Das Elend ist nicht vorstellbar

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Magdalena Hefele-Golubic überreicht gespendete medizinische Hilfsmittel an Kliniken in Kroatien. Die Lorcher Ärztin ist noch bis Mittwoch mit ihren Helferinnen Beyza Erol und Sibel Demir im Gebiet, wo am 29. Dezember ein schweres Erdbeben so vieles zerstörte.

Die Lorcher Ärztin Magdalena Hefele-Golubic meldet sich vom Hilfstransport und berichtet aus dem Erdbebengebiet in Kroatien von Elend und Zerstörung.

Lorch/Petrinja in Kroatien

Magdalena Hefele-Golubic ruft am Montagmittag vom Handy aus an. Im Hintergrund brummt ein Motor. "Wir fahren gerade zu einem weiter entfernten Krankenhaus", erzählt die Ärztin, die in Lorch Allgemeinmedizin praktiziert. Ihr Vater sitzt am Steuer des Lieferwagens, den Hefele-Golubic in Deutschland gemietet hat.

Voll beladen mit gespendeten Medikamenten, Hygienemitteln, Blutdruckgeräten und Spritzen war der Sprinter, als Hefele-Golubic vergangenen Freitag damit ins Heimatland ihrer Eltern reiste. Mit dabei ihre Arzthelferinnen Beyza Erol und Sibel Demir. Die drei Frauen wollen den Opfern des Erdbebens vom 29. Dezember helfen. Am Mittwoch soll es zurück nach Deutschland gehen.

Untergekommen sind sie bei Hefele-Golubics Eltern, die 80 Kilometer entfernt von Petrinja leben, dem Epizentrum des Bebens. "Wir fahren jeden Morgen los und beliefern Kliniken, Gesundheitszentren und Familien mit unseren Spenden", erzählt die 38-Jährige. Tatsächlich dauert das länger als gedacht. Die Straßen seien teilweise in so schlechtem Zustand, dass das Ausliefern auch am dritten Tag nicht beendet ist. "Dabei haben uns Ärzte hier angeboten, mitzuhelfen, die Patienten vor Ort zu versorgen." Das muss noch warten.

Hefele-Golubic hatte noch in Deutschland über die sozialen Medien bekannt gemacht, dass sie mit medizinischen Hilfsmitteln nach Petrinja kommt. "Daraufhin haben sich gut 15 Familien gemeldet, denen es besonders schlecht geht." Für diese wurden Pakete mit benötigten Medikamenten oder Geräten geschnürt. Welche die Frauen jetzt ausliefern. Außerdem erhalten Kliniken Kartons mit Masken, Handschuhen und medizinischen Gegenständen. Viele Helfer seien vor Ort, doch die Situation sei chaotisch. "Die Regierung schafft es nicht, Hilfe in dem Ausmaß und in der Schnelligkeit zu bieten, wie sie benötigt wird."

Hefele-Golubic erzählt von Menschen, denen sie helfen konnten. "Eine Frau zum Beispiel hat hohen Blutdruck und dazu Verbrennungen erlitten." Sie habe sich so sehr über ein Blutdruckmessgerät und Verbandsmaterial gefreut. "Noch viel mehr aber über das Gespräch und die Wertschätzung."

Dass sich Menschen aus Deutschland aufgemacht haben, um ihnen zu helfen, bedeute den Betroffenen viel. Eine andere Familie habe sich über ein Fieberthermometer und Medikamente gefreut. "Der Familienvater hat eine transplantierte Niere." Ganz schockiert sei sie gewesen, weil die Familie in einem kleinen Container neben dem eigenen Haus leben muss. "Bei Außentemperaturen von vier bis fünf Grad", man hört am Telefon die Fassungslosigkeit der Ärztin, "das Elend ist nicht vorstellbar."

Wir sind zum Angsthaben viel zu beschäftigt.

Magdalena Hefele-Golubic

Das Haus der Familie sei von den Behörden mit einem roten Kleber versehen worden: "Es ist einsturzgefährdet". Hefele-Golubics Vater wirft ein, dass von 45 000 Häusern in der Gegend gesprochen wird, die neu aufgebaut werden müssten.

Seine Tochter sagt: "Das wirkt hier teilweise wie eine Filmkulisse, total surreal." Überall Risse im Asphalt und in Fassaden sowie eingestürzte Gebäude. "Vom Krankenhaus in Sisak, das zuvor 450 Patienten behandeln konnte, ist nur noch ein kleiner Teil für 50 Menschen benutzbar." Das Militär habe vor der Klinik abgeriegelte Zelte aufgebaut, in denen Covid-Patienten versorgt werden müssen. "Corona gibt es hier natürlich auch."

Übrigens bebe immer noch täglich der Boden. "Man fühlt einfach, die Erde ist unruhig", versucht Hefele-Golubic das anschaulich zu beschreiben. Ob sie und ihre Helferinnen Angst haben? "Nein, dazu sind wir viel zu beschäftigt", antwortet sie.

Wie man helfen kann: Spenden können an das Lorcher "Forum 58plus" unter dem Stichwort "Spende Erdbeben" an IBAN DE03 6145 0050 1001 2420 79 überwiesen werden und gehen über Dr. Hefele-Golubic direkt an die Opfer des Erdbebens in Kroatien.

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