Das Kalkül mit dem Brustwarzenjesus

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Gerhard Polacek stand in der Schlossscheune Essingen auf der Bühne, in der Einpersonen Inszenierung "Nippeljesus" der Landesbühne Esslingen.
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Gerhard Polacek glänzt als Museumswärter Dave in „Nipple Jesus“ von Nick Hornby bei der Reihe Kultur im Park in der Schlossscheune in Essingen.

Essingen

Nick Hornbys Brustwarzenklassiker „NippleJesus“ hat sich beim Gastspiel der Württembergischen Landesbühne Esslingen auch in Essingen als Publikumsmagnet erwiesen. Der Schauspieler Gerhard Polacek hat sich nach seinem Solo wie ein Schneekönig über die große Resonanz gefreut; und überhaupt darüber, dass er wieder auf der Bühne stehen durfte.

Türsteher und Rausschmeißer

Eine Freude auf Gegenseitigkeit. Hat der etwas gwampete Österreicher dem Museumswärter Dave doch eine entwicklungsmächtige Gestalt verliehen. Wobei er sich als Typ des einfachen Mannes, der halt einen Job braucht, durchgehend treu geblieben ist. Umso eindringlicher wirken die Überlegungen, die dem ehemaligen Türsteher und Rausschmeißer der Autor bei der Bewachung des skandalträchtigen Bildes in den Mund legt. Nur ab 18 Jahren ist dessen Betrachtung erlaubt. Hat die Künstlerin den Gekreuzigten doch aus ganz vielen Brustwarzenbildchen collagiert, die sie aus Pornoheften ausgeschnitten hatte.

Damit stehen gleich drei Begriffe zur Disposition: Kunst, Blasphemie und Wahrnehmung. Dave, der mit Religion ebenso wenig am Hut hat, wie mit Kunst, freundet sich allmählich mit dem Bild an, nachdem er den ersten Nipple-Schock überwunden hat. Mannhaft verteidigt er es gegen einen wirren Spinner, einen Priester, der sich selbst von der inkriminierten Darstellung überzeugen möchte, und gegen eine echauffierte Frau. Nicht zuletzt muss er sich gegenüber seiner Frau Linda rechtfertigen, dass er so einen Schweinkram beschützt und nicht selbst herunterreißt.

Erlaubt ist, was gefällt

Dies gelingt zu seinem großen Gram doch noch einer Besuchergruppe. Sehr zur Freude der Urheberin des Bildes. Da versteht Dave die Welt nicht mehr, hat sie ihn doch zuvor noch mit einem Kuss auf die Wange als Bruder im Geiste geadelt. Tatsächlich ging es ihr nur darum, die Zerstörung des Bildes mit einer versteckten Kamera zu filmen, um damit Aufmerksamkeit zu erlangen. Doch auch diesen Schock verkraftet der einstige Türsteher. Er hat den NippleJesus für sich als schön erkannt. Kunst kennt keine Grenzen. Erlaubt ist, was gefällt.

Dass das belanglose Video später in der Villa Merkel in Esslingen kaum Beachtung finden wird, bestätigt ihn in seinem neugewonnenen Selbstverständnis. Zumal ihn seine Frau Linda plötzlich bewundernd umarmt, wie Dave zärtlich verrät. Fiktion und Realität finden hier zum Schulterschluss. Und das Publikum umarmt den Schauspieler mit langem Applaus.

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