Lesermeinung

Schwadronieren über Bildung

Zum Bericht über den Vortrag des Philosophen Richard David Precht beim Neujahrsempfang der Firma Zeiss:

Der Stargast beim Neujahrsempfang der Firma Zeiss, Richard David Precht, „denkt Bildung neu“ und „zerlegt das Bildungssystem“, hieß es. Was befähigt den Philosophen, Kunsthistoriker und Germanisten zum Bildungsexperten, außer dass er selbst die Schulbank gedrückt hat?

Es ist richtig unser Bildungssystem zu hinterfragen und bessere Ansätze zu suchen. Als „in Ehren ergrauter“ Lehrer habe in fast 40 Dienstjahren zahlreiche pädagogische „Inputs“ mitmachen und so manche Irrungen und Wirrungen bei Bildungsreformen aushalten müssen. Ich glaube daher, dass ich ein wenig Ahnung von der Materie habe. Einige der von Precht getroffenen Aussagen kann ich daher so nicht hinnehmen.

„Die Guten gehen nicht an die Schule“ und „Lehrer sind unterqualifiziert“ behauptet er. Solche Sätze kommen immer gut an. Ich habe es genau andersrum erlebt: Bei meinem Studium der Mathematik und Physik in Ulm für das Lehramt schafften es 80 Prozent nicht einmal bis zum ersten Staatsexamen, wechselten den Studiengang oder hörten ganz auf. Von den 20 Prozent, die dann im Seminar das Referendariat begannen, wurden nur die drei Besten in den Schuldienst übernommen, die anderen versuchten zu promovieren oder in der Industrie unterzukommen!

„Praktiker an die Schule“, sagt Precht. Ich habe Praktiker aus der Industrie erlebt, die hoffnungslos an den Schülern vorbei geredet haben, ohne es zu merken. Ich kenne auch viele Fälle von „Quereinsteigern“, die aus der Industrie in den Schuldienst wechseln wollten, aber abbrachen, weil sie nicht damit klar kamen, Schüler zu unterrichten. So einfach ist es nämlich nicht.

Precht fordert, weniger Faktenwissen und mehr Kompetenzen in den Schulen zu vermitteln. In diese Richtung geht es an den Schulen tatsächlich – aus meiner Sicht und der vieler meiner Kollegen leider.

Fragt man Ausbilder in Betrieben, welches Wissen Schüler heutzutage mitbringen, so sind sie verzweifelt. Schüler, die Karl Marx für einen deutschen Kaiser halten, keine Ahnung haben, welcher Partei Angela Merkel angehört, auf einer Deutschlandkarte die Donau bei Hamburg suchen, nicht wissen, wie viele Zentimeter ein Meter hat, Abiturienten, die eine Aufgabe nicht lösen können, weil sie mit den darin vorkommenden Begriffen „Frachtkahn“ oder „Höhenzug“ nichts anzufangen wissen.

Schüler haben heutzutage nicht zu viel Faktenwissen, sie haben zu wenig davon. Natürlich sind Kompetenzen wichtig. Man kann aber nur dann kompetent über etwas reden, etwas beurteilen, wenn man den Sachverhalt, die Fakten weiß. Und so schwadroniert Richard David Precht über das Bildungswesen ohne Faktenwissen.

© Gmünder Tagespost 15.02.2018 19:52
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Kommentare

Frieder Kohler

""Die Realität heißt, dass selbst von Pädagogen Studien gemacht worden sind, die besagen, dass zwei Jahre nach Abschluss des Gymnasiums, also nach Ablegen des Abiturs, von all dem, was da in diesen 12 oder 13 Jahren gelernt worden ist, nur noch zwei Prozent vorhanden sind, wie manche sagen. Optimisten sagen, es sind dann noch zehn Prozent übrig. Worüber reden wir hier also? Reden wir darüber, dass die Kinder und Jugendlichen Algebra lernen in der Schule? Oder reden wir darüber, dass sie in der Schule Algebra lernen sollen, damit wir dann prüfen können, ob sie in der Lage gewesen sind, vorübergehend auch mal Algebra zu lernen?"
Gerald Hüther (https://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/sendungen/alpha-forum/gerald-huether-sendung-100.html) ist auch Autor zahlreicher Sachbücher wie "Etwas mehr Hirn, bitte: Eine Einladung zur Wiederentdeckung der Freude am eigenen Denken und der Lust am gemeinsamen Gestalten" (2015). Precht, Hüther, Burger mit der Frage: Wie wirklich ist die Wirklichkeit?