Damit die Mähmaschine kein Kitz tötet

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Rehkitz Lorch Drohne
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Die Lorcher Jagdpächter um Alexander Wörner suchen seit kurzem mit einer Drohne nach jungen Rehen, bevor eine Wiese gemäht wird.

Lorch

Konzentriert schaut Lukas Hofmann auf den kleinen Bildschirm in seiner Hand. Plötzlich stutzt er. „Alex, das ist eins“, sagt der 24-Jährige ruhig und zeigt Alexander Wörner den Bildschirm. Der nickt, schnappt sich eine graue Kiste und durchpflügt im Laufschritt das hohe Gras. „Jetzt links von dir“, meldet ihm Hofmann übers Funkgerät, und Wörner wird langsamer. Da raschelt es auf einmal dicht neben ihm, kurz sind Fell und Ohren zu sehen. „Es springt in den Wald“, meldet Wörner, schaut dem Rehkitz hinterher und macht sich auf den Rückweg. Hofmann und Wörner suchen Wiesen nach versteckten Kitzen ab. Erst danach mähen die Landwirte das Gras ab.

Am Samstagmorgen geht die Suche um 4.45 Uhr in Rattenharz los. Gemeinsam mit Daniel Ulmer fahren Wörner und Hofmann zur ersten Wiese unterhalb des Ortes. Ulmer und Wörner sind Jagdpächter von benachbarten Gebieten in Rattenharz, Unterkirneck und Waldhausen, Hofmanns Vater jagt zwischen Rattenharz und Wäschenbeuren. „Wenn ein Landwirt mähen will, gibt er uns Jagdpächtern Bescheid, damit wir vorher nach Kitzen schauen können“, erklärt Wörner. Damit keines der Tiere von den Mähmaschinen getötet wird.

Endlich fliegt eine Drohne

„Gesetzlich ist jeder Landbesitzer verpflichtet, vor dem Mähen nach Kitzen zu suchen oder suchen zu lassen“, erzählt Ulmer. Wörner ergänzt: „Ein Verstoß kann mit mehreren tausend Euro Strafe belegt werden.“ Früher liefen mehrere Männer samt Hunden durch die Wiesen. „Das war sehr aufwändig“, sagt Wörner, „und die Fehlerquote war hoch“. Also die Gefahr, dass man ein im hohen Gras verborgenes Rehkitz nicht findet. Der 53-Jährige zeigt ein Foto, auf dem ein kleiner brauner Körper kaum sichtbar unter einer krautigen Pflanze versteckt liegt.

Seit gut zwei Wochen ist die Suche einfacher und sicherer: „Mit Hilfe einer großzügigen Spende der Jagdgenossenschaft Lorch und einer Förderung des Bundes von 60 Prozent konnte über die Jägervereinigung Schwäbisch Gmünd endlich eine Drohne angeschafft werden.“ Immerhin koste diese 6500 Euro. In die Drohne ist eine Wärmebildkamera eingebaut, über die die gut 20 Grad warmen Tiere im Gras aufgespürt werden. Der Bildschirm im Steuermodul zeigt sowohl ein normales Luftbild als auch ein Wärmesensorbild. Schwarz bis violett gefleckt ist der kalte Boden, die drei Männer werden als grellorangene Punkte angezeigt. „So würde man auch das Kitz sehen.“ Allerdings nur, solange die Lufttemperatur 20 Grad nicht übersteigt. „Dann erkennt man kaum mehr einen Unterschied auf dem Bildschirm.“ Also fliegen die Jagdpächter entweder frühmorgens oder spätabends.

Das Kitz wartet in der Box

Beim ersten Rundflug macht Wörner eine warme Stelle nahe am Waldrand aus. Hofmann und Ulmer machen sich auf den Weg. „Ein Kitz würden wir vorsichtig in einer Box verstauen“, sagt Ulmer. Darin bleibe es bis nach dem Mähen. Sobald es freigelassen wird, rufe es sofort nach seiner Mutter. „Die findet es dadurch wieder“, so Wörner. Dieses Mal kommen die beiden Männer mit leeren Händen zurück. „Das war wohl eine Liegestelle“, vermutet Hofmann. Wenn ein Tier eine Weile im Gras gelegen hat, sei die Stelle auch einige Zeit danach noch warm.

Natürliche Lebensversicherung

13 Kitze haben Wörner und seine Kollegen in den vergangenen zwei Wochen gefunden und gerettet. Dass die nur wenige Tage jungen Tiere trotz Gefahr im Gras verharren, sei ihre natürliche Lebensversicherung. „Ein frisches Kitz könnte einem Angreifer sowieso nicht davonrennen.“ Also setze es auf den Effekt des Versteckens. Sind die Tiere dann ein paar Wochen alt, ändert sich das und sie flüchten.

So wie kurz vor Wörners Füßen auf der Wiese von Hannfried Munz. Der Oberkirnecker Landwirt beobachtet die Jagdpächter vom Weg aus, er will gleich mähen. Eigentlich habe er zuerst die Arbeit im Stall erledigen wollen. Doch weil es am sichersten sei, direkt nach der Suche zu mähen, sei er jetzt hier. „Ich bin dafür gern früher aufgestanden“, sagt er. Das finde er toll, lobt Raimund Menrad. Der Jagdpächter von Oberkirneck steht neben Wörner und Hofmann und erzählt, dass sie vergangene Woche fünf Kitze auf einer Wiese in seinem Gebiet gefunden hätten.

Die neue Drohne soll künftig in erster Linie auf Lorcher Gemarkung eingesetzt werden, erzählt Alexander Wörner auf dem Weg zurück nach Rattenharz. „Genauer gesagt im Hegering West, so heißt das Jagdgebiet.“ Außer ihm hätten bislang vier Lorcher Jagdpächter den Führerschein für das Gerät gemacht. „Wenn die Zeit es zulässt, fliegen wir aber auch für umliegende Landwirte.“

Ein Rehkitz im hohen Gras, das Alex Wörner und seine Kollegen gefunden haben. Landwirt Hannfried Munz (links) freut sich über die Hilfe der Jagdpächter Lukas Hofmann, Alexander Wörner und Raimund Menrad. Sie durchsuchen seine Wiese bei Oberkirneck mit einer Drohne nach Rehkitzen, bevor Munz sie dann mäht. Fotos: privat, cop (2)

Morgens um 4.45 Uhr lässt Jagdpächter Alexander Wörner die Drohne zur Suche nach Rehkitzen über Rattenharz steigen.

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