Viel gelernt aus der Flüchtlingswelle

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Dr. Peter Zaar, Ronald Krötz, Ana de Requesens Moll, Renate Teubert und Huda Hasso beim Podium zum „Haghof“ und den Folgen. Foto: hie
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Der „Haghof“, seine Folgen und ein Gespräch darüber, wie Integration gelingen kann.

Alfdorf. Sitzplätze für alle gab’s nicht mehr, als rund 450 Menschen im Herbst 2015 im Pfahlbronner Bürgerzentrum von Landrat Dr. Richard Sigel und dem damaligen Alfdorfer Bürgermeister Michael Segan erfahren wollten, wie das gehen sollte, ab Januar 2016 bis zu 300 Flüchtlinge im Hotel im Haghof unterzubringen, dem Weiler, in dem gerade mal 30 Leute wohnen. Ängste, Argwohn und anpackender Wille zum Willkommen, aus dem der Arbeitskreis Flüchtlinge erwuchs, prägten seinerzeit das Gefühlsgemenge.

Bilanz ziehen und in Bezug setzen zur aktuellen Situation, in der viele Ukrainer vor dem Krieg in ihrem Land nach Deutschland fliehen, diesen Anspruch hat nun Kirchengemeinderat Manfred Beckers als Organisator der Podiumsdiskussion zum „Haghof und seinen Folgen“. Platz gibt‘s an diesem Abend im Alfdorfer Stephanushaus genug, gut zwei Dutzend Menschen lauschen dem Gespräch zwischen dem stellvertretenden Landrat Dr. Peter Zaar, Bürgermeister Ronald Krötz, Renate Teubert vom Arbeitskreis (AK) Flüchtlinge und der 15-jährigen Syrerin Huda Hasso, die als Geflüchtete in den Haghof kam.

Damals und heute

Moderatorin Ana de Requesens Moll von der katholischen Erwachsenenbildung Ostalb gibt ihnen fünf Minuten, ihre Sicht der Situation 2016 und heute darzustellen. Zaar, damals stellvertretender Leiter des Flüchtlingsstabs im Rems-Murr-Landratsamt, erinnert sich an den „Haghof“, wo letztendlich höchstens 200 Flüchtlinge unterkommen sollten, als herausragende Flüchtlingsunterkunft, weil, der Hotel-Infrastruktur wegen, jedes Zimmer über Sanitärausstattung und Balkon verfügte. Und er erinnert sich an die Mitglieder des AK Flüchtlinge. „Die haben das gerissen“, unter anderem Fahrdienste, Deutschkurse und Kinderspielgruppen. Probleme verursachte unter anderem das unübersichtliche Gebäude. Und es mussten Zäune gebaut werden, um Konflikte mit dem Golfclub und einem Pferdehof zu vermeiden.

Reibungen und Erfahrungen

Für Bürgermeister Krötz, der damals noch Polizeipressesprecher war, ist klar, dass zum einen die Situation „Ängste ausgelöst hat“ und dass zum anderen Reibungen entstehen, wenn Menschen auf engem Raum zusammenleben müssen. Heute profitiere die Gemeinde von den Erfahrungen des AK Flüchtlinge.

Renate Teubert als AK-Mitglied unterstützt seit Januar 2016 ehrenamtlich Flüchtlinge, hauptsächlich Familien aus Syrien, Afghanistan, Iran und Irak. Sie berichtet von 27 Helfern, die im „Haghof“ Deutschunterricht gegeben haben und von den fünf Familien, die in die Alfdorfer Flüchtlingsunterkunft im Ort gezogen sind, wo es noch heute Nachhilfe, Hausaufgabenhilfe und Unterstützung im Umgang mit Formularen und Ämtern gibt. Jugendliche Flüchtlinge, die sie kennt, „haben viel für ihre Integration getan“. Eine ist Huda Hasso, die von ihrer Ankunft 2016 im „Haghof“ berichtet, von Zeiten, die „schön, aber auch schwierig waren“. Sie spricht von mehreren Umzügen in Alfdorf und davon, wie der Vater, der mit der Mutter und den Geschwistern im Publikum sitzt, Arbeit gefunden hat. Und wie die schulpflichtigen Geschwister jedes Jahr Belobigungen schafften, „obwohl das Deutsch noch nicht so gut war“.

Moll schlägt mit der Frage „Was haben wir gelernt?“ den Bogen zur Gegenwart. Zaar spricht mehrere Punkte an und begegnet mit dem ersten einer Kritik aus der Zuhörerschaft.

Trauma und Perspektive

Das Trauma: Bei der Flüchtlingswelle ab 2015 habe man „die Psyche des Menschen zu wenig in den Blick genommen“. Um von der Flucht und ihren Ursachen Traumatisierte kümmern sich heute Psychologen, außerdem baue der Kreis das Beratungsangebot aus. Der Raum: Gelernt habe man auch daraus, dass seinerzeit der Platz pro Flüchtling von 7 auf 4,5 Quadratmeter reduziert wurde. Heute „weiß man, dass man den Leuten so nicht gerecht werden kann“. Kontakt zur Heimat: Heute seien alle Unterkünfte mit WLAN versorgt. Im „Haghof“ blieb es ein Problem, dass Flüchtlinge von dort keinen Kontakt zur Heimat übers Internet bekamen.

Langer Lernprozess

„Das Wichtigste“, sagt Zaar, sei die Perspektive. Wer wisse, dass er bleiben darf, wolle sich integrieren. Die Menschen im „Haghof“ als Gemeinschaftsunterkunft mussten abwarten, ob sie ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht erhalten oder wieder gehen müssen. Anders geht es den Menschen aus der Ukraine: Bei der Flucht innerhalb Europas besteht automatisch ein Aufenthaltsrecht. Das ist der bürokratische Aspekt. Der andere: Je nach Hintergrund, die Kultur und die Gründe von Flucht betreffend, würden Menschen unterschiedlich behandelt, gesteht er auf Fragen aus dem Publikum ein. Teubert bestätig: Die Auseinandersetzung mit fremden Kulturen bedeute einen langen Lernprozess. Angesichts der aktuellen, großen Hilfsbereitschaft für die Ukraine-Flüchtlinge gibt sie zu bedenken, dass in Alfdorf Geflüchtete „aus aller Herren Länder“ leben, „die auch Hilfe brauchen“. 70 sind es insgesamt, darunter mehr als 50 aus der Ukraine, sagt Krötz. Geflüchtete möglichst dezentral unterzubringen sei wichtig für die Integration. Seine Erfahrung: Dort wo es Kontakte gibt, können Ängste ausgeräumt werden. Vorbehalte aufzulösen, „das schaffen wir nur gemeinsam“. Anja Müller

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