Weil sie sich liebten, mussten sie sterben

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Maria Theresia Angstenberger

Aalen. An das Schicksal von Menschen in Wasseralfingen und Treppach will die Stolperstein-Initiative erinnern. Am 23. Oktober werden für diese Stolpersteine verlegt.

Ihre Geschichten wurden nun in einem Faltblatt nach gründlichen Recherchen der Stolperstein-Initiative festgehalten. Um in Erinnerung zu rufen, was damals in Wasseralfingen und Treppach geschehen ist, wird die SchwäPo auf die Details eingehen. Zunächst mit der Geschichte von Maria Theresia Angstenberger und einem polnischen Zwangsarbeiter.

Maria wurde am 13. März in Treppach geboren, arbeitete nach der Schule in der elterlichen Land- und Gastwirtschaft tatkräftig mit. Zur Unterstützung bei der Feldarbeit kam 1943 ein polnischer Zwangsarbeiter namens Boguslaw Drazek auf den Hof. Mit der Zeit einwickelte sich, wie Zeitzeugen berichten, zwischen dem lebensfrohen Mädchen und dem Knecht eine Beziehung. Nach den damaligen Nazi-Gesetzen begingen die beiden ein „Liebesverbrechen“ – ab 1940 war der „geschlechtliche Umgang“ von Deutschen mit polnischen Zwangsarbeitern aus rassenideologischen Gründen verboten. Frauen drohte KZ-Haft, polnischen Männern die Todesstrafe.

Maria wurde heimlich schwanger. Zur Entbindung ging die 16-Jährige ins Anna-Heim nach Ellwangen. Am 21. Dezember 1943 wurde Günter geboren, und Tage später verließ Maria ohne ihr Kind die Klinik. Bei der Ankunft am Bahnhof Hofen erwarteten sie Polizisten und nahmen sie mit zum Verhör. Ganz besonders „engagierte“ sich der Chef der Wasseralfinger Polizei, Alfred Dizinger, bei den Nachforschungen über den Vater des Kindes.

Am 13. Januar 1944 wurde sie nach Stuttgart ins „Hotel Silber“, die Gestapo-Zentrale, beordert. Von dort kam sie nicht mehr zurück.

Zuerst folgte die Inhaftierung im Jugendgefängnis Waiblingen.

Die Hoffnung bald wieder nach Hause zu dürfen, erfüllte sich nicht. Nach einigen Wochen wurde sie nach Mecklenburg überführt. Dort gab es das „Jugendschutzlager“ Uckermark. In diesem KZ wurden Mädchen und junge Frauen weggeschlossen, deren Lebensweise angeblich eine Bedrohung für das NS-Regime darstellte.

Die Jugendlichen waren dort den gleichen Schikanen und Erniedrigungen ausgesetzt, wie die Insassen eines KZs für Erwachsene. Die „Aufnahmeprozedur“ fand im Hauptlager Ravensbrück statt. Den Neuankömmlingen wurden alle persönlichen Habseligkeiten abgenommen, sie bekamen gestreifte Häftlingskleidung sowie eine Häftlingsnummer zugeteilt. Ihnen wurden die Köpfe kahlgeschoren und sie mussten sich in entwürdigender Art und Weise völlig nackt den SS-Ärzten zeigen.

Der Alltag der Mädchen und Frauen bestand aus Sklavenarbeit, Schikanen, militärischem Drill, körperlichen Strafen und einer völlig unzureichenden Ernährung.

Maria Angstenberger überlebte diese Torturen nicht. Sie starb mit 17 Jahren am 13. Juni 1944. Am 23. Juni erreichte ihre Eltern die Todesnachricht. Verzweifelt wollten sie die Todesursache erfahren. Diphtherie sei es gewesen, so die Antwort aus dem Lager.

Der Sohn Günter starb am 12. April 1944. Die Todesursache des Säuglings ist nicht bekannt. Auch wenn im Fall Günter genauere Erkenntnisse nicht mehr zu gewinnen waren, zeigen ähnliche Fälle, dass der NS-Staat kein Interesse am Überleben der Kinder polnischen Zwangsarbeiter hatte, selbst wenn die Mutter Deutsche war. Das Schicksal Boguslaw Drazeks konnte bisher nicht aufgeklärt werden. Die Zeitzeugen konnten nur sehen, wie er abgeführt wurde. Wie man von zahlreichen ähnlich Fällen weiß, wurden „Ostarbeiter“ und Kriegsgefangene, denen man „verbotenen Umgang“ vorwarf, oft vor den Augen ihrer Kameraden hingerichtet.

Die Urne von Maria Angstenberger wurde auf dem Friedhof in Dewangen im Grab ihrer Großmutter beigesetzt.-afn-

  • Gastkommentar von Erwin Hafner
  • Das Denken und Verhalten von Juristen in der neugewonnenen Demokratie ist eines der dunkelsten Kapitel im Nachkriegs-Deutschland. Die Spruchkammer-Verfahren waren weithin eine Farce. Die kleinen Nazis wurden verurteilt. Die stärker Belasteten zwar auch, doch sie kamen schnell wieder zu Amt und Würden. Vor allem in der Justiz. Dank des hier herrschenden Korpsgeistes. Selbst Richter, die im Dritten Reich ohne mit den Wimpern zu zucken unter der Devise „Gesetz ist Gesetz“ Todesurteile gegen Nazigegnern unterschrieben hatten, wurden schnell rehabilitiert.
  • Wie auch Juristen auf Landesebene noch im Nazidenken verhaftet waren, zeigt das Schicksal von Maria Angstenberger aus Treppach . Nach ihrem Tod im KZ kämpften deren Angehörige nach dem Krieg für die gerichtliche Anerkennung des schreienden Unrechts, das ihrer Tochter angetan worden war. Die Begründung für die Verweigerung dieses Anspruchs durch das Landgericht Stuttgart im Jahr 1966: Maria sei kein Opfer des NS-Regimes gewesen. Und es hätten sich keine Anhaltspunkte für eine Verfolgung der jungen Frau durch NS-Gewalt-Maßnahmen ergeben.
  • Diese Haltung des Gerichts zu den Gräueltaten der Nazis ist geradezu eine Verhöhnung der Opfer – so, als ob jemand geradezu selbst schuld sei an seiner Ermordung!
  • Und heute? Der Antisemitismus flackert immer mehr auf. Unser Land ist leider auch nicht frei von „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“. Umso mehr muss die Erinnerung an Maria Angstenberger, ihr Kind und an den polnischen Zwangsarbeiter Bogslaw Drazek wachgehalten werden. Dank den Leuten der Stolperstein-Initiative.

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