Lesermeinung

Hauptstadt der Rüstung

Zu den Berichten über die Erweiterung von Hensoldt:

Der endgültige Bebauungsplan für das Industriegebiet Oberkochen Süd III scheint jetzt in trockenen Tüchern. Der Verbrauch geschützter Landschaft ist deutlich geringer als befürchtet, weil der südkoreanische Werkzeughersteller YG-1 angrenzendes Gelände abstößt. (...). Wenn der Rat (...) den Plänen der Stadtverwaltung zustimmt, entsteht damit auf dem Hang über der Stadt ein neues Werk des Münchner Rüstungskonzerns Hensoldt.

Hensoldt baut unter anderem das Zielerfassungsgerät Argos II, das in Kampfdrohnen wie der türkischen „Bayraktar“ eingebaut wird. Die Drohne mit dem Argos-Auge wird in der Türkei produziert — und unter Lizenz auch in Saudi Arabien. Mit der Waffe wurden 2020 und 2021 Krankenhäuser im Jemen und im Nordirak zerstört. Aserbaidschan setzte die Drohne mit Oberkochener Optik im Krieg gegen Armenien ein, und der turkmenische Diktator Berdimuhamedow präsentierte sie stolz am diesjährigen Unabhängigkeitstag.

Der Konzern Hensoldt, an dem die Bundesrepublik zu 25,1 Prozent beteiligt ist, wickelt solche Verkäufe über seine südafrikanische Tochter ab, die wiederum

eine strategische Partnerschaft mit dem saudi-arabischen Konzern Intra Defense einging. So verkauft der Konzern sein Kriegsgerät am deutschen Kriegswaffenkontrollgesetz vorbei auf internationalen Rüstungsmessen bewusst an jeden, der genug Geld auf den Tisch legt. (...)

Mit Oberkochener Rüstungsgütern begehen Autokraten in den Krisenregionen dieser Welt also schwerste Kriegsverbrechen. Deren Produktion wird jetzt wohl ausgeweitet werden — auf einem Biotop und geschützten regionalen Grünzug über Oberkochen als Teil des „Photonic Valley“. Der Stadtrat soll das zwei Tage vor Weihnachten beschließen. Es ist eine Gewissensfrage. Ich wünsche den Verantwortungsträgern ein gesegnetes und friedsames Weihnachtsfest.

Martin Schaub, Oberkochen

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