Tierschützer kritisieren Jäger-Gottesdienst

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Auch in der St.-Galluskirche in Welzheim feierten Jäger die Hubertusmesse.

Tierversuchsgegner forderten Pfarrer Friedmar Probst auf, die Feier in der Alfdorfer Stephanuskirche abzusagen. Das hat der Geistliche jedoch abgelehnt.

Alfdorf

Jäger und Tierschützer werden sich wohl nie einig sein. Anlass für eine erneute Debatte ist die Hubertusmesse der Kreisjägervereinigung am Samstagabend in der Stephanuskirche in Alfdorf. Gastgeber Pfarrer Friedmar Probst wurde von Tierschützern aufgefordert, die Messe abzusagen. Das hat er abgelehnt. Man muss dazu wissen, dass die Hubertusmesse ein Jägergottesdienst ist. Die Veranstaltung wird jährlich zu Ehren Gottes und zur Erinnerung an den Heiligen Hubertus von Lüttich um den 3. November, dem Hubertustag, durchgeführt. Der Überlieferung nach war Hubertus als junger Edelmann ein leidenschaftlich ausschweifender Jäger, der die Erlegung des Wildes als Selbstzweck sah. Später erkannte Hubertus in allen Wesen Geschöpfe göttlichen Ursprungs und hat sich deshalb hegend und pflegend für sie verwandt. Diese Grundhaltung der "Achtung vor dem Geschöpf" ging als Waidgerechtigkeit in die Verhaltensgrundsätze der Jägerschaft ein.

Darauf nimmt Pfarrer Probst in seiner Stellungnahme zur Initiative der Tierversuchgegner Baden-Württemberg in Stuttgart Bezug: "Die Jäger, die ich kennengelernt habe, kenne ich als sorgfältig, verantwortungsbewusst agierende Menschen, bei denen die Redewendung Hegen und Pflegen nicht nur eine Luftblase ist."

Jäger holen sich nach Auffassung der Tierversuchsgegner für ihr Töten den kirchlichen Segen. Die Tierrechtsorganisation Menschen für Tierrechte Tierversuchsgegner Baden-Württemberg übt scharfe Kritik an der Kirchengemeinde. Im Vorfeld hatte sich der Verein mit einem Brief an den Pfarrer gewandt, mit der Forderung, den Gottesdienst abzusagen.

Menschen für Tierrechte fordert die Kirchengemeinde dazu auf, künftig keine Hubertusmesse mehr abzuhalten. Stattdessen schlagen sie einen ökumenischen Segnungsgottesdienst für Mensch und Tier vor, im Sinne von Albert Schweitzer und Franz von Assisi.

"Friede zwischen Mensch und Tier ist eine wunderbare Vorstellung", meint Pfarrer Probst. Die Bibel spreche vom Tierfrieden in Jesaja 11 als Vision, wenn der Gesalbte Gottes sein Reich gegründet haben wird. Albert Schweitzer versuchte diese Vorstellung in die Wirklichkeit zu implementieren in seiner Philosophie der "Ehrfurcht vor dem Leben".

In dem Spannungsfeld von "Ehrfurcht vor dem Leben" und "Fressen und gefressen werden" finde diese Diskussion um die Jagd statt. "Ich persönlich denke, es gibt hier kein 100 Prozent Weiß oder 100 Prozent Schwarz", so Probst. Die Jagd begegne dem übermäßigen Anwachsen von Populationen, die keine Fressfeinde haben. Dadurch werde der Wald geschützt. Wildtiere könnten im Freien artgerecht leben. Durch Wildunfälle im Straßenverkehr verlören viele Tiere ihr Leben. Die Konsequenz aus der Logik der Tierversuchsgegner müsste deshalb laut dem Alfdorfer Pfarrer sein, kein Auto mehr zu besteigen, was sich schwer realisieren lasse.

In der Hubertusmesse hörten die Menschen auf Gottes Wort. Es würden die Anwesenden gesegnet und nicht die Waffen. Es gehe um einen nachdenklichen und achtsamen Umgang mit Gottes Schöpfung. "Unter diesen Voraussetzungen kann ich die Institution der Jagd bejahen und kann es ethisch vertreten, eine Hubertusmesse zu feiern", meint Pfarrer Probst.

In der Messe werde die Anwesenden gesegnet, nicht die Waffen.

Friedmar Probst, Pfarrer

Was die Kreisjäger sagen: Hartmut Unger, Pressesprecher der Kreisjägervereinigung Waiblingen, lässt die Kritik der Tierschutzorganisation als andere Position stehen, die er aber nicht teile. Der Mensch sei von Natur aus ein "Allesfresser". Wer Fleisch und Wurst isst oder Lederschuhe trägt, weiß, dass dafür ein Tier sterben musste.

Würde die Einstellung der Tierschützer durchgängig in unserer Gesellschaft angewandt, hätte das weitreichende Konsequenzen. "Wie soll der Bauer überleben?" Die Landschaft würde sich gravierend verändern. Unger habe einen bäuerlichen Hintergrund, sei mit Tieren aufgewachsen und dazu hätten eben auch die Hausschlachtungen gehört. "So ist das Leben." Die meisten Menschen seien Fleischesser. "Wer ein Schnitzel auf den Teller hat, hat das Töten eines Tieres an einen Metzger delegiert."´Wenn ein Tier vom Jäger in freier Wildbahn geschossen werde, habe es keinem Tiertransport hinter sich und habe kein Schlachthaus gesehen. "Es klappt nicht immer, dass das Tier sofort tot ist, das muss ich einräumen."

Bei der Hubertusmesse gehe es nicht um die Segnung der Gewehre der Jäger, sondern um die Würdigung der Schöpfung durch eine Feier mit einem Pfarrer, Respekt und Verantwortung gegenüber Tieren und Pflanzen.

Das sagen die Tierschützer: Hubertusmessen bilden nach Angaben der "Menschen für Tierrecht – Tierversuchsgegner Baden-Württemberg" vielerorts den Auftakt für "grausame Drückjagden". Der Verein verweist auf Erhebungen, laut denen bis zu 70 Prozent der Wildtiere nicht sofort sterben. Die angeschossenen Tiere schleppten sich mit schweren Verletzungen manchmal tagelang durch den Wald, bevor sie sterben. "Das Christentum ist eine Religion, die für Barmherzigkeit, Achtung vor dem Leben und Nächstenliebe steht", so Stephanie Kowalski, Tierärztin und wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Menschen für Tierrechte. "Die Ausrichtung einer Hubertusmesse steht dazu im absoluten Widerspruch und vermittelt völlig falsche Werte."

Rainer Stütz

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