Lesermeinung

Zu den Leserbriefen zur LEA, Wölfen und Flüchtlingen:

Wenn ich die Leserbriefe zu Flüchtlingen, Wölfen und anderen „Gefahren“ lese, bin ich erstaunt und beschämt, wie wir uns trotz der Sicherheit und der stabilen politischen und wirtschaftlichen Bedingungen, in denen wie leben dürfen, verunsichern und verängstigen lassen. Es ist sicher menschlich, dass wir dem Neuen oder dem Fremden gegenüber eher misstrauisch sind. Als Gruppe und auch als Einzelpersonen verlieren wir aber leicht das Maß der tatsächlichen Bedrohung und auch die richtige Einschätzung, woher die wirklichen Gefährdungen unseres vertrauten Lebensstils kommen.
Die Bedrohung für die Natur und die heimische Tierwelt kommt nicht von ein paar Rudeln frei lebender Wölfe, sondern von dem ökonomischen Druck, der die Landwirtschaft zwingt, immer effizienter und rücksichtsloser mit der Natur umzugehen. Die Bedrohung unserer Familienkultur kommt nicht von ein paar Flüchtlingen, die ihre Zweitfrau samt Kindern aus einem Krisengebiet herholen, sondern von den wirtschaftlichen Zwängen, die es für viele Familien nötig macht, die Kinder viel zu früh und zu lange in Kindertagesstätten unterzubringen, damit beide Eltern arbeiten können.
Die Ausgaben für gesellschaftliche Projekte wie Schwimmbäder, Krankenhäuser oder Altenbetreuung gehen nicht wegen der Ausgaben für Flüchtlinge zurück, sondern wegen der Bevorzugung teurer Prestigeprojekte wie Stuttgart 21 und der Forderung der Geldgeber, dass sich alles immer „rechnen muss“.
Die wahre Bedrohung unserer Lebenskultur kommt aus der Mitte unserer Gesellschaft und nicht von Außen. Viele Entscheidungsträger und Profiteure schaffen es immer wieder, die wahren Zusammenhänge zu vertuschen und unser vages Gefühl der Unsicherheit auf äußere Ziele zu lenken, damit sich an den wahren Ursachen nichts ändert. Solange wir das nicht erkennen, können wir nichts daran ändern. Ich wünsche uns als Gesellschaft mehr Mut und einen klareren Blick, die wirklich drängenden Probleme zu erkennen.

© Gmünder Tagespost 15.02.2018 10:32
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Kommentare

Frieder Kohler

"Ich wünsche uns als Gesellschaft mehr Mut und einen klareren Blick, die wirklich drängenden Probleme zu erkennen". ein Aufruf, Herr Heising, den ich mit Ihrem Beitrag sofort in mein kleines Netzwerk einspeise! Nach dem Artikel http://www.schwaebische-post.de/politik/nato-verstaerkt-abschreckung-gegenueber-russland/1647996/ wollte ich mich aus dem Kreis der "Leser-Meinungen"/-Beitraglieferanten verabschieden und hatte bei Herrn Zetts Betrachtungen (H.M.Enzensberger/Suhrkamp) schon die Zeilen der Nr.259 entwendet:"Es ist Winter geworden. In der nächsten Zeit werde ich nicht mehr vorbeikommen. Es wird mir schwerfallen, Ihre Gesellschaft zu entbehren, während Sie, wie ich hoffe, leichten Herzens ohne mich auskommen können." Ihre Mund-zu-Mund-(die Macht der Sprache/Sprechen und Denken)-Beatmung war hilfreich: Ich danke Ihnen!

Frieder Kohler

Für die am Erhalt der Demokratie (Recht- und Sozialstaat)  interessierten Leser*innen, welche die Gefahr der "Wolfsrudel" aus dem internationalen Großkapital nicht in weiter Ferne sehen, sondern Fuß- und Beutespuren am eigenen Leib erfahren:

http://www.schwaebische-post.de/leserbeitraege/einmal-luegner-immer-luegnerwer-einmal-luegt-dem-glaubt-man-nicht/1650422/