Die wunderbare Genialität des Lebens

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An seinem Schreibtisch liest Erich Schmeckenbecher viel oder schreibt neue Lieder. Der Musiker schrieb mit dem Duo „Zupfgeigenhansel“ in den 1970er-Jahren Musikgeschichte.
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Als Teil des Duos „Zupfgeigenhansel“ wurde Erich Schmeckenbecher in den 1970er-Jahren bekannt. Im Gespräch übt der Lorcher scharfe Kritik an der heutigen Gesellschaft.

Lorch

Eigentlich sollte das Gespräch sich um die Pandemie drehen. Und welche Auswirkungen sie auf den Alltag des Künstlers hat. Doch das Thema ist schnell abgehandelt. „Im Grunde hat sich mein Leben nicht viel geändert“, stellt Erich Schmeckenbecher fest, „ich bin im Ruhestand, und die Bühne stand für mich, trotz aller wunderbaren Erlebnisse, nie im Vordergrund. Melodien, Lieder, Texte zu schreiben war mir immer wichtiger als das öffentliche Reproduzieren derselben.“ Der 68-Jährige sitzt auf dem Sofa in einem gemütlichen Zimmer seines Hauses. Hinter ihm Regale voller Schallplatten, daneben Bücher- und Zeitschriftenstapel, an der Fensterfront ein Schreibtisch, Sessel und grüne Pflanzen.

Diverse Gitarren sowie ein Mischpult samt Computer zeugen von Schmeckenbechers Berufung: 1974 wird der gebürtige Stuttgarter zusammen mit Thomas Friz als Duo „Zupfgeigenhansel“ bekannt. Zwölf Jahre lang begeisterten sie Deutschland wie auch das europäische Ausland mit Volksliedern, sowohl mit adaptierten als auch mit eigenen Kompositionen.

Auch nach der Auflösung des Duos machte Schmeckenbecher weiter Musik. Bis heute. So ist im Oktober ein Konzert im Kloster Lorch geplant. Ob es wegen der Pandemie stattfinden kann? „Wenn nicht, ist das in Ordnung. Dann habe ich mehr Zeit zu schreiben und zu komponieren.“ Viel mehr fehle es ihm, sich mit Freunden und Bekannten treffen und austauschen zu können. Denn die Ansichten, die er in seinen Liedern vertont, würden sich auch aus Gesprächen formen, sich festigen und auch immer auf dem Prüfstand befinden. „Mein Denken hat sich über all die Jahre im Grundsatz nicht verändert. Es konnte dieser ständigen Prüfung bis heute standhalten.“

Der Musiker versteht sich als Romantiker. Und die Romantik als Strömung, die die Sehnsucht nach einer besseren Welt formuliert. Eine Sehnsucht nach Ehrlichkeit, Werten und Orientierung, mit der Vernunft als Basis.

„Romantisches Denken war schon immer die Speerspitze allen Fortschritts.“ Um weiterzukommen, benötige es nämlich eben jene kreative Vorstellungskraft, die der Romantik grundlegend sei. Dabei meint Schmeckenbecher mit Fortschritt keinesfalls Wachstum, etwa der Wirtschaft. „Die Welt, der Umgang mit der Natur braucht gerade da eine Kehrtwende und sei sie auch schmerzhaft.“

Doch diese Ansicht sei nicht populär, „damit gehöre ich nicht zur Herde“, sagt Schmeckenbecher unprätentiös. Denn die Mehrheit der Menschen handle pragmatisch, sehe also nur den billigen Vorteil, verwechsle zunehmend den eigenen Tellerrand mit dem Horizont und handle danach. „Es gibt nicht wenige Firmen, national wie international, die produzieren Waren, egal, was das für Auswirkungen auf unser Leben, auf diese Welt hat.“ Profit stehe an erster Stelle. Dann komme die Werbung, um das, was letztlich niemand brauche, auch verkaufen zu können. „Wahr ist dabei nur, was dem Vorhaben nutzt.“ Denke man an die Zeitschriften diverser Boulevardverlage oder die meisten Fernsehsender: „Da herrscht ebenso Goldgräberstimmung im Vervielfältigen der Einfalt, nicht der Aufklärung. Profit steht oft auch über der Wahrheit, ganz pragmatisch.“

Eine starke Ausprägung von Pragmatismus sieht Schmeckenbecher auch in der Querdenkerbewegung. „Da wird nicht gedacht. Und schon gar nicht quer. Es wird stattdessen gehetzt, gelogen, verbogen und geklittert. Motto ebenso: wahr ist, was uns nutzt! Basta!“ Meinungsfreiheit beinhalte aber, dass man keine vorsätzlichen Lügen erzeugt noch verbreitet, sich an bewiesene Fakten hält, den vorteilsversprechenden Verlockungen der Niedertracht durch listige Umdeutung von Worten und Werten überhaupt widersteht, wie auf Gewalt jeglicher Art verzichtet. „Sonst landen wir in einer gefährlichen Art von ‚Demokratie‘, einer nicht mehr an eine Verfassung und an Gesetze gebundene Herrschaft des Pöbels.“

Während des Gesprächs sucht Schmeckenbecher immer wieder passende Literatur aus den reich gefüllten Regalen. Die er übrigens selbst gezimmert hat. „Auch die Fliesen hier habe ich verlegt“, erzählt er und schmunzelt: „Das ist eine Herz-Hand-Hirn-Angelegenheit, ein Ausgleich.“ Wie lange er schon in Lorch wohne? „Über 40 Jahre.“ Das Leben in beschaulicher Umgebung gefalle ihm. „Ich bin in einem ländlichen Vorort von Stuttgart aufgewachsen.“ Die wechselseitige Bedeutung von Vergangenheit und Zukunft sei in seinem Denken und Handeln unverzichtbar. „Nur noch pragmatisch im Hier-und-Jetzt zu leben, als Social-Media-Zombie im Einheitsbrei einer künstlichen Konsumwelt zu mäandern, wäre mir viel zu schlicht. Das wäre auch der Einzigartigkeit und wunderbaren Genialität des Lebens gegenüber völlig unangemessen.“

Romantik ist die Speerspitze des Fortschritts.“

Erich Schmeckenbecher,, Musiker

Ein kurzer Blick auf die musikalische Vita

Erich Schmeckenbecher (68) ist Musiker und Komponist, wurde mit Thomas Friz als Duo „Zupfgeigenhansel“ bekannt und schrieb in den 1970er- und 1980er-Jahren deutsche Musikgeschichte. Später trat Schmeckenbecher solo und mit anderen Künstlern auf, schrieb eigene Kompositionen und arbeitete auch als Produzent.

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