Hendrik Wagner erfüllt sich einen Traum

Reportage, Teil 2 Der 43-Jährige fing nach einem Flug-Schnupperkurs für das Fliegen Feuer. Seither hebt er bei der Fliegergruppe Ellwangen regelmäßig in den Himmel ab.
  • Foto: Benedikt Walther
  • Und los geht es: Die Segelflieger werden auf dem Flugplatz im Erpfental mit Hilfe einer Startwinde in den Himmel katapultiert.
    Foto: Benedikt Walther

Fliegen sei in jedem Alter machbar, sagt Hendrik Wagner. Er selbst hat nach einem kleinen Flug-Schnupperkurs bei der Fliegergruppe Ellwangen für das Fliegen Feuer gefangen. Anders, als beim Autoführerschein, darf der Flugschüler, wenn er die Alleinflugreife erreicht hat, bereits während seiner Ausbildung unter Aufsicht des Fluglehrers alleine fliegen. „Beim Fliegenlernen habe ich vom Modellflug viel mitgenommen – wie sind die Achsen eines Flugzeuges und dessen Steuerung oder die Aerodynamik zum Beispiel“, erinnert sich Wagner.

Eine reine Übungssache

Die Theorie sei ziemlich ausführlich, auch einen Funkkurs müsse man absolvieren. Ansonsten sei Fliegen eine Übungsgeschichte. „Das kann man in jedem Alter versuchen – ich glaube nicht, dass ältere Leute schwerer lernen, sie lernen nur anders“, vermutet Hendrik Wagner. Beim ersten Flugversuch mit Fluglehrer war es ihm schwindelig, nun ist es für den Wahl-Ostälbler ganz normal, in drei Sekunden von null auf hundert in die Luft katapultiert zu werden.

Wagner steht auf und geht zum Flugzeughangar. An der Decke schweben Flugzeuge, andere ruhen auf dem Boden. Mit einem Kollegen senkt er ein Flugzeug von der Decke ab, löst es aus der Befestigung, zieht die Schutzhaube ab. Besonders schwer kann und darf der Segelflieger nicht sein. Gemeinsam zieht das Duo das Vehikel aus dem Hangar. Hendrik Wagner geht anschließend zurück in die Halle. Dort hängen zahlreiche Akkus am Strom. Sie werden im Flugzeug angeschlossen, damit der Funk und auch die sonstige Elektronik läuft.

Grenzenlose Freiheit

Der Bus flitzt über die Landebahn auf den Hangar zu. An ihm wird der Segelflieger befestigt. Während Wagner sich hinters Lenkrad schwingt, hilft ein Nachwuchspilot und hält die Balance, dass die Flügel nicht den Boden berühren. „Segelfliegen ist auch eine mentale Geschichte, an den Tagen, an denen man nicht gut drauf ist, sollte man besser nicht einsteigen“, weiß Wagner. Licht bricht durch die staubige Frontscheibe des Busses. Er schaut wieder hinauf in den Himmel, prüft die Wolken. „Stell dir vor es ist ein wolkiger Tag. Du schaust den Flügel entlang, alles ist ruhig – du bist frei. Das ist einfach toll“, schwärmt er. Segelfliegen bedeute auch, natürlich abhängig vom Wetter, dort hinzufliegen, wohin man möchte – mit allen Vor- und Nachteilen.

Wind als wichtiger Faktor

Der Wind spielt dabei eine große Rolle. Von Aufwind bis Windscherung Um die Lüfte zu erklimmen, gibt es vier unterschiedliche Arten, der Atmosphäre Energie zu entziehen und Höhe zu gewinnen oder zu halten, weiß Wagner. Entweder steigt man durch einen Aufwind, der einen Hang hinaufströmt und dort gezwungen wird, aufzusteigen. „Das ist ein, bei entsprechend günstigen Strömungsverhältnissen, relativ sicherer Aufwind“, erklärt Wagner. Anders verhält es sich mit der thermischen Blase. Hier heizt sich eine bodennahe Luftschicht auf. Da sie eine höhere Temperatur als die Umgebungsluft hat, entsteht eine thermische Blase, die nach

oben steigt. „Wenn man geschickt fliegt, kann man mit dieser Blase aufsteigen“, sagt der Segelpilot. Auch kann man in Leewellen fliegen. Das schwierigste ist der dynamische Segelflug, der auf Windscherung basiert und für den Menschen in der Praxis nicht wirklich umsetzbar ist.

Es gibt nichts Erhebenderes, als mit Vögeln im Aufwind zu kreisen.

Hendrik Wagner
Mitglied der Fliegergruppe Ellwangen

Nun ist die Seilwinde im Segelflugzeug eingehakt. Wagner schultert den Fallschirm und fixiert ihn. Dann setzt er sich ins enge Cockpit des Fliegers. Er gibt das Zeichen. Augenblicklich setzt sich der Flieger in Bewegung. Gras links und rechts verschwimmt, als die Spitze des Fliegers nach oben gerissen wird. Die Bäume und Menschen, die Häuser und Fahrzeuge werden zu Miniaturspielzeug. „Es gibt nichts Erhebenderes, als Vögel, die mit dir in einem Aufwind kreisen“, ruft Wagner, die Hände fest am Steuerknüppel. Dann wird es ruhig. Das Kabel ist abgekoppelt und der Segelflieger schiebt sich seicht durch den blauen Himmel.

Mit 30 km/h unterwegs

Die zulässige Geschwindigkeit dieses Segelfliegers liegt bei 285 km/h, „aber in der Regel fliegt man natürlich nicht so schnell“, gibt Wagner zu. Der Streckenrekord liegt übrigens bei 3009 Kilometern innerhalb von gut 15 Stunden. „Wenn ich fliege, habe ich einen Schnitt von vielleicht 30 Kilometern pro Stunde“, lacht Wagner und fügt hinzu: „Anfänger eben.“ Seit vier Jahren sitzt er hinter dem Steuerknüppel, sein längster Flug hat knapp sechseinhalb Stunden gedauert. Da muss man sich schon mal Proviant mit einpacken ...!

Die Anfänge im Erpfental

Sich über den Flugplatz und wie ein Vogel in luftigen Höhen zu bewegen, das ist der Traum des Menschen seit Jahrhunderten. 1928 starteten eine Hand voll junger Männer im Raum Ellwangen mit diesem großen Traum. Tief griffen sie in die eigene Tasche, um mit einfachen Mitteln die ersten Flugversuche zu bewerkstelligen. Bei der Eigenzeller Heide, ganz in der Nähe des aktuellen Flugplatzes, war das.

Durch Rückschläge, etwa ein neues Flugplatzareal suchen zu müssen, ließ man sich nicht aufhalten. 1990 wurde der aktuelle Platz in Betrieb genommen. Heute hat der Flugplatz in Ellwangen Erpfental acht Segelflugzeuge, drei Doppel- und fünf Einsitzer und liegt inmitten des wald- und seenreichen Virngrunds. Fünf Lehrer kümmern sich um den Nachwuchs. Geflogen wird bis zum Herbst. Im Winter werden die Schüler im Bereich der Theorie unterrichtet und in der Halle die Flugzeuge gewartet und repariert. Da die Auflagen für Flugzeuge sehr hoch sind, werden diese regelmäßig überprüft.

Zwei große Veranstaltungen gibt es am Flugplatz. Zu Christi Himmelfahrt steigt der „Jazz am Flugplatz“ und Mitte August das Flugplatzfest. Außerdem gibt es regionale Segelflugmeisterschaften und Fluglager.

Teil 1 des Reportagenbeitrags ist in der Vorwoche bei inSchwaben erschienen. Wer ihn verpasst hat, kann ihn einfach noch online nachlesen unter der Webadresse: www.gmuender-tagespost.de/1666263/

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© Gmünder Tagespost 04.05.2018 17:01
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