Dem "kleinen Kommandant" gewidmet

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Der Waldhäuser Dieter Glatzer hat die Erinnerungen seines Vaters an dessen Zeit im Krieg, seine Gefangenschaft und seine Rückkehr zur Familie als Buch herausgebracht.
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Der Waldhäuser Dieter Glatzer hat die Erinnerungen seines Vaters an Krieg, Gefangenschaft und Vertreibung als Buch herausgegeben.

Lorch-Waldhausen

In schwungvoller Schrift steht „Meinem lieben Sohn Dieter“ auf der ersten Seite des schmalen Buchs. „Das hat mir mein Vater an seinem 80. Geburtstag 1988 geschenkt“, sagt Dieter Glatzer und schlägt das Buch auf. Darin finden sich auf 60 Seiten, sorgfältig getippt, die Erinnerungen von Alfred Glatzer an den Zweiten Weltkrieg. Drei Jahre zuvor hatte der Vater dem Sohn und seinen beiden Töchtern Irene und Herta bereits Aufzeichnungen über seine Kriegsgefangenschaft, die Vertreibung aus Schlesien und die Integration in seine neue Heimat Bayern geschenkt. Dieter Glatzer hat beide Erinnerungsbände nun als Buch unter dem Titel „Der kleine Kommandant“ herausgegeben.

Der Waldhäuser sitzt im Wintergarten seines Hauses, mit Blick auf einen bunten, naturnahen Garten. „Meine Schwestern waren ganz begeistert, als sie das Buch in Händen gehalten haben“, erzählt der 76-Jährige lächelnd. Auf den 276 Seiten stehen neben dem Text zahlreiche Bilder, Abbildungen von Briefen, aber auch eine Ahnentafel, Landkarten, Dokumente wie Postkarten und Mitgliedsausweise und ein Literaturverzeichnis. „Der Text ist so, wie mein Vater ihn geschrieben hat“, sagt Glatzer. Er selbst habe lediglich die Ortsangaben überprüft oder mal eine Fußnote eingefügt, wo beispielsweise seine Schwester sich an ein gemeinsames Erlebnis ganz anders erinnert als der Vater. Außerdem hat sich der Diplom-Psychologe gründlich in die Geschichte der damaligen Zeit eingelesen. „Die wichtigsten Bücher darüber liste ich im Anhang auf.“

Kritische Sicht auf den Krieg

Das Buch seines Vaters sei das Werk eines Zeitzeugen: „Mein Vater hat 1947 begonnen, seine Erinnerungen aufzuschreiben.“ Erinnerungen an eine Jugend in Schlesien, wo Alfred 1908 in Reichenbach im Eulengebirge zur Welt kam. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde der 31-Jährige zur Wehrmacht eingezogen. „Mein Vater war Funker und fand viel Gefallen an der Kameradschaft unter den Soldaten.“ Diese positive Haltung schlug schnell um in eine sehr kritische Sicht auf den Krieg. Dieser Wandel, aber auch schlicht und einfach die detailgetreuen Berichte des Selbsterlebten, sind für Dieter Glatzer zwei Gründe, warum er das Buch herausgegeben hat. „Natürlich habe ich mich auch gefragt, warum jemand wohl etwas über die Familie Glatzer lesen möchte“, gibt der Rentner zu. Doch für ihn sei das Buch ein Dokument der Erinnerung und der Mahnung: „An den Krieg und seine Folgen, an das, was das für die Menschen bedeutet hat.“

Die schwerste Zeit im Leben

Denn sein Vater berichtete eben auch darüber, wie es ihm von 1944 bis 1947 in russischer Gefangenschaft erging. Die schwerste Zeit seines Lebens, nannte er diese Jahre zwei Monate später im Vorwort, als er mit seinem Aufschrieb begann. Hier erfährt man den Grund des Buchtitels: Alfred Glatzer durfte wegen seiner Russischkenntnisse den Tagesablauf im Lager mitgestalten und nötige Versorgungsfahrten machen. Viele Bewohner riefen ihn nach kurzer Zeit „Malenki Kommandir“, kleiner Kommandant.

Erinnerungen an die Ehefrau

Über 30 Jahre später fasste er die Erinnerungen daran zusammen, wie ihm seine Frau Emma ihre Vertreibung aus Schlesien geschildert hatte. Mit dem sechs Tage alten Säugling Dieter, ihren beiden Töchtern sowie den Eltern und ihrer Schwester musste sie im Februar 1945 ihre Heimat verlassen. „Dazu kam, dass sie nichts über den Verbleib meines Vaters wusste, er galt zu dem Zeitpunkt als vermisst“, erzählt Glatzer. Ganz deutlich macht er, dass er mit diesem Buch auch seine 1974 verstorbene Mutter ehren möchte. „Sie war eine starke Frau und hat uns Kinder in der neuen Heimat Bayern immer gut versorgt.“ Dort wurde die Familie sesshaft, und dorthin folgte ihnen Alfred Glatzer nach seiner Freilassung.

Dem weiteren Leben als Heimatvertriebener in der neuen Umgebung widmete er weitere 40 Seiten. „Mein Vater integrierte sich schnell, er war ein sehr geselliger Mensch“, erinnert sich Dieter Glatzer und erzählt von drei Gesangsvereinen, denen der Vater angehörte. 1998 starb dieser im hohen Alter von 90 Jahren.

Das Buch „Der kleine Kommandant. Die Geschichte eines Zeitzeugen: Zweiter Weltkrieg – Gefangenschaft – Vertreibung“ von Alfred Glatzer ist im tredition-Verlag erschienen, hat 276 Seiten und kostet 14,90 Euro.

Der Text ist so, wie mein Vater ihn geschrieben hat.“

Dieter Glatzer,, Buchautor

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