Letzte Fahrt der Queen in Lorcher Auto

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Das Emblem mit dem B auf der Heckklappe verrät: Der Leichnam der britischen Königin Elisabeth II. reiste in einem Bestattungsfahrzeug des Lorcher Spezialfahrzeugherstellers Binz von Schloss Balmoral nach Edinburgh.
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Millionen Menschen weltweit nehmen den Abschied von der gestorbenen britischen Monarchin wahr. Was sie auch sehen: ein Bestattungsfahrzeug vom Lorcher Spezialfahrzeugbauer Binz.

Lorch/Edinburgh

Der letzte Weg der britischen Königin ist lang, wird ausgiebigst dokumentiert und mit großer Anteilnahme von Millionen Menschen begleitet und beobachtet. Darunter auch jene, die beim Bestattungsfahrzeug genau hinschauen. So erfüllen die Berichte von der Überführung des königlichen Leichnams vom schottischen Schloss Balmoral nach Edinburgh insbesondere Mitarbeiter der ehemaligen Lorcher Firma Binz mit Stolz.

„Ich hab’s gleich erkannt“, sagt Achim Heidle. Von 1980 an hat er beim Sonderfahrzeughersteller Binz in Lorch gearbeitet, jetzt ist er Prokurist und Kaufmännischer Leiter bei Woodall Nicholson Binz International. Das Unternehmen hat die Rechte des 2019 insolvent gegangenen Herstellers übernommen und baut inzwischen auf dem Gügling in Schwäbisch Gmünd Mercedes- und Tesla-Modelle zu Bestattungsfahrzeugen um. „Das kann jeder erkennen, dass es ein alter Binz ist“, sagt Heidle über das Bestattungsfahrzeug mit dem Leichnam von Queen Elisabeth II. . Denn an der Radnabenabdeckung und an der Heckklappe sei das typische Firmensignet in Form eines „B“ für Binz erhalten geblieben.

Speziell waren die Fahrzeuge, die Binz umgebaut hat, von jeher, seien es Rettungsfahrzeuge, Stretchlimousinen, Behördenfahrzeuge. Und eben Bestattungsfahrzeuge, in denen unter anderem der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl, der frühere Außenminister Hans-Dietrich Genscher oder der einstige Bundespräsident Walter Scheel zur letzten Ruhe gefahren wurden.

Das Attribut „speziell“ reicht, was den britischen Markt betrifft, jedoch nicht aus. „Very special“ - sehr speziell, trifft es besser. „In England gibt es ein anderes Bestattungszeremoniell“, sagt Heidle. „Die englischen Fahrer tragen bei der Bestattung Zylinder“, die Fahrzeuge müssen entsprechend hoch sein. Nachdem die Wagen zersägt seien, lasse sich nicht nur die Karosserie verlängern, sondern auch die Höhe speziell gestalten, erklärt Heidle. Und nennt eine weitere Besonderheit britischer Bestattungen: Dort sei es üblich, dass Familienmitglieder des Verstorbenen im Bestattungswagen mitfahren, darum gibt es hinter Fahrer- und Beifahrersitz weitere Plätze, es braucht also einen Kabinenwagen, wie ihn auch die aktuelle Baureihe des Binz H4 biete, die aus dem Modell W213 des E-Klasse-Mercedes hergestellt wird. Bei dem Modell, in dem die Queen nun ihre letzte Reise angetreten hat, handle es sich um einen E-Klasse-Mercedes der Reihe W212, die bei Binz in Lorch etwa zwischen 2009 und 2016 umgebaut wurde, sagt Heidle. 40 bis 50 Stück pro Jahr seien in dieser Zeit an Großkunden geliefert worden, die die Fahrzeuge dann an Bestattungsunternehmen weiterverkauft haben.

Eine weitere Besonderheit am Bestattungsfahrzeug der britischen Königin fällt auf: Es verfügt über eine Dachreling. Auch dies sei ein Sonderwunsch, sagt Heidle, weil die Briten das Dach eines Bestattungsfahrzeugs gern mit Blumengestecken dekorieren.

Die Wahl fiel auf Binz

Es gibt viele Hersteller von Bestattungsfahrzeugen, sagt Heidle. Auch in Großbritannien hätte es sicherlich andere Fahrzeuge gegeben für den Sarg der Queen. Umso mehr erfülle es die ehemaligen Binz-Mitarbeiter mit Stolz, von denen außer Heidle noch zwei, drei weitere bei Woodall Nicholson Binz International arbeiten, wie der Kaufmännische Leiter erzählt. Das gebe Mitarbeitern etwas, zu sehen, „wir haben das hinbekommen“. Schließlich gebe es für eine Insolvenz vielfältige Faktoren, nicht unbedingt ein schlechtes Produkt. Und das Bestattungsfahrzeug der Queen, „das ist wirklich Handarbeit“.

Für den Dienstagabend sah das Protokoll der Trauerfeierlichkeiten vor, dass sich der Sarg der britischen Monarchin auf die nächste Etappe der Reise begibt, diesmal im Flugzeug von Edinburgh nach London. Dort soll der Sarg der Queen an diesem Mittwoch in einer Prozession vom Buckingham-Palast zur Aufbahrung in der Westminster Hall gefahren werden – mit einer Pferdekutsche.

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