Otto Umfrids Ideen für Frieden, damals und heute

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Otto Umfrid

Über den Friedenskämpfer und Wahl-Lorcher Otto Umfrid spricht Dr. Tobias Brenner in der Stadtkirche.

Lorch. Eigentlich hätte Dr. Tobias Brenner schon vor zwei Jahren in Lorch sprechen sollen. Der Theologe und Jurist war im Mai 2020 zum 100. Todestag von Otto Umfrid in dessen Wahlheimat eingeladen. Wegen Corona wurde der Termin verschoben. Als es am Montagabend in der Stadtkirche soweit war, kamen weder Brenner noch seine begrüßenden Vorredner drumherum, einen Bezug zum Krieg in der Ukraine herzustellen. Denn der Nürtinger Otto Umfrid war ein leidenschaftlicher Verfechter von Frieden gewesen.

Was würde Umfrid heute sagen?

Zwanzig Jahre lang saß er der Deutschen Friedensgesellschaft vor, reiste mit Vorträgen durch das Land und hatte großen Anteil daran, dass das Thema Frieden in der stark militaristisch geprägten Gesellschaft des beginnenden 20. Jahrhunderts überhaupt eine Rolle spielte. Darüber sprach Brenner, der 1987 die bisher einzige Biographie Umfrids verfasst hat.

„Was würde Umfrid heute sagen?“, wurde er danach prompt gefragt. Die Situation damals sei mit der heutigen nicht vergleichbar, antwortete Brenner, eine eindeutige Aussage könne er also nicht machen. Doch wer sich mit Umfrids Wirken beschäftigt, könne Schlüsse ziehen. „Umfrid war gegen Krieg, vertrat aber die Ansicht, dass Selbstverteidigung erlaubt ist.“

In seinem Vortrag berichtete Brenner, dass Umfrid die Ansicht vertrat, der Rüstungswahnsinn der Nationen sei das eigentliche Problem. Stattdessen forderte er ein Staatenbündnis in Europa und bestenfalls eine Weltgemeinschaft. „Dabei sollten sich die stärksten Länder gegenseitig verpflichten, einander beizustehen, falls sie von dritter Seite angegriffen werden“, sagte Brenner und schaute vielsagend ins rund 40-köpfige Publikum.

Eine „Politik des Rechts“ sei ein guter Weg: „Umfrid pochte auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker.“ Streitigkeiten sollten über die Rechtsprechung geklärt werden. „Es müsse ein Klima der gegenseitigen Abrüstungsmöglichkeit geben.“ Krieg sei mit dem Christentum nicht vereinbar, habe der Pfarrer gesagt. Und sich dafür nicht nur von seinem kirchlichen Dienstherren einen Rüffel eingefangen. Staat und Kirche waren im deutschen Kaiserreich eng miteinander verbunden. Und sowohl in der Politik als auch im gesellschaftlichen Denken war Krieg damals ein positiv besetztes Thema. „Der Friedensbewegung gehörten etwa 10000 Anhänger an, den Kriegervereinen drei Millionen.“

Brenner betonte, dass Otto Umfrid eine „Erziehung zum Frieden“ als unersetzliches Mittel für dauerhaften Frieden ansah. „Krieg fällt nicht vom Himmel, sondern beginnt in den Köpfen.“ Entscheidend dafür sei Propaganda: „Zuerst stirbt die Wahrheit.“ Umfrid forderte eine Pflicht zur allgemeinen Volksschule, wodurch Kinder und Jugendliche zu selbstständig denkenden, kritischen Staatsbürgern heranwachsen können. Man könne nicht genug an Friedenslehrer wie Umfrid erinnern, sagte Brenner: „Denn das Erinnern bringt die Wahrheit ans Licht.“ Der Rückblick auf die Geschichte zeige, „was wir nicht machen sollten“.

Manfred Schramm ergänzte, dass Umfrid als naiver Utopist angesehen wurde. Dann sei der Erste Weltkrieg gekommen. Der SPD-Fraktionsvorsitzende hatte die Gäste im Namen des SPD-Ortsvereins sowie der evangelischen Kirchengemeinde Lorch begrüßt. Er dankte Stadtarchivar Simon M. Haag ebenso wie Heinz Knödler und Roland Kissling, die sich für die Gedenktafel über Umfrid stark gemacht hatten. Schramms Stadtrat-Kollege Heinz-Joachim Herzig überbrachte die Grüße von Bürgermeisterin Marita Funk. cop

„Friedenshetzer“ Otto Umfrid (1857 - 1920)

Otto Umfrid war evangelischer Pfarrer in Stuttgart-Nord und ein bekannter Verfechter der Friedensbewegung. Er verfasste über 600 Artikel für 400 Zeitschriften, war bei seinen Kritikern als „Friedenshetzer“ verschrien und wurde 1914 für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.

Zweimal lebte Otto Umfrid in Lorch, einmal als Vikar von 1881 bis 1882 und mit seiner Frau und beiden Töchtern von 1916 bis zu seinem Tod im Jahre 1920. Zu seinem 100. Todestag am 23. Mai 2020 wurde an seinem Wohnhaus in der Kirchgasse 8 eine Plakette angebracht. cop

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