„Es fühlt sich sehr richtig an“

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Als nächstes will sich Bürgermeister Johannes Joas um neue Kindergartenplätze kümmern. Am liebsten wäre ihm ein Waldkindi, doch das ist auf die Schnelle und finanziell nicht realistisch.
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Warum Bürgermeister Johannes Joas nichts von Rosinenpickerei hält und wie er die Gemeinde zu einem attraktiven Arbeitgeber machen will.

Unterschneidheim

Seit rund einem halben Jahr ist Johannes Joas Unterschneidheims neuer Bürgermeister. Was der 31-Jährige bereits umgsetzt hat, was er dringend angehen will und wie es ist Bürgermeister zu sein, erzählt er im Gespräch mit dieser Zeitung.

Schwäbische Post: Wie gut sind Sie nach dem ersten halben Jahr in Ihrem Amt angekommen?

Johannes Joas: Sehr gut. Durch den Wahlkampf kommt man doch schon in eine entsprechende Schiene. Ich bin herzlich aufgenommen worden.

Und wie ist es, Bürgermeister zu sein?

Es fühlt sich sehr richtig an. Es macht wahnsinnig viel Spaß. Man kann schnell direkt etwas bewegen. Es ist wahnsinnig vielfältig, nie langweilig, aber sehr fordernd. Zeitlich und inhaltlich. Man ist an Vielem nah dran. Die Bandbreite ist beeindruckend. Privatmensch ist man aber kaum noch.

Welche Dinge hatten Sie sich für die ersten Monate vorgenommen?

Intern, mit dem Team gut vertraut werden. Die Mitarbeiter haben mich sehr gut aufgenommen, sind sehr gut qualifiziert und hochmotiviert. Da war es erst mal ein Ziel, das nicht umzuschmeißen, wenn man da frisch reinkommt und nicht zu denken, dass man selbst alles besser weiß. Der nächste Schritt war dann zu prüfen, was gut läuft. Ich bin früh raus in die Ortschaftsräte, um zu schauen, was da akut sein muss. Dass es noch einen Papierkalender gab, hat mit allerdings schockiert. Damit kann ich nicht arbeiten. Ich muss wissen, wo meine Amtskollegen gerade sind und andersrum genauso. Mobil abrufbar.

Wie weit sind Sie inzwischen mit den ersten Vorhaben?

Wir hatten in der Verwaltung einige unbesetzte Stellen. Da haben wir deutschlandweit gesucht. Und inzwischen sind zum Glück alle besetzt. Für mich ist das Bürgerbüro ein Aushängeschild der Verwaltung. Dort schlagen die Bürger auf. Das kann nicht sein, dass das nicht hinreichend besetzt ist. Da haben wir nun eine 70 Prozent-Stelle geschaffen. Bei der Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes haben wir erste wichtige Schritte bei der Digitalisierung gemacht. Unser neues Onlinestellenportal wird gut angenommen. Ich selbst komme aus einem papierfreien Büro. Der Fachkräftemangel ist enorm. Da ist es wichtig, dass wir mobiles Arbeiten anbieten können, um als Arbeitgeber attraktiv zu sein. Verwaltung ist sehr weiblich. Wir sind auf jeden angewiesen, der diesen Job gelernt hat.

Wie sieht es im Bereich Ökologie aus? Sie sind ja schließlich ein „Grüner“ Bürgermeister.

Wir müssen uns unsere Ökostrombilanz anschauen. 260 Prozent regenerative Energien erzeugen wir selbst, viel auch über Biogas und Windkraft. Es kann aber nicht sein, dass eine Gemeinde 40 kommunale Gebäude hat, auf denen keine einzige PV-Anlage ist. Der Schrei aus der Landwirtschaft ist groß. Wir haben eine krasse Flächenkonkurrenz. Das will ich nicht leichtfertig befeuern durch das Ausweisen von Freiflächen für PV-Anlagen. Da müssen wir innerorts schauen. Das neue Rathaus wird vom Blockheizkraftwerk der Schule profitieren.

Wie steht es um die Radwege?

Am Radwegenetz sind wir dran. Da schauen wir, wie wir kurzfristig Entlastung hinbekommen. Wir haben eigentlich ein Gutes, aber das deckt sich nicht mit den Bedürfnissen der Bevölkerung. Da schauen wir, wo dringend Lückenschlüsse nötig sind.

Was hat Sie im Amt überrascht, außer den Papierkalendern?

Wie viele Alltagspflichtaufgaben die einzelnen Ämter haben, die gar nicht von außen gar nicht wahrgenommen werden. Die Bürokratie ist wirklich ausladend und man hat den Eindruck, dass wir uns das Leben selbst schwer machen. Umso kritischer muss man da manches hinterfragen. Das Argument „das haben wir immer so gemacht“ reicht nicht aus.

Was sind die nächsten Projekte?

Die Gründung eines Kinder- und Jugendbeirats. Dann müssen wir mit Hochdruck das Kindergartenproblem lösen. Da fehlen uns Plätze. Es gab ja bei uns die Politik, dass es reicht, gemeindeweit einen Platz anzubieten und nicht im nächsten Kindergarten zum Wohnort. Doch die Plätze reichen grundsätzlich nicht und es fehlt den Leuten schon an Verständnis, wenn man einen Kindi im Ort hat, aber woanders hinfahren muss. Da sind wir noch nicht so weit, wie wir wollten. Eine Überlegung ist es, einen Waldkindi einzurichten. Das würde mir sehr gefallen, doch ich muss verantwortlich mit dem Geld der Gemeinde umgehen. In Zöbingen hoffen wir auf die Ortsumfahrung. Das sind wir der Zöbinger Bürgerschaft schuldig. Wir wollen der veränderten Bestattungskultur Rechnung tragen und Baumgräber ausweisen und ein Förderprogramm für die Innenentwicklung der Gemeinde ausarbeiten. Es gibt oft große Hofstellen, die nur von zwei Menschen bewohnt werden. Da muss man Anreize schaffen. Fläche ist endlich. Gewerbegebiete müssen wir einfach ausweisen. Wir brauchen die Gewerbesteuer.

Wie sieht es mit den Vereinen aus?

Vereinstermine sind nie eine Last. Das ist die Chance zum direkten Kontakt mit der Bürgerschaft. Dort sind die engagierten Leute und die Hemmschwelle ist niedriger, einen auf etwas anzusprechen.

Was möchten Sie ändern?

Mir ist es wichtig, dass wir in der Verwaltung unserer Ressourcen richtig einsetzen. Für Kleinkrutscht haben wir nicht das Personal.

Wie viel Zeit bleibt noch für Ihre Familie, Ihre Hobbys?

Johannes Joas: „Mit meinen Söhnen Johannes (3) und Paul (1,5) versuche ich morgens wenigstens zu frühstücken. Bis ich abends rauskomme, ist das eher schwierig, sie noch zu sehen. Ich hatte mir keine Illusionen gemacht, dass es eine 40-Stunden-Woche wird. Wir haben damit gerechnet. Das gehört zum Amt eben dazu.

Früher habe ich im Kirchenchor gesungen und bei den Maltesern Erste-Hilfe-Ausbildungen gemacht. Dazu fehlt inzwischen die Zeit. Sonst waren meine Frau und ich gerne tanzen oder Skifahren. Das fällt auch wegen Corona flach. Die Bürger bezahlen mich. Da haben sie auch einen Anspruch darauf, einen Großteil meiner Arbeitskraft zu bekommen. Rosinenpickerei kann man nicht betreiben.“

Ein knappes halbes Jahr ist Bürgermeister Johannes Joas im Amt. "Die Bürokratie ist wirklich ausladend", bemängelt er.

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