Lesermeinung

Zur Lesermeinung „Toleranz wird ausgenutzt“ in der Schwäbischen Post vom 6. Februar:

Aufgeblähte oder an den Haaren herbeigezogene Schein-Argumente gegen den Familiennachzug geflüchteter Menschen geistern gegenwärtig durch manchen Leserbrief. Frau Fuchs aus Wasseralfingen ängstigt sich besonders vor „vielen Frauen mit Kindern“, welche die Migrantenzahlen in die Höhe treiben und dazu noch „große Wohnungen“ beanspruchen sowie auch noch krankenversichert sein sollen! Nicht genug damit, wird die besorgte Frau auch noch von der schrecklichen Vermutung geplagt, dass viele Männer in Deutschland von der „paradiesischen Vorstellung“ träumen, „offiziell noch drei Frauen zu besitzen“!

Man muss solche Gedanken zum Thema Familiennachzug mehrmals lesen, um zu verstehen, was hinter ihren Worten steht. Zuerst möchten wir klarstellen, dass die von Frau Fuchs proklamierten Ansichten von uns keinesfalls geteilt werden.

Wir meinen, es geht dabei um grundsätzliche Dinge: Zum einen sind es die Sorgen um den (trügerischen) Frieden und eine tiefsitzende Angst vor den vermeintlich bedrohlichen Absichten der Fremden. Zum anderen ist es ein Ausdruck für mangelnde Bereitschaft, sich über den heimischen Kreis hinaus fremden Menschen zuzuwenden. Und es ist auch ein Zeichen von Unsicherheit, die in dem Unvermögen wurzelt, nach den Ursachen für die humanitären Katastrophen zu fragen.

Tatsächlich besteht in der Gesellschaft eine unausgesprochene Furcht vor Veränderungen in der Zukunft und die Ungewissheit, was sie bringen wird. Damit einher geht eine nur oberflächliche, vorurteilsgeladene Wahrnehmung der Zeiterscheinungen und die Verdrängung unangenehmer Wahrheiten. Die Folgen davon hat der spanische Maler Francisco de Goya schon vor 200 Jahren in einer Radierung über die Greuel des Krieges zum Ausdruck gebracht: „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer.“ In diesem Zustand befindet sich ein Großteil der Weltgesellschaft noch heute.

© Gmünder Tagespost 12.02.2018 18:17
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