Ein Blick auf die Alb, wie sie einmal war

Kunst Das Albmaler-Museum in Münsingen ist eine der erstaunlichsten Museumsneugründungen im Land. Die rund 170 ausgestellten Bilder zeigen eine weitgehend verschwundene Kultur
  • Foto: Wolfgang Albers

Schwerter zu Pflugscharen – die Umwandlung des Militärischen ins Zivile kann man auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Münsingen sehen. Auf diesem riesigen Areal auf der Schwäbischen Alb haben es nicht nur des Kaisers Truppen, Hitlers Divisionen, die französischen Besatzer und die Bundeswehr krachen lassen. Die Geschichte des Platzes ist auch verbunden mit der Vertreibung einer ganzen Bauerngemeinde, nämlich Gruorn.

Und jetzt: führt inmitten der Dutzende von Backsteinbauten ein Bauer den Pflug. Hinter zwei großen Pferden, die ordentlich ranmüssen: Steil wölbt sich der Acker auf eine Kuppe hoch. Nun ist die Alb vielleicht nicht Standort der Großagrar-Industrie, aber Traktoren mit mächtigen Pflugscharen haben die hiesigen Bauern schon. Dieser pflügende Bauer ist ein Bild aus der Vergangenheit, gemalt von dem 1960 verstorbenen Erich Zeyer.

Ungewöhnlicher Ort

Ein Bild von rund 170, die man in einer der erstaunlichsten Museumsneugründungen in Baden-Württemberg sehen kann: im Albmaler-Museum in Münsingen. Schon der Ort ist ungewöhnlich. Mitten in den noch völlig ungenutzten Gebäuden des riesigen sogenannten Alten Lagers, das der Münsinger Franz Tress für den Tourismus umbauen will. In einem ehemaligen Offiziersgebäude.

Das lange Gebäude mit dem Fachwerkvorbau kann platzgeplagten Museumsbetreibern vor Neid die Tränen in die Augen treiben: Die einstige Herberge für die militärischen Vorgesetzten hat einen langen Flur und 18 Zimmer und damit viele Wände. So ist großzügig Platz in hellen Räumen, die alle auch Sitzhocker zum entspannten Betrachten haben. Erstaunlich ist auch, dass dieses Museum, das nicht an einer Kulturmeile, sondern eher im ländlichen Nirwana liegt, auch unter der Woche offen hat.

Engagierte Brüder

Man ahnt schon: So viel finanzielles Engagement leistet sich eine Gemeinde eher weniger. Tatsächlich stecken hinter dem Projekt die Reutlinger Brüder Thomas und Martin Rath. Der Rechtsanwalt Martin Rath hat in den vergangenen zehn Jahren Hunderte Bilder von Alb-Künstlern erworben. Der Besucher des Museums taucht ein in eine Alb-Welt, die so nicht mehr existiert. Die Bilder stammen meist aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und zeigen eine weitgehend verschwundene Kultur: eine Agrargesellschaft, die mit der Hand und der Hilfe von Tieren schuftet. Sie zeigen Landschaften, die so leer nicht mehr sind – ein Neckarbild zeigt einen Fluss, der eher an Amazonas-Einsamkeit erinnert. Die Rekonstruktion der Vergangenheit ist merkbar ein Anziehungspunkt. Etliche ältere Besucher frischen Erinnerungen an die Kindheit auf.

Stilistisch machen es die Maler den Betrachtern leicht. Viel Öl, viel Naturalismus, mehr als impressionistische Annäherungen haben sie ihrer Kundschaft meist nicht zugemutet. Dafür eher ein bisschen Pathos in die Landschaft geholt. Karl Digels Blick von der Holzelfinger Steige ins Zellertal bringt die Greifensteiner Felsen mit alpiner Wucht ins Bild. Das kann man missverstehen. Im Besucherbuch lobt einer, der als akademischer Maler unterschreibt, den Mut, „in unserer von abstraktem Gelumpe überschwemmten ‚Kunstlandschaft’ so edle Malerei zu zeigen“.

Mit Heimat identifizieren

Aber das ist nicht die Absicht von Martin Rath. Dem in Metzingen und Reutlingen Aufgewachsenen geht es um Identifikation mit der Heimat und die individuelle Sicht von Künstlern darauf. Besonders fasziniert ihn „ihre unglaubliche Heimatverbundenheit und ihre große Leidenschaft, das im Bild darzustellen“.

Individuell waren die Künstler durchaus. Da gab es den von Brauerei-Aufträgen lebenden Stuttgarter Erich Zeyer, der deshalb gerne (Brauerei)-Rösser ins Bild mit einbaute. Oder der Betzinger Eisendreher Karl Digel, der mit 40 Jahren seinen Beruf aufgab und sich der Malerei und der Fotografie widmete. Oder der Stuttgarter Akademie-Professor Rudolf Yelin, ein Promi der kirchlichen Kunst, aber auch ein Maler der Waldinnerlichkeit auf der Alb. Interessante Biografien, manchmal auch hinsichtlich der Verstrickung ins Dritte Reich.

Da fehlt es noch an Informationen im Museum, aber Martin Rath arbeitet an einem Katalog. Und er hat noch etliches im Depot, das sich auch eines allzu lieblichen Eindrucks erwehren soll. Und schon jetzt kann der aufmerksame Betrachter Brüche wahrnehmen. Erich Zeyers Magd auf dem Ochsenkarren, die sich fast schicksalsergeben über den verschlammten Weg ziehen lässt – da ahnt man auch Mühsal und Härten.

Ein Besuch im Albmaler-Museum

Adresse
Albmaler-Museum, Altes Lager,
Gebäude OF 7, 72525 Münsingen,
Telefon 07381/9318020,
www.albmaler.de

Öffnungszeiten
Dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr.

Anfahrt
Nach Münsingen-Auingen, den Schildern Biosphärenzentrum folgen.

© Gmünder Tagespost 02.12.2016 17:14
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