Anna-Lisa Bohn: Ab jetzt im Mittelpunkt

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Mittlerweile nur noch die zweitjüngste hauptamtliche Bürgermeisterin der Republik: Anna-Lisa Bohn wurde im Juli dieses Jahres in Ellenberg mit überwältigender Mehrheit zur neuen Rathauschefin gewählt.
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Im Juli wurde die 26-jährige Anna-Lisa Bohn zur Bürgermeisterin der Gemeinde Ellenberg gewählt - sie war zu diesem Zeitpunkt die jüngste Bürgermeisterin Deutschlands.

Ellenberg.

Der 10. Juli 2022 war ein historischer Tag. Nicht nur für den Virngrund oder die Ostalb. Es war ein historischer Tag für die ganze Nation. Denn: In Ellenberg wurde an diesem Tag mit Anna-Lisa Bohn die - zu diesem Zeitpunkt - jüngste hauptamtliche Bürgermeisterin Deutschlands gewählt. 81 Prozent der Wähler stimmten für die 26-Jährige, die laut eigenen Angaben eines früher überhaupt nicht mochte: im Mittelpunkt stehen.

In ihrer neuen Funktion kommt die studierte Verwaltungsfachwirtin genau darum allerdings nicht mehr herum. Bohn, für die es während ihrer gesamten Schulzeit nie infrage gekommen wäre, sich als Klassensprecherin aufstellen zu lassen, hat in den letzten Wochen oft im Mittelpunkt gestanden. Zahlreiche Pressevertreter klopften nach ihrer Wahl an, sogar das Fernsehen. "Mir war gar nicht klar, dass ich so etwas Besonderes bin. Und eigentlich will ich das auch gar nicht sein", sagt Bohn, für die große öffentliche Auftritte bis vor wenigen Monaten noch absolutes Neuland waren. Wie etwa die  Kandidatenvorstellung zur Bürgermeisterwahl oder auch die offizielle Amtseinsetzung  - beide Male war die Elchhalle genagelt voll.  Eine Portion Lampenfieber habe sie bei diesen Auftritten schon begleitet, räumt sie ein.  "Aber", sagt Bohn, "ich spüre in Ellenberg auch immer eine große Wertschätzung. Wenn ich rede, hören mir die Menschen zu." Das mache es ihr leicht. 

Dass dieser Respekt und die Wertschätzung nicht selbstverständlich sind, auch nicht im Jahr 2022, hat die junge Bürgermeisterin erst vor Kurzem bei einer Bürgermeisterschulung erfahren müssen. Der Referent, so um die 50 Jahre alt,  hatte mit dem "jungen Mädle" aus Ellenberg offenbar ein Problem: "Er hat mich den ganzen Tag sehr deutlich spüren lassen, dass ich nicht seiner Vorstellung eines Bürgermeisters entspreche. Ein Bürgermeister musste aus seiner Sicht offenbar Mitte 40 und ein Mann sein." Wie sie in der Situation reagiert hat? "Gelassen", sagt Bohn. "Er kennt mich ja nicht. Er weiß nicht, was ich kann, wer ich bin und was mich auszeichnet." Sie habe deshalb entschieden, sich nicht über diesen Referenten und seinen offen zur Schau getragenen Chauvinismus zu ärgern.

Mit ähnlichen Vorurteilen ist Bohn auch im Wahlkampf konfrontiert gewesen - allerdings nur ein einziges Mal, sagt sie. Ein älterer Herr habe sich abfällig über ihre Kandidatur geäußert. "Solche Momente sind natürlich nicht schön, aber sie dürfen einen auch nicht aus der Bahn werfen." Bohn ist überzeugt, dass sich viele Frauen von genau solchen Reaktionen und verbalen Tiefschlägen abschrecken lassen und den beruflichen Aufstieg deshalb viel zu oft Männern überlassen. Was die junge Bürgermeisterin bedauert. Wer qualifiziert ist und was drauf hat, der sollte sich auch was zutrauen und in die Verantwortung gehen, findet die 26-Jährige, die in diesem Zuge allerdings auch zugibt, dass sie selbst "sehr lange"  mit  sich gerungen habe, ob sie sich um den Bürgermeisterposten in Ellenberg  bewerben soll. Monatelang habe sie abgewogen, ob es der richtige Schritt zum richtigen Zeitpunkt ist.  Sie bringe zwar das notwendige Rüstzeug für den Job  mit - Abitur, ein abgeschlossenes Studium sowie Berufserfahrungen bei der Rentenversicherung und als Hauptamtsleiterin im Rathaus Ellenberg -, aber sie sei eben auch noch jung an Lebensjahren.  Deshalb habe sie lange gezögert, um am Ende - exakt einen Tag vor Torschluss - ihre Bewerbung einzureichen.  "Am Dienstag lief die Frist ab, am Montagabend habe ich meine Bewerbung geschrieben."

Freunde und nicht zuletzt ihr Lebensgefährte Johannes Pfanz und ihre Familie hätten sie in dieser Entscheidung bestärkt, erzählt Bohn, für die die Familie über allem steht. Die 26-Jährige ist auf einem landwirtschaftlichen Betrieb zusammen mit zwei Geschwistern aufgewachsen. Die Eltern hätten den Kindern stets vorgelebt, worauf es im Leben ankommt – auf den Zusammenhalt. „Wir helfen und unterstützen uns, wann immer es nötig ist", sagt Bohn. Für die frisch gewählte Bürgermeisterin ist es deshalb auch gar nichts Besonderes, dass sie nach wie vor auf dem elterlichen Hof mit anpackt, wenn es die Zeit irgendwie zulässt.  So bringt sie beispielsweise nach wie vor noch jeden Morgen vor der Arbeit die Ziegen auf die Weide. Danach geht's dann im alten Ford Fiesta weiter nach Ellenberg, um hier den Amtsgeschäften nachzugehen. Für Bohn ist das keine große Sache. Arbeitsscheu war die junge Frau noch nie. Einige Jahre jobbte sie im Gasthof "Zur Eiche" in Mainkling. Dort erinnert man sich noch heute gerne an Anna-Lisa Bohn und freut sich riesig über ihren Aufstieg "von der Tellerwäscherin zur Bürgermeisterin". 

Dass die Ellenberger sie im Juli mit so großer Mehrheit zu neuen Rathauschefin gekürt haben, kann die bescheidene 26-Jährige immer noch nicht so ganz fassen. "Das war einfach überwältigend." Zumal sie sich bis dahin nie habe vorstellen könne, dass andere Menschen über ihren persönlichen Werdegang einmal abstimmen werden. "Deshalb wollte ich ja auch nie Klassensprecherin werden!"

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