Plüderhausen: Kein Badesee, nur noch eine Badestelle

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Badesee Plüderhausen

Um künftig nicht haftbar zu sein, wenn es zu Unfällen kommen sollte, wird in Plüderhausen ein Teil der Maßnahmen für die Gartenschau jetzt wieder rückgebaut

Plüderhausen

Frustrierend“, „sehr unerfreulich“, „das deutsche Bürokratiemonster kotzt mich an“: Die Kommentare im Gemeinderat zu den anstehenden Veränderungen am Plüderhäuser Badesee, der künftig nur noch See heißen soll, waren mehr als deutlich. Nach einer langen, teils recht emotional geführten Debatte hat sich das Gremium aber einigen können, wie es dort weitergehen soll.

Wieso beschäftigt sich die Gemeinde überhaupt mit Haftungsfragen am See? In den beiden vergangenen Jahren ist die Haftungsfrage von Kommunen bei Badeunfällen breit diskutiert worden. Die Gemeinde Plüderhausen hat deshalb Anfang 2021 eine Anfrage an die Württembergische Gemeindeversicherung gestellt. Das Ergebnis: Weil der See wie ein Naturbad gestaltet ist, wären dort eigentlich professionelle Badeaufsichten nötig. Die Gemeinde hat daraufhin ein Gutachten bei der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen in Auftrag gegeben, um dies zu konkretisieren.

Vor welchen Alternativen steht die Gemeinde? Die Gemeinde könnte ein komplettes Badeverbot verhängen, wie das etwa am Herrenbachstausee gilt, „das will aber sicher niemand in Plüderhausen“, so Bauamtsleiter Ludwig Kern. Oder sie muss sich am See entscheiden zwischen einer Badestelle und einem Naturbad. Für Letzteres wären bis zu drei ausgebildete Aufsichten notwendig, darüber hinaus Servicekräfte, die ihnen den Rücken freihalten. Außerdem müsste der See eingezäunt, ein Rettungsboot beschafft und Öffnungszeiten festgelegt werden. Kurzum: „Für die Plüderhäuser würde sich dadurch sehr viel ändern“, sagt Kern. Zudem wären damit Personalkosten von rund 200 000 Euro jährlich verbunden, die Einzäunung dürfte etwa 80 000 Euro kosten. Eine zudem dafür nötige Verbesserung der Sanitäranlagen wäre hier noch gar nicht eingerechnet.

Deutlich günstiger wäre eine Badestelle. Dafür müssten für 10 000 Euro Schilder angebracht werden, die auf die Gefahren hinweisen, die Stege müssten Geländer bekommen und es bräuchte einen zusätzlichen Einstieg Richtung Osten. Außerdem müsste die Badeinsel in der Mitte des Sees entfernt und die Rutsche im Kinderbereich entfernt und auf die Wiese verlagert werden. Verbunden wären damit nur einmalige Kosten. Veranstaltungen am See wären davon unbenommen. Beides müsste bis zum Beginn der Badesaison umgesetzt werden.

Was empfiehlt die Verwaltung für den See? Bauamtsleiter Ludwig Kern, der auch für den See zuständig ist, spricht sich für den Rückbau zur Badestelle aus: Weil sich dadurch am wenigsten für die Bürger ändere und weil das zur finanziellen Lage der Gemeinde am besten passe.

Das sieht auch Bürgermeister Benjamin Treiber so, für den die nun anstehenden Veränderungen „sehr unerfreulich“ sind, denn „ich bin mir sicher, dass sich die Sicherheit dadurch nicht verbessert“. Es sei auch „wirklich ärgerlich“, weil man vor der Gartenschau so viel am See investiert habe. Sicher sei aber: „Nichts zu tun ist keine Option“, zumal die Gemeinde es jetzt schwarz auf weiß im Gutachten stehen habe, dass sie bei einem Unfall haftbar wäre.

Wie steht der Gemeinderat zu dem Thema? Viele Ratsmitglieder ärgerten sich über das Ausmaß der Bürokratie in Deutschland. Die Mehrheit des Gremiums sprach sich dennoch klar für den Rückbau zur Badestelle aus. „Da brauchen wir nicht weiter zu diskutieren, wir haben nicht das Geld für drei Bademeister“, meinte Carlo Fritz (FW-FD). Denn: „Uns bleibt nicht viel anderes übrig“, meinte Marcel Schindler. Andreas Theinert sah in diesem Fall „versicherungstechnische Gefahr in Verzug“, deshalb müsse man in Richtung Badestelle gehen, „eine andere Chance haben wir nicht“. Und Claudie Jensen (FW-FD) sagte: „Ich glaube, dass es das Natürlichste für Plüderhausen ist und dass wir das jetzt schnell machen sollten.“

Hätte ein Rückbau möglicherweise auch Vorteile? Durchaus: „Wenn nachher weniger los ist am See, ist das doch für die Plüderhäuser gut“, meinte Carlo Fritz (FW-FD). An heißen Tagen ist es dort tatsächlich häufig überlaufen. Und sein Fraktionskollege Peik Reitler meinte: „Die eigentliche Attraktivität geht nicht verloren, was der große Wert für Plüderhausen ist, bleibt.“ Mit den Pächtern am Kiosk sei das Thema auch bereits besprochen, sagte Bürgermeister Treiber. Er versprach: „Wenn es zu einem totalen Einbruch bei den Besucherzahlen kommt, müssen wir uns den Vertrag noch mal anschauen.“ Auf jeden Fall sei der Rückbau aber „eine bessere Lösung, als wenn wir einen Zaun drumrum machen“.

Wie fiel die Entscheidung im Gremium aus – und wie geht es jetzt weiter? Noch einmal das Thema vertagen: Das wollte SPD-Rat Klaus Harald Kelemen. Diesem Antrag stimmte aber nur er zu. Kelemen war dann auch der Einzige, der gegen den Rückbau stimmte. Rechtzeitig zum Beginn der Saison 2022 soll der See jetzt zur Badestelle entwickelt werden. Finanzieren kann dies die Gemeinde durch Umschichtungen im Haushalt.

  • Blaualgen im See: Was die Gemeinde Plüderhausen jetzt dagegen tut
  • Wer dem Plüderhäuser See zuletzt einen Besuch abgestattet hat, wird sie bemerkt haben: jene blaugrünen Schlieren im Wasser. Die Cyanobakterien, auch Blaualgen genannt, bevölkern gerade sogar im Winter den See – und nicht nur, wie in den vergangenen drei Jahren, im Sommer. Im Gremium wurden nun erste Maßnahmen gegen die Blaualgen beschlossen. Eine schnelle Lösung verspricht sich aber auch der Bürgermeister Benjamin Treiber dadurch nicht: „Ich glaube, dass das ein längerer Prozess sein wird.“
  • Folgende Maßnahmen wurden im Gremium nun einstimmig beschlossen: Infotafeln und Mitteilungen im Gemeindeblatt sollen auf Verhaltensregeln hinweisen und zur Nutzung der sanitären Einrichtungen und Einstiege animieren. Denn der menschliche Eintrag in den See gilt als eine der Ursachen für die Ausbreitung der Blaualgen. Die Steinblöcke im Kleinkindbereich sollen entfernt werden, um die Wasserzirkulation zu verbessern. Auch im Nichtschwimmerbereich soll die Wasserzirkulation verbessert werden. Gehölze sollen rückgeschnitten werden, um den Nährstoffeintrag zu verringern. Die Gänse sollen weiter vergrämt werden. Nicht zuletzt sollen die Schilfbestände gepflegt werden. ⋌mel

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