Flucht vor dem Krieg führt nach Lorch

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Ankunft am Sonntagabend in Lorch: Philipp Stadel (Mitte) und Denis Rduch (links) mit den fünf Frauen und zwei Kindern aus der Ukraine. Bürgermeisterin Marita Funk und Auto-Sponsor Rainer Schramel begrüßen sie.
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Philipp Stadel und Denis Rduch aus Lorch haben Hilfsgüter an die ukrainische Grenze gefahren. Und dann fünf Frauen und zwei Kinder mit nach Lorch gebracht.

Lorch

Müde, aber mit einem Lächeln im Gesicht schauen die fünf Frauen in die Kamera, eine hebt den Daumen nach oben. Gemeinsam mit zwei Kindern sind die Ukrainerinnen am Sonntagabend in Lorch angekommen. Philipp Stadel und Denis Rduch haben sie am Wochenende im Flüchtlingslager an der polnisch-ukrainischen Grenze eingeladen, mit in die Klosterstadt zu kommen.

Die beiden Lorcher waren mit einem vollbepackten Fahrzeug in Richtung Ukraine aufgebrochen. „Wir haben 1,2 Tonnen Hilfsgüter abgeliefert“, erzählt Stadel. Der Familienvater klingt am Telefon müde, erzählt aber ausführlich. Über die sozialen Medien hatte er zu Spenden aufgerufen und angekündigt, privat an die Grenze der Ukraine zu fahren. „3500 Euro kamen zusammen, auch von vielen Menschen aus Lorch.“ Von dem Geld hätten sie hauptsächlich Medikamente gekauft, außerdem Babynahrung. Zudem sammelte Stadels Frau Julia Waren im Wert von bis zu 4000 Euro. Das große Fahrzeug mit den neun Sitzen bekamen er und sein Begleiter Denis Rduch kostenlos: „Rainer Schramel vom Lorcher Autohaus hat es uns zur Verfügung gestellt.“

Stadel erzählt, dass er über den Cousin seiner Frau auf die Aktion gekommen sei. „Der hat das gleiche vorletzte Woche von Berlin aus gemacht.“ Hilfsbereitschaft scheint ihm im Blut zu liegen: „Ich war auch im Ahrtal.“ Am Freitagnachmittag fuhren die beiden Familienväter los. Nach Übernachtung im polnischen Lodz kamen sie am Samstag am Grenzübergang in Hrebenne an, erzählt Stadel. Viele Busse seien aus der Ukraine kommend im Stau gestanden. „Die fuhren dann gleich weiter, nur die Fußgänger wurden am Grenzübergang in Zelten aufgenommen.“ Hilfsorganisationen seien vor Ort gewesen,die auch Essensstände betreiben. „Das wirkte wie ein Streetfoodmarkt“, versucht Stadel das Gesehen zu beschreiben.

Sie selbst hatten Hilfe von Jan-Sören Frydendahl Seest. Der Ehrenamtliche koordinierte das Geschehen am Grenzübergang. Die Waren, Medikamente und Babynahrung übergaben sie mit seiner Hilfe an zwei Mitglieder einer schweizerischen Organisation. „Die sind dann mit eigenen Trucks ins Kriegsgebiet Richtung Kiew gefahren.“

Stadel und Rduch boten anschließend in der Unterkunft an, Menschen mit nach Lorch zu nehmen. „Solche, die keine Verwandten oder Freunde im Ausland haben.“ Die also nicht wussten, wohin. In der Halle, die unter Polizeischutz gestanden habe, hätten sie nach drei Stunden die fünf Frauen samt Kindern überzeugen können. „Da war erst schon Misstrauen da.“ Noch von Lorch aus hatte er mit Bürgermeisterin Marita Funk über die Unterbringung gesprochen. „Herr Behrens von der Firma Pfäffle hat sich bereit erklärt, die Menschen aufzunehmen“, erzählt Funk und lobt die „schöne Gemeinschaftsaktion“.

Stündlich werden es mehr

Die Ukrainerinnen würden nun in einer Mitarbeiterwohnung in Lorch leben, sagt Detlef Behrens. „Weitere sechs Menschen wohnen in meiner eigenen Wohnung auf dem Pfäffle-Gelände“, ergänzt der Geschäftsführer. Alle dürften im Restaurant Ferdi’s essen, ebenfalls kostenlos. „Und auch solange sie wollen und müssen“, betont Behrens. Es sei selbstverständlich, zu helfen, wenn man die Möglichkeit dazu hat. „Was diese Leute gerade durchmachen, kann man sich gar nicht ausmalen.“

Insgesamt würden jetzt 25 Ukrainer in der Stadt Lorch leben, sagt Bürgermeisterin Marita Funk. Drei davon seien von Feuerwehrkommandant Marco Wahl in Ellwangen abgeholt worden. „Die sind in Wohnungen untergebracht, die uns Mitbürger angeboten haben.“ Die übrigen kamen privat und würden bei Verwandten wohnen. Funk betont: „Die Zahl verändert sich stündlich.“

Spezialgeräte und -fahrzeuge dringend gesucht

  • Babynahrung, Erste-Hilfe-Sets, Notfallmedizin, Spritzen: Die Lieferung von Philipp Stadel und Denis Rduch wurde an der ukrainischen Grenze mit Freude in Empfang genommen. Menschen einer Hilfsorganisation erzählten, dass sie jeden Tag direkt Krankenhäuser von Lwiw bis in die Ostukraine beliefern. „Wir brauchen dringend EKGs und Defibrillatoren“, erzählten sie. Aber auch unbedingt Rettungswägen mit Schwingtisch für den Transport von Kranken und Neugeborenen. Wer so etwas abgeben möchte, kannsich per Mail bei Philipp Stadel melden unter stadel.p@googlemail.com. ⋌cop
An der polnisch-ukrainischen Grenze sind sämtliche Hilfsgüter ausgeladen worden - vor allem Medikamente.
Philipp Stadel und Denis Rduch zusammen mit Helfern an der polnisch-ukrainischen Grenze bei Hrebenne.

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