Wissenschaftler in Ellwangen: Blauer oder grüner Wasserstoff gegen den Klimawandel?

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Sprachen beim Vortragsabend "Wasserstoff" im Festsaal der Marienpflege: (v.l.) Landtagsabgeordneter Winfried Mack, Prof. Franz Josef Radermacher, Prof. Ernst Messerschmid, Ulrich Dobler, Bundestagsabgeordneter Roderich Kiesewetter.
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Auf Einladung des CDU-Kreisverbands sprechen im Saal der Marienpflege drei Wissenschaftler über die Chancen, die Klimaerwärmung mit der Wasserstofftechnologie aufzuhalten.

Ellwangen. Rund 70 Zuhörerinnen und Zuhörer wollten am Montagabend im Festsaal der Marienpflege, hören, was Prof Franz-Josef Radermacher, Leiter des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung in Ulm, der Astronaut Prof. Ernst Messerschmid und Ulrich Dobler, Vorstand der Oceanergy AG zur Wasserstofftechnologie zu sagen haben.

Eingeladen hatte der CDU Kreisverband Aalen/Ellwangen und Winfried Mack stellte eingangs fest: „Wir wollen klimaneutral werden und trotzdem Industrieland bleiben.“ Das Sozialniveau unserer Gesellschaft lasse sich nur erhalten, wenn die Innovationsfähigkeit der Industrie erhalten bleibt. Dass auch globale Probleme lösbar sind, habe man am Kampf gegen das Ozonloch gesehen.

Franz-Josef Radermacher meinte dazu: „Wäre beim Klima die Lösung ähnlich wie beim Ozonloch, wäre das Problem schon gelöst.“ Tatsächlich wachse die Klimaproblematik aber ständig weiter, mit der Weltbevölkerung. Bis 2060 gebe es global betrachtet jeden Monat ein Bauvolumen von der Größe New Yorks. Entsprechend wachse der Energiebedarf, denn nur mit Energie gebe es Hoffnung der Armut zu entkommen. Diese Energie klimaneutral zu erzeugen sei nicht völlig aussichtslos, weil in den Sonnenwüsten Sonnenenergie im Überfluss zur Verfügung steht. Wasserstoff sei die große Hoffnung, diese Energie speicherbar und damit verteilbar zu machen.

Allerdings hält es Radermacher für ausgeschlossen, dass die dafür nötigen Geräte, die Elektrolyseure, schnell genug in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen. Zumal zur Zerlegung von Wasser durch Sonnenstrom in den Wüsten auch das Wasser fehlt.

Der Wissenschaftler plädiert deshalb dafür, nicht allein auf den „grünen“ Wasserstoff zu setzen, sondern auch „blauen“ Wasserstoff zu akzeptieren, der aus Erdgas gewonnen wird, unter Abspaltung und unterirdischer Lagerung des dabei frei werdenden CO2.

Dass es der Menschheit gelingt, das 2-Grad-Ziel einzuhalten, hat Radermacher bereits aufgegeben. „Vielleicht schafft man 2,5 Grad“, meinte er.

Ulrich Dobler glaubt fest daran, dass „grüner Wasserstoff“ im großen Stil produziert werden kann. Sein Unternehmen Oceanergy hat schwimmende Elektrolyseure erfunden. Die Schiffe sollen von hochfliegenden Drachen durch die Weltmeere gezogen werden und Wasserstoff oder besser gleich Ammoniak erzeugen, der leichter zu lagern ist. Die Vorteile: Transportkosten entfallen, die H2-Produktion erfolgt in internationalen Gewässern, wo keine Anwohner dagegen klagen können. Dobler ist überzeugt, dass seine Erfindung Wasserstoff so günstig produzieren kann wie ein beliebiger Elektrolyseur an Land.

Der Astronaut Ernst Messerschmid, der im Spaceshuttle „Challenger“ an Siliziumkunststoffverbindungen forschte, machte darauf aufmerksam, dass ohne die Raumfahrt die Klimadiskussion noch gar nicht begonnen hätte. Erst mit den satellitengestützten Messinstrumenten ließen sich minimale Veränderungen des Meeresspiegels nachweisen. Er hofft, dass es bald Sauerstoffzertifikate für Waldbesitzer und Landwirte gibt, die es lukrativer machen, zu pflanzen und damit CO2 aus der Luft zu binden.

Außen- und Klimapolitik

Roderich Kiesewetter machte darauf aufmerksam, dass es auch außenpolitisch sinnvoll sei, in Afrika in die Erzeugung von „grünem“ Wasserstoff zu investieren. Derzeit versuche China, sich in Afrika den Absatzmarkt der Zukunft zu schaffen. „Wir brauchen dringend eine Klimaaußenpolitik“, sagte er.

Radermacher forderte, eine globale Kompensation von CO2-Ausstoß zuzulassen, wie es die Schweiz bereits praktiziere, also Aufforstungsprojekte auch in Brasilien oder Puerto Rico zu akzeptieren. „Wir müssen alles tun, was man weltweit tun kann“, sagte er. Sich auf das zu beschränken, was in Deutschland geht, wäre sträflich angesichts der wenigen Zeit, die noch bleibt zum Umsteuern.

Stefan Powolny, Geschäftsführer der Stadtwerke Ellwangen, stellte das H2-Fernwärme-Projekt vor, das einmal den neuen Stadtteil auf dem Konversionsgelände versorgen soll. Gerhard Königer

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