Der Großreeder des kleinen Formats

Portrait Peter Koppen besitzt eine große Leidenschaft für „Microships“. Aus winzigen, selbst gefalteten Papierschiffchen fertigt er außergewöhnliche und farbenfrohe Kunstwerke.
  • Foto: Koppen

Er bezeichnet sich als den „weltweit führenden Hersteller von Microships“. Das klingt zunächst nicht gerade nach Bescheidenheit. Doch Peter Koppens Slogan will und muss richtig gelesen werden. Dann hat er seine Richtigkeit und der sich aus dem Wortspiel ergebende Gag erklärt sich von selbst. Der gebürtige Ellwanger produziert nämlich seit fünf Jahrzehnten unverdrossen und in großen Mengen Microships in ganz unterschiedlichen Formaten und Farben.

Persönliches Markenzeichen

Seine Begeisterung für die Papierschiffchen entwickelte er schon im jungen Alter von fünf Jahren. Als sein Vater in Hannover ein aus Zeitungspapier gefaltetes Schiff in der Leine zu Wasser ließ, war dieser Stapellauf auch die Initialzündung für eine lebenslange Leidenschaft. Seitdem hat der papierene Schiffsbau Peter Koppen nicht mehr losgelassen. Hunderttausende Schiffe und Schiffchen, arrangiert in unterschiedlichen Größen und Formen, wurden so zu seinem ganz persönlichen Markenzeichen.

Deshalb hat ihn der Kulturjournalist Wolfgang Nußbaumer vor wenigen Jahren pointiert und zutreffend als „Großreeder des Kleinen Formats“ bezeichnet. Bevor die Microships dann Mitte der 1970er Jahre in Serie gehen sollten, hat Peter Koppen eine durchaus facettenreiche Biografie vorzuweisen: Sein unbändiger Drang nach Freiheit ließen ihn und seinen Bruder den Plan fassen, nach Kanada auszuwandern und Goldgräber zu werden. Dieser – natürlich geheime – Plan endete allerdings schon im nahen Wört an der bayrischen Grenze, wo die Jungs von einer Polizeistreife aufgegriffen und im Käfer wieder nach Hause zurück gebracht wurden.

Bus-Tickets als Rohstoff

Der zweite Versuch, einen anderen Kontinent zu betreten, war dann erfolgreicher: Nach dem Abitur wanderte Koppen nach Australien aus. Hier verdingte er sich als Kranführer, Gabelstaplerfahrer, Bankangestellter und als Linienbusfahrer. Vor allem in der Zeit als Bankangestellter intensivierte Koppen dort seine Produktion von Papierschiffchen. Als Rohstoff dienten ihm seine Bus-Tickets zur Arbeitsstelle. 443 Stück haben sich davon erhalten und befinden sich, wie Koppen in seiner Vita verrät – von unschätzbarem Wert – gesichert in einem Banksafe.

Auf „Down under“ folgte 1970 das Studium der Volkswirtschaftslehre, für das Koppen nach Deutschland zurückkehrte. Koppen wohnt nun in Berlin. Aber es sind weniger die Studieninhalte, als die Wandelbarkeit der Vorlesungsaufzeichnungen, die ihn dort faszinieren: Bei optimaler Verwertung dieser Aufzeichnungen entstanden, laut Peter Koppen, aus einem DIN A4-Blatt 30 Schiffchen. Erstmals bezeichnet Koppen seine Produkte dann auch als „Microships“.

Es folgt ein abermaliger Ortswechsel: 1976 zieht es Koppen in den Süden. München ist das neue Ziel, der Schiffchenbauer bezieht eine Wohnung in Schwabing. Das Studium hängt er an den Nagel, zunächst arbeitet er als Nachtwächter, später dann als Busfahrer bei den Münchner Stadtwerken. Gleichzeitig setzt er die Produktion der Microships mit ungebremster Leidenschaft und Besessenheit fort. Das System wird perfektioniert, es entstehen ganz gezielt Kunstobjekte und schließlich wird er von der Sängerin Susan Avilés 1982 entdeckt. Die ersten Einzelausstellungen von Koppen kommen zustande.

IT-Konzerne wie IBM oder Softwarefirmen werden auf ihn aufmerksam und stellen seine Werke aus. Bei der Anlieferung der Ausstellungsexponate dürfte manchem Ausstellungsmacher der Mund offen stehen geblieben sein: Peter Koppen transportierte in dieser Zeit seine Arbeiten mit einem ausgemusterten Leichenwagen.

Microships sind unpolitisch, üben keine Sozialkritik und sind unnütz.

Peter Koppen
Schiffsbauer und Künstler

Populärer TV-Gast

Und auch im Fernsehen ist Koppen in den 1980er und 1990er Jahren ein gern gesehener Gast. So falzt, faltet und spricht Koppen bei „Ilona Christen – ZDF Fernsehgarten“, bei „Schreinemakers live“ und anderen TV-Sendungen. Nebenbei schauspielert er noch in der schrägen und abgefahrenen Miniserie „Die Zeit ist reif für Ernst Eiswürfel“, die im Rahmen der Kultsendung „Live aus dem Alabama“ vom Bayrischen Rundfunk ausgestrahlt wird. Koppen spielt sich hier mehr oder weniger selbst und verkörpert einen Papierschiffchen faltenden Familienvater. Zu Koppens Popularität trägt auch eine höchst unterhaltsame Performance bei, die er bei der Herstellung eines Microship in kongenialer Weise zelebriert. Es ist ein visuelles wie akustisches Happening, wenn Koppen mit seinen alles andere als zartgliedrigen Fingern das 9 x 13 Millimeter große Papier in 15 Schritten in die Schiffchenform bringt. Sein Rohstofflager in Form mehrerer Westentaschen trägt er immer am Mann.

Die ausgewählte Rohstoffeinheit erfährt die erste und zweite Halbfaltung, unterliegt der zentralachsensymmetrischen Bauweise, hat außendiagonale Falten, wird präfinal gestreckt und wird vom „Biogreifer“ – gemeint ist die Hand – gefalzt und gepresst, bis es dann zum „final shaping“ – sprich der endgültigen Formgebung der Microships – kommt.

Bei dieser geballten Fachterminologie kommt der Zuschauer aus dem Hören und Staunen geschweige denn auch aus dem Schmunzeln überhaupt nicht mehr heraus. Natürlich tragen seine Arbeiten entsprechende Titel, die der Computersprache entnommen sind. Die heißen dann zum Beispiel „Ringschaltung mit Störfeld“, „Systemabsturz“, „Blockspeicher“ oder aber „Kontrollierte Wirbelschaltung“.

Ultimatives Erfolgsrezept

Um diese Formate und Formen bestücken zu können, bedarf es oft Hunderte von verschiedenfarbigen und unterschiedlich großen Microships. Diese liegen vorsortiert und griffbereit in zahlreichen Schachteln, die Koppen in einem angemieteten „Zentrallager“ aufbewahrt. Bis heute hat er weit über 1000 Arbeiten verkauft, ein Ende ist nicht in Sicht.

Sein Erfolgsrezept bringt Peter Koppen süffisant folgendermaßen auf den Punkt: „Microships sind unpolitisch, sie üben keine Sozialkritik und sind unnütz. Kurzum: Sie verkörpern das Ursprüngliche in der Kunst...“ Dem wollen wir dann weiter auch weder präfinal noch final irgendetwas hinzufügen.

Peter Koppen – ein gebürtiger Ellwanger mit einer großen Leidenschaft

Peter Koppen wurde 1947 in Ellwangen an der Jagst geboren. Bereits mit fünf Jahren startete er als kleiner Knirps mit der Papierschiffchen-Produktion – und fing für das Falten der kleinen Schiffe Feuer. Sein künstlerisches Wirken entdeckte die Sängerin Susan Avilés im Jahr 1982. Seitdem ging es mit Peter Koppens Microship-Produktion steil bergauf und er gestaltete mit den kleinen Schiffchen viele Kunstwerke, die Koppen immer wieder in Ausstellungen zeigt.

Viele weitere spannende Infos über Peter Koppen können online auf seiner Website nachgelesen werden. (www.peterkoppen.de) Die Inhalte der Website sind nicht nur informativ, sondern auch ein Anschlag auf die Lachmuskeln – vorausgesetzt man mag seinen augenzwinkernden Humor. Der User erfährt hier Interessantes über den Single Stick Rolling – das ist Peter Koppens originelles Fortbewegungsmittel. Oder man liest, was man unbedingt alles über die Landeskrückstockverordnung wissen sollte (oder eben auch nicht).

Peter Koppens Portfolio umfasst aber nicht nur unterschiedliche Varianten des Microship. Zum spleenigen Angebot seiner Website gehört auch der sogenannte Sozial-Separator. Auf „Basis der aktuellen Konfliktforschung“ hat Koppen ein tischgerechtes Gestell mit Stacheldraht entwickelt, das enormes „Abgrenzungspotential“ bei Konfliktsituationen bieten soll und sowohl im Geschäfts- als auch im Privatleben eingesetzt werden kann. Der Seperator ist sozusagen die ultima ratio, bevor es dann richtig kracht.

Einen Einblick mit Tiefgang rund um Peter Koppen und seine Leidenschaft bietet auch die Reportage „Von der Leidenschaft eines Busfahrers“ des Bayrischen Rundfunks, die als eine Folge der „Lebenslinien“ im Jahr 1997 gedreht wurde. Die Reportage ist bei Youtube eingestellt.

© Gmünder Tagespost 29.03.2018 16:02
390 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.