Warum die Kirchenglocken läuten

+
Deutlich über 700 Jahre alt ist die Magdalenenkapelle in Himmlingen, die Mesner Gottlieb Vetter seit 1969 betreut.
  • schließen

Seit Jahrhunderten ertönt zu bestimmten Tageszeiten das Geläut. Welche Bedeutung es für die Christen und die Gesellschaft hat. Drei Mesnerinnen und ein Mesner erzählen.

Adelmannsfelden

Mehrmals täglich läuten die Glocken von Kirchen und Kapellen. Besonders in den kleineren Orten wird diese Tradition noch intensiv gepflegt. Denn jedes Läuten hat seine Bedeutung, und hatte sie in früheren Zeiten noch viel mehr für die Menschen. Denn das Läuten regelte deren Tagesablauf, hatte man doch nicht immer eine Uhr und schon gar kein Mobiltelefon zur Hand, das einem die Uhrzeit verkündete.

In den kleinen Kapellen der Adelmannsfelder Ortsteilen Stöcken, Ottenhof und Bühler wird im Regelfall drei Mal täglich geläutet, an Feiertagen oder bei Hochzeiten und Trauerfeiern noch öfter. Und das aus langüberlieferter Tradition.

„Um 6 Uhr wird zum Morgengebet, dem 'Engel des Herrn'  gerufen, früher für die Bauern zum Einspannen und Beginn der Arbeit“, erzählt Carola Hirschmann, seit elf Jahren ist sie Mesnerin der kleinen St.-Anna-Kapelle in Stöcken. Sie wurde 1992 neu aufgebaut, die alte war per Tieflader „am Stück“ in ein Heimatmuseum transportiert worden. Um 12 Uhr wird dort zu Mittag geläutet, um 18 Uhr beziehungsweise um 19 Uhr zum Rosenkranz-Gebet. In der Kapelle St. Josef in Ottenhofen wird im Sommer um 20 Uhr zu Abend geläutet, ergänzt die dortige Mesnerin Barbara Traub. Ebenso wie Regina Waidmann, seit 22 Jahren in der Kapelle St. Sebastian Bühler tätig. Sie erinnert sich noch daran, dass jeder Mensch beim Läuten innehielt, die Arbeit unterbrach und den Hut abnahm.

Lange Traditionen

„Diese Traditionen wurden auf dem Land bis in die 1970er-Jahre intensiv gepflegt, als viele der Menschen in der Landwirtschaft tätig waren und Arbeit auf dem Feld noch vor allem mit der Hand erledigt wurde, ohne Maschinen“,  sagt Carola Hirschmann. „Aber auch heute befolgen viele, vor allem Ältere, die zu Hause sind, dort diese „Regeln“. Während in vielen Kapellen bis in die 1980er-Jahre die Glocken von Hand betätigt wurden, erfolgt das Läuten heute automatisch. Mittels programmierter Uhrwerke. So auch in den Kapellen der drei Mesnerinnen.

Natürlich wird hier, wie auch in den meisten Kirchen, zu Andachten, zu Feiertagen und Hochzeiten,  bei Sterbefällen und vielerorts das Freitagsläuten um 15 Uhr, geläutet. Immer eine bestimmte Glockenkombination, damit die Menschen den Anlass erkennen.

In der Schloss- und Pfarrkirche Hohenstadt wird noch heute nach der seit etwa 1650 überlieferten „Läuteordnung“ geläutet, wie Dr. Martin Häußermann, gewählter Vorsitzender des Kirchengemeinderats in Hohenstadt berichtet. Um 5 Uhr im Sommer und um 6 Uhr im Winter ist das Gebetsläuten, auch der Weckruf für die Bauern. Um 11 Uhr wurden diese zum Ausspannen aufgefordert und die Frauen zum Kochen, um 12 Uhr ist Mittag. Und um 18.30 Uhr beziehungsweise 19.30 Uhr wird noch heute zum Rosenkranz gerufen. „Dazu wird samstags um 15 Uhr, im Sommer um 16 Uhr das Wochenende eingeläutet und natürlich zu allen hohen Feiertagen, zu Trauungen, Todesfällen und anderes mehr“, erklärte Martin Häußermann. Seit 1950 wurde hier halb automatisch, seit Mitte der 1980er-Jahre vollautomatisch geläutet.

Läuten per Hand

Seit 1969 ist der heute 87-jährige Gottlieb Vetter Mesner in der Magdalenenkapelle im Aalener Teilort Himmlingen. Die kleine Kapelle ist zusammen mit der St.-Johann-Kirche die älteste in Aalen, wird sie doch 1429 erstmals erwähnt. Und das deshalb, weil sie damals schon baufällig war. „Also ist sie sicher ein deutliches Stück älter“, sagt Gertrud Vetter, die Frau des Mesners. Auch hier wird dreimal täglich – 6 Uhr, 12 Uhr, 19 beziehungsweise 20 Uhr geläutet – seit 1994 automatisch.

Davor machte das der Mesner noch komplett von Hand. Heute muss er immer noch außer der Reihe von Hand eine Glocke betätigen, so beim Totenläuten morgens um 9 Uhr, freitags um 11 Uhr, Samstag das Wochenende um 16 Uhr einläuten und zu allen Feiertagen und den Messen, die einmal im Monat in der Kapelle stattfinden. „Das sind die Zeiten und Anlässe, zu denen seit eh und je geläutet wird“, ergänzt Gertrud Vetter.

Übernommen hat Mesner Gottlieb Vetter die Tradition von seiner Mutter, die wiederum hatte es von ihrem Mann, der tödlich verunglückt war und es ihr quasi vererbt hat. Der damalige Unterkochener Pfarrer, zu dessen Gemeinde Himmlingen bis in die 1970er-Jahre gehörte, bevor sie zu Aalen kam, hatte die Familie „bearbeitet“ das Amt zu übernehmen, wie Vetter schmunzelnd erzählt. „Es macht Spaß und ich mach das Amt, solange es geht“, ergänzt er.

In allen erwähnten Kapellen und Kirchen gibt es zusätzlich das „Wetterläuten“, die Warnung vor einem Unwetter.

Um 6 Uhr wird zum Morgengebet, dem 'Engel des Herrn' gerufen.“

Carola Hirschmann, Mesnerin in Stöcken
Noch heute betätigt Mesner Gottlieb Vetter bei Anlässen außer der Reihe in der Magdalenenkapelle Himmlingen eine Glocke per Hand. Rechts im Schaltschrank ist das automatische Steuerungssystem für das tägliche Läuten.
Carola Hirschmann (links) ist Mesnerin der Kapelle in Stöcken, Barbara Traub (Mitte) in Ottenhof und Regina Waidmann in Bühler.

Zurück zur Übersicht: Adelmannsfelden

Mehr zum Thema