Mit Humus gegen den Klimawandel

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Christoph Uhl und Herbert Ullrich (v.r.) mit den CO2-Zertifikaten auf einem ihrer Äcker, der in Dammkultur bewirtschaftet wird.
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Wie zwei Landwirte aus Unterschneidheim Biolandbau betreiben und nebenbei im Boden ihrer Äcker tonnenweise Kohlenstoff einlagern. Dafür können sie nun CO2-Zertifikate verkaufen. 

  • Was ist eigentlich Humus?
  • Als Humus wird die Gesamtheit organischer Stoffe im Erdboden bezeichnet. Im Einzelnen handelt es sich um abgestorbene Teile von Pflanzen sowie um Kleinlebewesen, Pilze und Mikroben, die diese Pflanzenteile zersetzen und die darin enthaltenen Nährstoffe für lebende Pflanzen wieder verfügbar machen. Je höher der Humusanteil im Boden, desto mehr Wasser kann er aufnehmen, desto nährstoffreicher und fruchtbarer ist er. Da Humus zu einem großen Teil aus Kohlenstoffverbindungen besteht, ist humusreicher Boden eine bedeutende Kohlenstoffsenke. Das bedeutet, durch Humusanreicherung im Boden kann man der Luft Kohlendioxid entziehen. Wie viel Tonnen CO2 in humusreichem Boden eingelagert wird, lässt sich bestimmen, indem man an festgelegten Kontrollpunkten den Humusanteil regelmäßig misst und den Zuwachs auf die bewirtschaftete Fläche hochrechnet.

Unterschneidheim-Nordhausen

Wenn über den Klimawandel und den steigenden CO2-Anteil in der Atmosphäre diskutiert wird, kommen häufig Schuldzuweisungen an die Landwirtschaft. Bei der Viehhaltung werde Methan freigesetzt, noch viel klimaschädlicher als Kohlendioxid. Unterschlagen wird, dass Viehzucht und Ackerbau ganz beachtliche Mengen CO2 binden können, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind.

Zum Beispiel ist erwiesen, dass Grasland, wenn es beweidet wird, mehr Humus ausbildet, als wenn es nur gemäht wird. Das hat damit zu tun, dass Huftiere den Boden durchlüften und mit ihren Ausscheidungen Mikroorganismen einbringen, die eine stärkere Humusbildung anregen.

Herbert Ullrich und Christoph Uhl bewirtschaften seit 2017 ihre Böden ganz gezielt, um Humus, also organische Masse anzureichern. Vorher haben sie konventionellen Ackerbau betrieben. Seitdem sie für „Naturland“ produzieren, kommen weder chemischer Pflanzenschutz noch Mineraldünger auf ihre Felder, auch kein organischer.

„Das geht doch gar nicht. Wo nehmen eure Pflanzen dann die Nährstoffe her“, wenn sie das von skeptischen Berufskollegen hören, antwortet Christoph Uhl: „Im Boden meiner Felder sind Kleinlebewesen in einer Größenordnung von 20 Großvieheinheiten pro Hektar. Der Dünger, den die produzieren, dürfte reichen.“

Erfolgreicher Ackerbau ohne jede Düngung, das hört sich an wie ein Perpetuum mobile und genau so war es auch gedacht. „Wir wollten unsere Böden so weit bringen, dass wir nur noch säen und ernten müssen und ansonsten auf dem Sofa liegen“, schildert Herbert Ullrich die Vision, die entstand, als die beiden Landwirte sich über die Möglichkeiten des ökologischen Landbaus informierten.

Vorbild Ökoregion Kaindorf

Uhl und Ullrich waren unter anderem in der Ökoregion Kaindorf (Österreich). Weil die Ortschaften dort Probleme mit Nitrat im Grundwasser und Erosion hatten, starteten die Bewohner eine Initiative und bezahlen mittlerweile die Landwirte dafür, dass sie in ihren Böden massiven Humusaufbau betreiben.

„Veganen Ökolandbau“ nennen Uhl und Ullrich das Prinzip, nach dem sie wirtschaften. Der Humusgehalt im Boden ihrer Felder ist drei Jahre in Folge angewachsen, jetzt verkaufen sie ebenfalls CO2-Zertifikate. Nur das mit dem Sofa klappt noch nicht so recht. Denn es steckt eine Menge Arbeit und ständiges Dazulernen hinter ihrem Arbeitsprinzip.

Dammkultur ohne Pflügen

Zuallererst haben die beiden Landwirte ihre Pflüge verkauft und stattdessen ein Gerät zum Bearbeiten von Dammkultur beschafft. Ihre Äcker sind jetzt wie Hügellandschaft in klein: Das Getreide wächst auf 20 Zentimeter hohen Erddämmen und das hat gleich mehrere Vorteile. Die Oberfläche ist größer, das Feld erwärmt sich schneller, ist besser durchlüftet, nimmt mehr Feuchtigkeit auf. In den „Tälern“  wächst Untersaat und verhindert das Ausbreiten von Unkraut. Die Fruchtfolge aus Leguminosen und Getreide ist mit Zwischenfrüchten so angelegt, dass der Boden ganzjährig bedeckt ist. Außer den Getreidekörnern, Erbsen, Ackerbohnen bleibt alles auf dem Feld und wird wieder zu Humus.

„Hinter dieser Art der Bewirtschaftung steckt eine grundlegend andere Denkweise, die wir auch erst lernen mussten“, erklärt Christoph Uhl. Als er noch konventionell wirtschaftete, war alle Arbeit auf maximalen Ertrag ausgerichtet. „Man gibt Stickstoff auf den Acker und wenn die Pflanze schwächelt, kommt man mit Pflanzenschutz. Im Ökolandbau versuche ich dagegen, den Boden so zu beleben, dass die Pflanze sich selber schützt.“ Dazu brauche sie humusreichen, durchlüfteten Boden und hilfreiche Mikroorganismen.

Diese „effektiven Mikroorganismen“ (EM) züchten Uhl und Ullrich in der Scheune, wo es ein wenig nach Brauerei aussieht. Hier stellen sie zwei Stimulanzien her: eine Bakterienmischung mit Pilzsporen und Gesteinsmehl, die in den Boden gegeben wird und den „Tee“, der aus Humus gezogen wird. Die enthaltenen Bakterien werden in Tanks mit Zuckerrübenmelasse vermehrt, gefiltert und im Frühjahr auf die jungen Pflanzen aufgetragen. „Es geht darum, Fäulnisbakterien zurückzudrängen und die Bakterien im Boden zu haben, die günstig sind für den Aufbau von Wurzelmasse und Mykorrhiza“, erklärt Uhl. 

Die Rolle der Mykorrhiza, das ist das Pilzgeflecht, das den Boden zwischen den Wurzeln durchzieht, ist noch gar nicht endgültig erforscht. Was man weiß: Je besser es ausgebildet ist, desto besser gedeihen die Pflanzen, pflügen und Agrochemie  schädigen es.

Jährliche Humusmessung

Jedes Jahr messen die beiden Landwirte an GPS-eingemessenen Kontrollpunkten, den exakten Humusanteil. Bei Uhl ist er in drei Jahren auf durchschnittlich 3,78 Prozent angewachsen. Auf 80 Hektar hat er 720 Tonnen Humus aufgebaut, das sind 418,6 Tonnen Kohlenstoff und das entspricht einer Einlagerung von 1536 Tonnen aus der Luft gebundenes CO2. Bei Ullrich ist es sogar noch mehr.

Die Zahl zeigt, welches Potenzial der Ackerbau als CO2-Senke hat. Dass sich Uhl und Ullrich ihre Wirtschaftsweise nun in Form von CO2-Zertifikaten über das Unternehmen Carbocert mit 30 Euro pro gebundene Tonne CO2 bezahlen lassen, ist aber nur ein Nebeneffekt. Sie bleiben Landwirte und leben vom Verkauf ihrer Felderzeugnisse als Nahrungsmittel oder Saatgut. Nur: Je mehr Humus im Boden, desto besser wachsen Weizen, Gerste, Hafer, Hanf, Erbsen, Bohnen und Klee. Deshalb versuchen sie weiter noch mehr Humus anzureichern.

„Unser Boden ist unser wirkliches Kapital. Das wollen wir verbessern, indem wir ihn so bewirtschaften, dass er immer besser wird. Ob es eine Humus-Obergrenze gibt, wo sie liegt, das weiß niemand“, sagt Herbert Ullrich.

Christoph Uhl und Herbert Ullrich (v.l.) fördern mit effektiven Mikroorganismen (EM) das Milieu von Mykorizza und Kleinlebewesen im Boden ihrer Äcker. Die Bakterienkulturen züchten sie in diesen Tanks heran.

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