Laufen - Atmen - Angst

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Magdalena Mödinger, Corinna Binder und Aline Pasztler (v. l.) zeigen ihre Kunstwerke in der Lorcher Stadtkirche.
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Bilder und Skulpturen zum Thema Kriegserinnerungen sind in der Lorcher Stadtkirche zu sehen. Ein hochaktuelles Thema, zeigt sich bei der Eröffnung.

Lorch

Catrin Schmid muss hörbar Tränen hinunterschlucken, als sie ans Mikrofon tritt.„Dass uns dieses Thema so einholt, macht mich einfach sprachlos“, sagt sie zu den Besuchern in der Lorcher Stadtkirche. „Umso wichtiger ist es, sich damit auseinanderzusetzen“, schiebt die Leiterin der Diakonischen Schule für Soziale Berufe hinterher. Die Ausstellung „Kriegskinder: Erinnerungen, die langsam verblassen“ der künftigen Absolventen der Altenpflegeschule wurde am Freitagabend im Rahmen des Friedensgebets eröffnet, zu dem die evangelischen Kirchengemeinden wegen des Ukraine-Kriegs einmal in der Woche einladen.

Dass dabei Schülerinnen und Schüler in Fürbitten den aktuellen Krieg in Europa aufgriffen, machte die Ansicht ihrer Bilder und Skulpturen hinterher umso eindringlicher. Benedikt Gulden bekannte, dass er die Entwicklung als beängstigend und schwierig empfindet. Der junge Mann skandierte mit Nachdruck: „Krieg dem Krieg.“ Magdalena Mödinger, Corinna Binder und Aline Pasztler erklärten ihre Bilder mit Versen: „Ereignisse sitzen tief in der Seele“, trugen sie vor, „wie Schusswunden gehen Taten unter die Haut“. Und Dozentin Elke Schuler, die den Kurs bei seinem Projekt begleitete, erzählte aus den Erinnerungen ihrer Mutter, die als Kleinkind während des Krieges unter Beschuss geriet. „Ich löste mich auf in der Hand meiner Mutter“, las Schuler vor, „Laufen, Atmen, Angst“.

Heimbewohner mit Traumata

Elke Schuler erklärte, warum sich die Auszubildenden dieses Thema ausgesucht hatten. „Weil sie in der Altenpflege immer wieder Menschen mit Traumata begegnen.“ Deswegen seien sie der Frage nachgegangen, wie sie mit diesen oft verdrängten Erinnerungen umgehen können. Der zweite Grund wiege auch schwer: „Die letzten Zeitzeugen gehen nach und nach von uns.“ Die jungen Menschen fänden es sehr wichtig, weiter zu beleuchten, „wie Krieg sein konnte“. Dazu befragten sie Zeitzeugen aus ihrem privaten Umfeld, besuchten das Konzentrationslager Hessental bei Schwäbisch Hall, hörten einen Vortrag von Ortshistoriker Manfred Schramm und wurden von Traumatherapeut Daniel Gulden beraten.

Von dieser Sammlung an Wissen zeugen drei Ordner voll Informationen, die hinten im Chorraum der Kirche ausliegen. Außerdem entstanden die Bilder und Skulpturen, die nun zu sehen sind.

Ein gelber Mond vor blauem Nachthimmel. Daneben erneut ein Mond, dieses Mal aber blass vor schwarzem Hintergrund. Eine schwarze Waffe sticht hervor, umrahmt von roten Spritzern. „Krieg und Frieden“ haben Belgin Sarikaya und Ilir Sermaxhaj ihr Bilderensemble genannt. „Dass der friedliche Mond die Farben der Ukraine trägt, ist Zufall“, sagte Ilir. „Aber es passt“, meinte der junge Mann.

Persönliche Einblicke gibt es bei Corinna Binder, die alte Fotos ihrer Familie verwendet und sie auf einer Skulptur befestigt hat. Und die Figur von Elena Frank, Eduard und Martina Polzer und Corinna Binder gründet auf einer wahren Geschichte. Wovon ebenfalls Fotos zeugen.

Im Wald verstecken

Eigentlich hätte die Ausstellung auf dem Klostergelände stattfinden sollen. Als das nicht klappte, bot Pfarrer Christof Messerschmidt die Stadtkirche an. Für ihn berührt die Ausstellung ein hochaktuelles Thema: „Meine Mutter ist Jahrgang 1938“, verrät er, „bei meinem letzten Besuch hat sie erzählt, dass sie sich überlegt hat, wo sie sich im Wald versteckt, falls die Russen Deutschland angreifen“. Der Pfarrer schlussfolgert: „Die Ereignisse in der Ukraine rufen bei den Kriegskindern Erinnerungen hervor, die sie eigentlich verdrängt hatten.“ Deshalb sei die Ausstellung in der Kirche am richtigen Fleck: „Sie passt zum Friedensgebet, sie passt in die Passionszeit, sie passt zur gegenwärtigen Situation in der Welt.“

Wie Schusswunden

Magdalena Mödinger, Corinna Binder und Aline Pasztler, Künstlerinnen der Ausstellung

Ausstellung bis 13. April

  • Die Ausstellung „Kriegskinder: Erinnerungen, die bald verblassen“ ist bis Mittwoch, 13. April, im Chorraum der Lorcher Stadtkirche zu sehen. Die Kirche ist täglich von 8 bis 18 Uhr geöffnet. Es besteht Maskenpflicht.

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