Die Alltagslast bleibt auf der Erde

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Geht nicht gibt's nicht, hat sich die Fliegergruppe Lorch gesagt und einem Menschen, der seit Jahren auf den Rollstuhl angewiesen ist, zwei Starts im Segelflugzeug ermöglicht.

Lorch

Kann ein Rollstuhlfahrer segelfliegen? Spontaner Gedanke: Geht nicht – oder doch? Edgar (Name geändert) kann sich seit Jahren nur mit dem Rollstuhl fortbewegen. Seine Beine kann er nicht mehr aktiv bewegen und muss auch mit anderen Einschränkungen leben, ist abhängig von der Hilfe anderer. Doch er würde so gerne einmal aus einem Segelflugzeug auf die Welt blicken.

Daniel Ziegler ist Vereinsvorsitzender der Fliegergruppe Lorch und Pilot von Segelflugzeugen. Als ihm ein Vereinsmitglied vom Wunschtraum des gehandicapten Freundes erzählte, fragte er: "Warum nicht?" Er informierte sich über Formen und Auswirkungen von Beeinträchtigungen: Krämpfe, unkontrollierte Bewegungen, Kopfkontrolle, Körpergewicht, Kommunikationsmöglichkeiten, Belastungswechsel – alles okay. Auch Edgars Physiotherapeutin hatte keine Bedenken und stellte sogar ein Hilfsmittel für den Moment des Hinein- und Heraushebens in das filigrane Flugzeugcockpit zur Verfügung. Ein Helferteam wurde auch schnell gefunden.

Dann kam der große Tag. "Wir machen das, was geht und sicher ist", war Zieglers Einstellung. Alle Schwierigkeiten konnten mit Fachkenntnis, Kreativität, tatkräftiger Hilfe von sechs kräftigen Männern und verantwortungsbewussten Vereinsmitgliedern gelöst werden. Die letzten Schritte zum Start waren dann nur noch Routine – und ab ging's, den Wolken entgegen.

Das Gefühl von Freiheit über den Wolken, wie es Reinhard May in seinem bekannten Song beschrieben hat, stellt sich bei Edgar nicht "grenzenlos" ein, aber der Blick auf Welzheim, das wie ein Spielzeugdorf von oben aussieht, ist phantastisch. Nach etwa 30 Minuten kommt die Meldung an den Tower: "Bitte Freigabe zur Landung." Das Segelflugzeug schwebt scheinbar schwerelos zur Landebahn und setzt elegant auf dem Rasen auf.

Wie geht es Edgar? Seine Augen strahlen. Jemand fragt: "Hast du Lust, noch einmal?" Die Frage ist überflüssig. Noch einmal dieses unbeschreibliche Gefühl, für kurze Zeit die Erde mit all ihren alltäglichen Belastungen unter sich zu lassen. "Gigantisch", denkt Edgar bei der zweiten Landung.

Jetzt ist wieder das "Bodenpersonal" gefragt: Edgar muss aus dem Flugzeug herausgehoben und in den Rollstuhl getragen werden. Nach den Erfahrungen mit dem Hinein geht das zwar schon ein bisschen routiniert, die körperliche Anstrengung ist für die Helfer aber nicht geringer. Mit großer Empathie erkennt Ziegler die nötigen Handgriffe und gibt klare Anweisungen. Auch für Edgar ist diese Prozedur eine besondere Herausforderung.

Das Fazit der Fliegergruppe: Im Alltag von Menschen mit Behinderung ist mehr Teilhabe und Normalität möglich, als man sich in der Regel vorstellt. Inklusion ist möglich und nicht nur Aufgabe von Politikern oder sozialen Institutionen, sondern eine Herausforderung für jeden. "Geht nicht" gibt's, aber nur, wenn Sicherheit und Wohlbefinden oder gesetzliche Vorgaben nicht gewährleistet sind.

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