Prozess um toten Zweijährigen: Whatsapp-Chats zur Misshandlung

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Der Angeklagte neben seinen Verteidigerinnen am ersten Verhandlungstag.
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Im Prozess zum Tod des kleinen Nicks werden Textnachrichten zwischen dem Angeklagten und der Mutter verlesen. Zudem kommen Vertreterinnen des Jugendamtes und Gutachter zu Wort.

Bopfingen/Ellwangen

Tag sechs im Prozess um den zu Tode gequälten 23 Monate alten Nick. Bis auf eine Zeugenaussage hat das Gericht die Beweisaufnahme abgeschlossen. Eingangs hatte die Verteidigung erneut gefordert, die Aussagen der von der Polizei vernommenen vier Kinder aus der Familie im Verfahren nicht zuzulassen. Sie hätten keinen juristischen Beistand gehabt, seien nicht belehrt worden und der Angeklagte habe keine Chance gehabt, sie selbst zu befragen oder einen Anwalt damit zu betrauen. Vergebens. Das Gericht unter dem Vorsitzenden Richter Bernhard Fritsch lehnte dies erneut ab.

Jugendamt hat nichts bemerkt

Wie der Polizist, der die Ermittlungsgruppe im Fall geleitet hat, auf Grundlage seiner Akten aussagte, gaben später auch drei Sozialpädagoginnen des Jugendamtes Schwäbisch Hall an, dass es bei Nick keine Anzeichen von Misshandlungen gegeben habe, bis der Angeklagte dort einzog. Die Familie sei seit 2019 vom Jugendamt betreut worden. Schwäbisch Hall blieb auch nach dem Umzug zuständig. Ziel sei es gewesen, die Erziehungskompetenz der Mutter zu stärken. Sie habe „ihre Kinder angeschrien und Termine sausen lassen“, die Bindung zu ihren Kindern sei aber gut gewesen. Nick sei „altersentsprechend entwickelt“ gewesen, seine Mutter habe bei Treffen einen „bedarfsgerechten Umgang“ gezeigt.

Belastende Handy-Chats

Auf Antrag der Staatsanwaltschaft wurden Textnachrichten zwischen dem Angeklagten und Nicks Mutter verlesen. Darin schreibt der Angeklagte, die Mutter solle, wenn das Jugendamt fragt, sagen „Nick ist hingefallen oder er hat sich gestoßen“ - „OK, werde ich“, antwortete sie. Am 22. September 2021 schrieb die Mutter ihm unter anderem: „Die Familienhilfe war da und hat komische Andeutungen gemacht, wegen Nick, blau wie der ist, wie ist das passiert? Was am Wochenende war, ich kenne dich so nicht. Das darf nie mehr vorkommen. Bin noch geschockt.“ - „OK, das kommt nicht mehr vor“, antwortete der Angeklagte. Zwei Tage zuvor hatte er ihr schon geschrieben: „Tut mir leid, das mit Nick, dass ich so gereizt war. Kommt nicht mehr vor.“

Verteidigung zeigt auf Bruder

Die Verteidigung suchte erneut, wie im gesamten Prozess, Nicks zweitältesten Bruder in den Blick zu rücken. Der leide an ADHS, sei aggressiv, wurde geäußert. Fast alle Zeugen befragte die Verteidigung nach dessen Aggressionspotenzial. Auch hier wurden Chats verlesen, die darauf deuten sollten, er habe etwas mit Nicks blauen Flecken zu tun.

Eine Frau, die im selben Haus in Aufhausen wohnt, sagte aus, sie habe Nicks Bruder stets als freundlich und nie aggressiv erlebt. „Er mochte Kinder und hat mit meinen Enkeln manchmal Fernsehen geschaut“, sagte sie. Zwei Tage vor der Tat habe sie die Mutter mit Nick im Haus getroffen. Dessen linke Gesichtshälfte sei rot und dunkelblau gewesen. Auf ihre Frage, was passiert sei, habe sie gesagt, der Kleine sei auf den Boden gefallen.

Befragt wurde auch die Pflegefamilie, bei der die drei nicht volljährigen Kinder der Familie - zwei Jungs, ein Mädchen - nach der Tat wohnten. Das Ehepaar sagte aus, der ältere Junge sei „nett“, habe aber „körperlich und geistig eingeschränkt“ gewirkt. Er habe ein weiteres Pflegekind, eine Vierjährige mit Handicap, immer hochheben wollen, sei aber sehr ungeschickt gewesen, weshalb man ihm das verbot. Aggressiv habe er sich nicht gezeigt, obwohl die Kinder „grob“ miteinander umgegangen seien. Um dem jüngeren Bruder, auf den der ältere fixiert gewesen sei, Rückzugsraum zu geben, habe man den älteren Bruder nach wenigen Tagen aus der Familie genommen, sagte das Ehepaar.

Eine Freundin des ältesten Bruders, der er sich anvertraut hatte, bestätigte danach im Zeugenstand dessen Version. Er sei völlig außer sich gewesen. Sie habe ihm geraten, die Fotos des misshandelten Nicks zu sichern und zum Jugendamt zu gehen. Er habe Bedenken gehabt, „dass man ihm dann seinen Bruder Nick wegnimmt und er seine Mutter in Schwierigkeiten bringt“. Dann solle er zur Polizei gehen, damit die Misshandlungen aufhören, habe sie gesagt. Doch dann sei es zu spät gewesen, sagte sie.

Schmerzen und Todesursache

Es steht im Raum, dass Nick seine schwersten Verletzungen mehrere Tage vor seinem Tod zugefügt wurden, und das Kind furchtbare Schmerzen erleiden musste. Diese Einschätzung lässt das Gutachten der Gerichtsmedizin aus Ulm zu.

Professor Christoph-Thomas Germer, Spezialist für Bauchraumchirurgie aus Würzburg, stellte dies in Frage. Er hat ebenfalls ein Gutachten erstellt - auf Grundlage des Ulmer Gutachtens. Das Trauma habe große Schmerzen an Haut und Bauchdecke verursacht, sagte er. Der Abriss des Dünndarms habe aber nicht zu einer Bauchfellentzündung geführt, die sehr schmerzhaft sei. Der Abriss des Dünndarms könne zu sehr starker Blutung führen, hier könne es aber auch zu einem spontanen Blutstopp kommen. Werde das Dünndarmgewebe über sechs bis acht Sunden nicht durchblutet, sterbe es ab. So werde es undicht und Bakterien aus dem Dickdarm könnten in den Körper eindringen, was zu einer Bauchfellentzündung führe. Eine solche wurde aber nicht festgestellt bei Nick. Ob der Abriss der Darmschlinge todesursächlich war, da sei er sich nicht sicher. Er sagte aber auch auf Nachfrage „Bei einer solchen Verletzung stirbt man innerhalb von 24 Stunden“.

Keine mildernden Umstände

Der psychiatrische Gutachter Dr. Thomas Heinrich gab seine Schlussbemerkungen. Der Angeklagte habe ein gutes Verhältnis zu seiner Familie, kein „Broken-Home-Syndrom“ oder ähnliches seien zu entdecken. Es gebe keinen Anhalt für soziale Störungen oder dissoziale Persönlichkeitsstörungen. Der Angeklagte könne lesen, schreiben und grundrechnen, sei aber von eingeschränkter Intelligenz. Einen Intelligenztest habe er abgelehnt. Seinen Drogenkonsum habe er mit zwei bis 2,5 Gramm Crystal- Meth pro Woche angegeben, täglich habe er sechs bis zehn Biere, wochenends 20 bis 30 getrunken. Schädlicher Drogengebrauch sei vorhanden, psychische Abhängigkeit im Grenzbereich. Es gebe keine Hinweise auf Bewusstseinsstörungen. „Wir berauscht könnte er gewesen sein zum Zeitpunkt der Delinquenz?“ Das müsse die Kammer klären. Er sehe keine schuldmindernden Faktoren, so Heinrich.

Vorstrafen und Haarproben

Zuvor hatte Richter Fritsch die Vorstrafen des Angeklagten aufgelistet. Von 2015 bis Ende 2017 stehen da: Bedrohung, Sachbeschädigung, Körperverletzung, fahrlässige Körperverletzung, Waffen- und Drogenschmuggel, Führen einer Waffe, Fahren ohne Fahrerlaubnis. Zuletzt erhielt er eine dreimonatige Freiheitsstrafe, ausgesetzt auf drei Jahre Bewährung. Ein forensisch toxikologisches Gutachten aus Haarproben ergab, dass er Amphetamine und Christall-Meth konsumiert habe - aber eher im niedrigen Bereich.

Die Plädoyers stehen am 17. Mai an, am 18. Mai die Urteilsverkündung.

„Bei einer solchen Verletzung stirbt man innerhalb von 24 Stunden“.

Prof. Dr. Christoph Germer, Spezialist für Bauchraumchirurgie

Mehr zur Gerichtsverhandlung:

Prozesstag 1: Totes Kind: Lebenslänglich oder nicht?

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