Wandern mit griechischer Gelassenheit

Aktivurlaub Ein wahres Naturparadies: Die Insel Samos begeistert Urlauber mit tiefblauem Meer, herrlicher Berglandschaft – und dem „schönsten Männerpo der Antike“.
  • Foto: Franz Lerchenmüller
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Die Besucher sind hellauf entzückt. Was sich da rund, glatt und grau-weiß marmoriert, schräg über ihnen leicht vorwölbt, ist nach Meinung der Museumsführerin nicht weniger als „der schönste Männerpo der Antike“. Entsprechend selbstbewusst und geheimnisvoll lächelt sein Träger, der große Kouros, aus fünf Meter Höhe und der Distanz von 2600 Jahren.

Einst säumte er, neben vielen anderen Statuen, die fast fünf Kilometer lange Straße zum Heraion, dem Heiligtum der Gottheit Hera. Heute ist er der Stolz des Archäologischen Museums der Stadt Samos. Und er stimmt die Wanderer stilvoll ein auf die Vergangenheit der Insel. Das Heraion selbst, der Platz, an dem die Göttin angeblich geboren wurde, erweist sich als eine Ansammlung von Marmortrümmern, Kalksteinscheiben und Mauerstücken und beherbergte doch im 6. Jahrhundert vor Christus den größten Tempel der griechischen Welt.

Es war der Tyrann Polykrates, der den Bau dieser Riesenanlage in Auftrag gab, der Mann, der auch den Hafen und eine Befestigung bauen ließ und Samos zu seiner Zeit zu einer der wichtigsten Städte Griechenlands machte.

Heute ist Vathy, wie es inzwischen auch heißt, ein Städtchen von 9000 Einwohnern. Um die halbrunde Bucht zieht sich ein neuer Kai, das Plakat „So wird unsere Stadt bald aussehen“ verspricht, dass noch Bänke dazukommen. Die Fischer, die an der Mole ihre Netze ordnen, scheinen vom Tourismusbüro gecastet. In den schattigen Gassen dahinter dominieren Restaurants und Souvenirgeschäfte.

Samos, die achtgrößte Insel Griechenlands, hat viele Titel: „Die Grüne“ nennt man sie, der vielen Wälder wegen, die „Brücke zwischen West und Ost“, weil die Türkei keine zwei Kilometer entfernt ist, oder auch „die Aufmüpfige“, da hier immer ein Drang zur Unabhängigkeit herrschte. Und von allen griechischen Inseln ist sie die mit den schönsten Wanderwegen. Diese sind gut instand gehalten und führen an Weinbergen, Olivenhainen und Steinterrassen vorbei ins Grün der Berge und ins Weiß der Dörfer.

Samos war nie so bitterarm wie andere Regionen Griechenlands. Die Produktion von Öl, Leder, Wein und Tabak sorgte immer für Wohlstand. Als in den 1980er Jahren der Tourismus aufkam, opferten die Samioten der Industrie weder das Land noch ihre Seele. Deshalb gibt es auf der Insel keine Hotelburgen, die Orte fasern nicht in die Hügel aus. Manche Dörfer scheinen aus der mitteleuropäischen Zeit gefallen. Alte Männer sitzen auf blauen Stühlen im Schatten, lassen ihr Perlenkettchen durch die Finger gleiten und die Zeit passieren. Rings um sie herum wuchert es in Tontöpfen.

Die Samioten opferten weder das Land noch ihre Seele.

Franz Lerchenmüller

Bunter Farbenrausch

Mit Geranien, Fuchsien und Margeriten steuert fast jedes Haus sein botanisches Scherflein zum Farbenrausch bei. Schon am dritten Tag stellt der Wanderführer eine „gewisse Griechisierung“ der Gruppe fest: Gelassenheit kehrt ein. Beim Mittagessen wird mehr Wein nachgeordert, die Abmarschzeiten verschieben sich nach hinten. Nach der fröhlichen Tafelei geht es hinunter in die Ebene.

Das goldene Nachmittagslicht verleiht der Landschaft eine besondere Dramatik, Bergminze und Lavendel duften jetzt am stärksten, die Gespräche werden leiser und verstummen. Jeder möchte diese Bilder aufnehmen.

Die Wanderung am letzten Tag bildet den Höhepunkt der Reise: Im Kerkes-Massiv an der Nordwestküste geht es, meist eher ab- als aufwärts, von Drakei nach Potami. Auf halber Höhe führt der schmale Pfad direkt an der Küste entlang, mal auf einem Teppich aus Piniennadeln, mal über unförmige Marmorstufen oder schwarzgrauen Tuff. Bizarre, weiße Felsen ragen hoch, auf Stein gepinselte Kreuze kennzeichnen eine heilige Quelle neben einem ausgehöhlten, alten Olivenbaum.

Die kleine und die große Teufelsbucht teilen die Wanderer sich mit gerade einem halben Dutzend Kollegen – diese Strecke versammelt einfach noch einmal alles, was abenteuerlich und berauschend ist an Samos.

© Gmünder Tagespost 24.11.2017 18:01
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