Die Ernte der anderen

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Axel und Anja Damm in einem ihrer Gewächshäuser in Rattenharz. Selbst dort bedienen sich Fremde ganz dreist an den angebauten Produkten.
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Im Gartenbau stecken Geld und Arbeit. Gärtnermeister Axel Damm hat darum kein Verständnis für zunehmende Selbstbedienungsmentalität.

Lorch-Rattenharz

Die Dreistigkeit nimmt immer mehr zu", stellt Axel Damm fest. Der Gärtnermeister hat vor 20 Jahren den Gartenbaubetrieb in Rattenharz von seinem Vater übernommen, aber dass er an einem Tag gleich zwei Diebe erwischt, die auf seinem Grund Angebautes mitgehen lassen wollen, das sei schon bemerkenswert.

"Mir geht's auch nicht um das halbe Kilo Tomaten." Ihm geht's darum, dass da einer mit einem, geschätzt, 3500-Euro-E-Bike anradelt, bewusst die Tüte auspackt und in eins seiner Foliengewächshäuser geht, um zu ernten, was er nicht angebaut hat. Und was er offensichtlich nicht vorhat zu bezahlen. Oder dass eine Frau ihren E-Klasse-Mercedes am Straßenrand abstellt, Blumen von einem seiner Felder abschneidet und auf Nachfrage sagt, sie habe gar kein Kässle gefunden. Weil's so ein Kässle gar nicht gibt.

"Das heißt nicht, dass man nicht fragen kann", sagt Axel Damm. "Wir schicken niemanden weg, wenn er kommt", auch wenn der 49-Jährige keinen Hofladen betreibt. Dafür sei die Lage seines Gartenbaubetriebs in Rattenharz eher ungünstig.

Günstig ist sie dafür offenbar für Spaziergänger und Radler, die das beliebte Kaisersträßle nutzen und wohl gern einfach mal zugreifen. Dabei sei es nicht so, dass "schubkarrenweise" Angebautes verschwinde. Aber "die Wertschätzung dafür, dass andere davon leben, lässt nach".

Unrechtsbewusstsein fehlt

Die Wertschätzung dafür, dass andere davon leben, lässt nach.

Axel Damm, Gärtnermeister

Ein Rechenbeispiel: 40 000 Tulpenzwiebeln haben Axel Damm und seine Mitarbeiter gesteckt. Allein, sie zu kaufen und in den Boden zu bekommen, koste ihn rund 10 000 Euro. Und in diesem "zweiten höllentrockenen Sommer" habe er fast 2000 Kubikmeter mehr Verbrauch auf seiner Wasseruhr stehen gehabt als in normalen Jahren.

Axel Damm ist mit seinem Gemüse und Schnittblumen auf elf Wochenmärkten in der Region vertreten, bedient zwei Großmärkte und verschiedene Hof- und Blumenläden mit seinen Waren. Und kommt dabei mit Kollegen ins Gespräch, die ähnliches erleben. Die etwa Menschen mit dem vorsätzlich mitgebrachten Korb voller Walnüsse von ihrer Obstbaumwiese kommen sahen. Die Missachtung fremden Eigentums sei in diesem Jahr "extrem wie nie", fasst Axel Damm die Eindrücke zusammen. "Die Leute haben zu viel Zeit", sagt er in Zusammenhang mit dem Corona-Lockdown.

Vor allem aber: "Das Unrechtsbewusstsein ist nicht da." Wenn einer im Laden auch nur einen Ein-Euro-Artikel mitgehen lässt und erwischt wird, "kommt eine Riesenmaschinerie in Gang", gibt er zu bedenken. Das ist dort wie auf dem Acker schlicht Diebstahl.

Einzäunen? Nein

Axel Damm wirbt aber auch um Verständnis. Dafür etwa, dass ausgesäte Blumenfelder Insekten Nahrung bieten und umgepflügt den Boden aufwerten. Ebenso, wie der eine oder andere liegengebliebene Kürbis auf dem Feld, der dort zwar zerfällt, aber damit letztendlich die Humusbildung fördere. "Wenn ich einen Kürbis haben will, dann gebe ich doch die zwei Euro aus", findet Axel Damm. Was für ihn trotz dieses Ärgernisses nicht in Frage kommt: Seine Felder einzuzäunen und alles abzuschließen. Schließlich wolle er seine Zeit sinnvoll nutzen und nicht mit Auf- und Zuschließen verschwenden. Das Bewusstsein dafür, was Recht und was Unrecht ist, fasst er mit einem einfachen Satz zusammen: "Wer's nicht sät und wer's nicht pflegt, soll's liegenlassen."

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