Leb wohl!

Zum Zeiselberg:

„O du wunderschöner Zeiselberg, jeden Besuch warst du einstmals wert, warst zünftig, hattest uralten Baumbestand, was man eben mit Biergärten gemeinhin verband, gemeinsam genossen wir den roten Sonnenuntergang, vor mir das flüssige Gold, an meiner Seite mein Mann, du warst die grüne Insel im grauen Gmünder Häusermeer, doch denk ich an dich nun, wird das Herz mir ganz schwer. Gut, in zweierlei Hinsicht musstest du dich wohl verstecken: Die Küche ist ebenso improvisiert wie die düsteren Toiletten, doch macht es uns die nahe Waiblinger Schwaneninsel vor, ein einstöckiger Ausschank, seitlich WCs mit Abflussrohr, mehr braucht es nicht, um die Gäste zufriedenzustellen. Schließlich geht es darum, sich zu andern zu gesellen, zu reden, zu lachen, kurz die Sorgen zu vergessen, eine Halbe zu trinken, ein Schmalzbrot zu essen. Aber wieder einmal dachte unser Oberhaupt, statt bescheiden protzig, originell und laut, „Glückslichtweg“, Erlebnisgastronomie, wieder etwas, wonach geschrien wurde nie. Der Ort, wo wir früher tranken gemütlich Bier, gleicht nunmehr einem westfälischen Kohlerevier, und jetzt sollen noch Kastanienbäume und dergleichen einer übertriebenen Neugestaltung des Geländes weichen. Älteste Stauferstadt, wo Kaiser Barbarossa verweilte schon, sollte an diesem Orte nicht auch weiterhin regieren Tradition? Müssen wir unbedingt Preise für moderne Gestaltung gewinnen, sollten wir uns nicht vielmehr auf unser kulturelles Erbe besinnen? Auf schwäbische Gemütlichkeit, altes Fachwerk und intakte Natur, auf Orte der Ruhe, Gegenpole zur immer schneller tickenden Uhr? Nein, die Stadt muss wieder glänzen bei der Remstalgartenschau, deshalb ergänzen Brücke, Turm und Rutsche den Millionenbau! Manch groben Unfug mussten wir in Gmünd schon ertragen, und jetzt sind wir dabei, auch dich noch zu Grabe zu tragen. Leb wohl, mein Freund, die Erinnerung bleibt bestehen, im nächsten Leben werden wir uns wiedersehen!“

© Gmünder Tagespost 30.03.2018 18:56
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