Ellwangens begehrte Fastnachtsmännle

Fastnacht Jedes Jahr zur närrischen Zeit gibt es die Fastnachtsmännle. Sie sind begehrte Objekte, nicht nur bei den Zünften, die jährlich darüber entscheiden, wer verewigt wird.
  • Fotos: Roland Hasenmüller, IMAGO Medien, Ellwangen

Die Augen in Weiß, die Augäpfel und das Hemd in Hellblau, das Blech des Euphoniums in edlem Gold und die Maske der Ratte und Ärmel des Mantels in mattem Grau. Dazu kommen noch die Fliege und die Knöpfe des Fracks, jeweils getupft in leuchtendes Orange. Fertig ist die gerade mal acht Zentimeter messende Ratte der Ellwanger Jagsttal-Gullys!

Die Bemalung der Ellwanger Fastnachtsfigur 2018 erfordert viel Geduld und Feinarbeit, genauso wie ihre Vorgänger in den vergangenen viereinhalb Jahrzehnten. Auch ist die Anzahl der bemalten Figuren beachtlich: 1 500 Rohlinge werden im Vorfeld der jeweiligen Fastnachtskampagne handkoloriert. Wenn es um die Pflege und Erhaltung dieser tollen Tradition geht, ist den Ellwanger Fastnachtszünften jedoch keine Mühe und Anstrengung zu viel. Auch ist es ein bisschen der Stolz, der die Zünfte antreibt, die schon beachtliche Reihe der Ellwanger „Fastnachtsmännle“ fortzusetzen, sind die Ellwanger Figuren doch die einzigen in der näheren Umgebung, die bemalt werden.

Einmaliger Verein

Für das Bemalen der Männle hat sich sogar eine eigene Gruppierung gegründet. Unter dem originellen Namen „Frauen Männles – mol-Verein Rindelbach“ haben sich zehn Frauen zusammengetan, um mit Pinsel und Farbe den Männle zu Leibe zu rücken. Dafür sind mehrere Abende notwendig und begonnen wird schon, wenn noch niemand einen Gedanken an die fünfte Jahreszeit verschwendet, im Spätsommer. Die Männle-Malerinnen haben sich aber über die Jahre hinweg schon eine ordentliche Routine angeeignet und sich zu richtigen Detailspezialistinnen entwickelt. Die Arbeit geht so leichter von der Hand und die Gaudi kommt bei der Arbeit natürlich auch nicht zu kurz. Selbst eine eigene Fahne nennen die Frauen mittlerweile ihr Eigen. Neben der Inschrift sind dort zwei gekreuzte Pinsel über der Ratte der Jagsttal-Gullys zu sehen. Das Bemalen ist aber bereits der vierte Schritt auf dem Weg zur neuen Figur.

Nur wer ein Jubiläum feiert

Für deren Werdegang heißt es zunächst: Nach der Fastnacht ist vor der Fastnacht, denn bereits am Aschermittwoch entscheiden die Zünfte des Ellwanger Narrenrats beim traditionellen Fischessen über die Figur der nächsten Saison. In Frage kommt, welche Gruppe im folgenden Jahr ein Jubiläum feiern kann. „Narrengemäß“ sind das 11, 22, 33, 44, 55 oder sogar noch mehr Jahre. So sind schon fast alle Zünfte und Gruppen in der Männles-Galerie vertreten: Ob es die Narrenpolizei ist, das Wilde Heer aus Röhlingen, die Tintenschlecker, die Virngrundkrähen, das FCV-Männerballett, verschiedene Garden oder die Narrengruppe Kirsch – alle sind sie im Kleinformat vorhanden. Ausgewählt werden aber auch Originale aus der Ellwanger Fastnacht wie zum Beispiel S´Goischtle vom Spital oder die Figur des Königs Dübeli.

Originale der Fastnacht

Ebenso werden Figuren der Ellwanger Fastnachtsgeschichte wiederentdeckt, wie zum Beispiel die Figur des „Gambrinus“, der als Erfinder des Bierbrauens gilt und in den Ellwanger Umzügen um 1900 mitwirkte. Selbstverständlich darf auch die älteste Ellwanger Fastnachtsvereinigung, die Schwarze Schar, in der Reihe der Figuren nicht fehlen. Mit Trommler, Schellenbaumträger und einfachem Dominoträger ist die Schar, die ja eigentlich als Pennäler Schnitzelbank bekannt ist, gleich dreimal vertreten.

Über 35 Männchen von Hand

Ist die Figur ausgewählt, wird von den jeweiligen Hästrägern ein Foto gemacht, das dem Ellwanger Bildhauer Siegfried Rimpler als Vorbild dient. Der im böhmischen Weigsdorf geborene Künstler hat bereits über 35 Männle geschnitzt – eines schöner als das andere. Was der heute 82-jährige Künstler dem Lindenholz abgewinnt, ist handwerklich auf höchstem Niveau: Jeder Knopf und jede Falte eines Kostüms versteht er meisterhaft plastisch umzusetzen. Acht bis neun Stunden benötigt er für eine Figur. Von den Originalen wird im Anschluss in einem kleineren Maßstab eine Form hergestellt, von der 10 000 Exemplare in Plastik gegossen werden. Die bemalten 1 500 Figuren gehen dann für drei Euro beim Zigarettengeschäft Sperrle über den Tisch oder werden am Fastnachtssonntag vor dem Auftritt der Schwarzen Schar verkauft. Die monochromen Männle werden dagegen unmittelbar vor dem Umzug am Dienstag in der Stadt verkauft. Mit dem Erlös finanzieren die Ellwanger Zünfte den Umzug.

Immer wieder werden aber auch die Männle aus den vergangenen Jahren angefragt. Für viele Ellwangerinnen und Ellwanger sind die Figuren zu echten Sammelobjekten geworden. In nicht wenigen Haushalten hängen deshalb über die Fastnachtszeit auch Bilderrahmen in den Stadtfarben Blau und Rot, denen die jeweils aktuelle Figur hinzugefügt wird.

Bis ins Jahr 1973 reicht die Tradition der bemalten Männle zurück. Die ersten Entwürfe stammten damals noch nicht von Siegfried Rimpler, sondern von dem Ellwanger Kunstmaler Erich Pörner. Zeitweise arbeiteten beide auch zusammen an den Figuren. Auch wurde die Reihe in den 1980er Jahren und dann wegen des Zweiten Golfkriegs im Jahr 1991 ausgesetzt. Die Ideen und Vorschläge für die nächsten Figuren liegen schon in den Schubladen der Zünfte, so dass eine wichtige Voraussetzung für eine „glückselige Fastnacht“ gegeben ist.

© Gmünder Tagespost 26.01.2018 09:15
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