Heimat mit allen Höhen und Tiefen

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Mario Capezzuto (68), mit dem Spielzeug-Laster, den er vor 60 Jahren als eines der ersten Gastarbeiterkinder als sein Lieblingsspielzeug mit nach Deutschland brachte.
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Mario Capezzuto kam vor 60 Jahren als Gastarbeiterkind von Italien nach Lorch. Er erzählt die Geschichte seiner Integration. Von Glück, Ehrgeiz und dem Willen, hier zu leben.

Lorch

Seit 60 Jahren ist Mario Capezzuto ein Lorcher. Bis zu seinem neunten Geburtstag hat er im italienischen Sarno, damals eine 10 000-Einwohner-Stadt, bei Neapel gelebt. 1961 war er eines der ersten Gastarbeiterkinder in Deutschland. Seine Integration: komplett schwäbisch.

Herr Capezzuto, wie war das im Frühjahr 1961?

Capezzuto: Nach der Kommunion im März bin ich nach Deutschland gekommen, mein Papa kam ein Jahr vorher nach Lorch zur Firma Binz. Er wurde angeworben und hat meine Mama und mich nachgeholt.

Wie war die Ankunft?

Das war so nett, am Bahnhof haben seine Kollegen uns empfangen und die Koffer in die Wohnung getragen.

Was hat gefehlt?

Die Piazza, wo man sich traf. Und was komisch war: Um 18 Uhr ist man daheim zum Vesper.

Was war toll?

Buben mit Lederhosen. Die haben mir so gefallen, dass ich von meinem besten Freund eine geschenkt bekam, die wollte ich schier nicht mehr ausziehen.

Wie haben Sie Ihren italienischen Freunden erklärt, dass Sie nach Deutschland gehen?

Denen war klar: Wir gehen, weil wir dort ein besseres Leben haben. Natürlich fiel es mir schwer, aber mein Papa hat gesagt, "der lernt das schnell". So war's auch. Wobei ich nicht Deutsch gelernt habe, sondern Schwäbisch.

Wie haben Sie's hinbekommen?

Gegenüber wohnte die Familie Eisele. Eins der Kinder, Walter, ist heute noch mein bester Freund. Zu ihm hatten die Eltern gesagt: "Hol den Mario runter, der soll mit dir spielen." Die Familie hat mich sozusagen als fünftes Kind aufgenommen.

Eine traumhafte Integration.

Ich war das erste Ausländerkind hier, also ein bisschen Exot. Ich bin gut aufgenommen worden und man hat mit mir zum Glück nicht im Infinitiv geredet. Also nicht "Du musst kommen in Schule, sonst du nix lernen".

Wurden Sie nie beschimpft?

Natürlich, wenn's Streitigkeiten gegeben hat oder beim Sport kamen schon so Dinger wie Itaker, Zitronenschüttler oder Bananenbieger. Im Vergleich zu heute ist das nicht schlimm. Ich hatte eine sehr gute Jugend.

Sport spielt eine wichtige Rolle in Ihrem Leben.

Meine Freunde Walter und Karl-Willi sind sofort mit mir in den TSV Lorch gegangen. Und ich bin stolz, dass ich im 26. Jahr Vorsitzender im Stadtverband der Sportvereine bin. Damit gebe ich zurück, was ich von den Vereinen bekommen habe. Das war Integration pur.

Was kam nach der Schule?

Mit 15 habe ich eine Lehre als Industriekaufmann begonnen. Dann Mittlere Reife und Fachhochschulreife. Dann habe ich sechs Semester Betriebswirtschaft studiert. Mein Traum war aber immer, Lehrer zu werden.

Wann ging der in Erfüllung?

Als ich im Februar 1974 die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen habe, habe ich gewechselt ans PFS (pädagogisches Fachseminar) und war nach dem Abschluss 22 Jahre lang ein glücklicher Lehrer.

Und später kam die Politik.

Erst Gemeinderat, dann SPD-Abgeordneter im Landtag, dann Kreistag. Jetzt bin ich noch im Gemeinderat und im Kreistag.

Und privat?

In der Zwischenzeit hatte ich meine Kindheitsliebe geheiratet. Wir haben ein Reihenhaus gebaut, haben zwei wunderbare Töchter und nun vier Enkelkinder. Leider sind wir geschieden.

Eine Vorzeige-Einwandererkarriere.

Das hat mit Glück, aber auch mit Ehrgeiz zu tun. Und dem Willen, hier zu leben. Hier leben bedeutet: Das ist meine Heimat mit allen Höhen und Tiefen, Pflichten und Rechten. Wenn ich das akzeptiere, bin ich kein besserer oder schlechtere Deutscher als einer, der hier geboren wurde.

Würde das heute genauso gelingen?

Wenn ich's genauso machen würde, ja. Und da würde mich auch die AfD nicht stören.

Die würde Sie nicht abschrecken?

Diese Leute fokussieren sich auf Themen, die Angst machen. Zum Beispiel gegen Terrorismus in unserem Land, gegen unkontrollierte Einwanderung – die haben wir doch gar nicht. Natürlich gab es terroristische Anschläge, gab es Flüchtlinge, die ungerechtfertigt einreisten. Aber das gab es schon immer. Und wir werden damit fertig. Wir haben einen Rechtsstaat, der sich zu wehren weiß. Dafür brauchen wir nicht Parolen, die schon einmal zu großem Unglück geführt haben.

Wie begegnen Sie selbst Migranten?

Wenn ich helfen kann, bin ich jederzeit dazu bereit. Mit einer Einschränkung: Ich helfe niemandem, der sich stur stellt und meint, andere Rechte als alle hier haben zu wollen. Und ich kann nicht nachvollziehen, wenn Jugendliche mit Migrationshintergrund in der dritten Generation immer noch gebrochen Deutsch sprechen.

Weil sich damit auf Parallelgesellschaften schließen lässt?

Genau, und die fühlen sich dann abgehängt.

Das liegt aber nicht an der praktizierten Muttersprache allein.

Das ist kein Problem, ich rede mit meinen italienischen Freunden und Verwandten in Gmünd auch Italienisch. Aber die Kinder und Enkelkinder sprechen hervorragend Deutsch. Bloß, das muss man eben wollen.

Das Bundesverdienstkreuz und den Titel Cavaliere bekamen Sie für Ihr ehrenamtliches und politisches Engagement und ihren Einsatz für die Lorcher Städtepartnerschaft mit dem italienischen Oria.

Meine Bereitschaft Deutscher zu sein mit italienischen Wurzeln ist so anerkannt worden. Mehr kann jemand, der aus ärmlichen Verhältnissen kommt, nicht erreichen.

War mit dem Ruhestand die Rückkehr nach Italien ein Thema?

Ja, aber dann kamen die Enkelkinder und dann war's vorbei. Familie bedeutet mir alles.

Wie nehmen Ihre Freunde in Italien Sie heute wahr?

Für die bin ich Mario o tedesco, Mario, der Deutsche. Wir ecken schon wegen meiner deutschen Genauigkeit und meinem Perfektionismus in Diskussionen an. Oder wenn ich mich für 9.30 Uhr verabrede, weiß ich: Die gehen vor 10 Uhr gar nicht her. Sie sagen "Tutto bene" und ich sage "no". Dann fragen sie ganz erstaunt, ob ich tatsächlich um halb Zehn da war. "Natürlich", sage ich, "sogar fünf vor Halb". Da kommt der Deutsche raus.

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