deren Mauern liegen die Unterkünfte verstreut in verschiedenen Anwesen. So werden Reisende zu direkten Nachbarn der Einheimischen.

Vergoldet vom letzten Licht des Tages thront das Dorf auf dem Hügel – eine Huldigung an die uralte Kultur des Latiums.

© Gmünder Tagespost 06.04.2018 12:00
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