Waldhäuser Wein für 50 Pfennig

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Gut 50 Zuhörer erfuhren beim Vortrag von Manfred Schramm, dass Waldhausen einst für das Handwerk seiner vielen Kübler bekannt war.
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Über den Weinbau und das Küblerhandwerk in Waldhausen bis vor hundert Jahren sprach Manfred Schramm im vollbesetzten evangelischen Gemeindehaus.

Lorch-Waldhausen. Manfred Schramm drückt auf einen Knopf und Fotos erscheinen auf der Leinwand. „Wer kennt denn noch den Schulleiter Lang?“, fragt er ins Publikum, und gleich mehrere Hände gehen nach oben. Schramm verrät, dass die Eltern des Schulleiters bis 1909 das Gasthaus Germania geführt hatten. „Deswegen war die Autobiografie von Andreas Lang eine meiner wichtigsten Quellen.“ Schramm erzählte am Sonntag im evangelischen Gemeindehaus vor rund 50 Zuhörern über den Weinbau und das Küblerhandwerk in Waldhausen.

Die Kelter wurde zum Faustpfand für den Bahnhof.

Manfred Schramm

Wie üblich bei den Vorträgen des 70-Jährigen nahm das Publikum aktiv daran teil. Was neben den detaillierten Erzählungen über den Ort sicher mit der Grund ist, warum gewöhnlich viele Menschen zu Schramms Veranstaltungen kommen. Stets aktiviert er dabei das kollektive Gedächtnis der Einheimischen.

Am Sonntag erkannten sich mehrere Anwesende auf Fotos wieder. Beispielsweise Heiko Cammerer, als Knirps in der Werkstatt des Großvaters. „Der Hammer in meiner Hand ist in der Ausstellung zu sehen“, betonte Cammerer. Noch bis kommenden Sonntag wird im Gemeindehaus nämlich sowohl eine Ausstellung über Wein und Bibel als auch über den Weinbau in Waldhausen gezeigt. Schramms Vortrag gehörte zum Rahmenprogramm, ebenso wie eine Weinprobe am kommenden Freitag. Schramm fragte auch, ob noch jemand alte Fässer im Keller habe, die von hiesigen Küblern gefertigt worden waren. Und nicht zuletzt erzählte der Waldhäuser Dietmar Hermann von seinem Stückle, auf dem er seit 2020 Weinreben anbaut. Ganz in der Tradition des Dorfes.

Weinanbau bis 1921

Denn bis etwa 1921 habe es Weinbau in Waldhausen gegeben. „Es gibt leider keine eindeutigen Aufschriebe“, erzählte Schramm. Sein Wissen bezieht er aus Gemeinderatsprotokollen, Anzeigen oder Verwaltungsschriften. Die Quellen stammen dabei aus dem Lorcher Stadtarchiv. Die Anwesenheit von Archivar Simon M. Haag im Publikum sprach für eine intensive Zusammenarbeit. Herausgefunden haben beide, dass am Elisabethenberg wohl auf 17 Hektar Fläche Wein angebaut wurde. Und dass Waldhausen seit dem 18. Jahrhundert eine eigene Kelter hatte. Wie wertvoll den Waldhäusern ihre Trauben waren, zeigt ein Gemeinderatsprotokoll von 1911: Jedes Jahr wurden zwei Männer zu Weinbergschützen erklärt. Sie sorgten für 2,50 Mark am Tag dafür, dass weder Mensch noch Vögel die Ernte unrechtmäßig schmälerten. Dabei sei der Wein nichts Besonderes gewesen. Vom „bösen Gewächs“ war gar die Rede. Wirtssohn und Schulleiter Andreas Lang notierte, dass seine Eltern den Waldhäuser Wein für 50 Pfennig den Liter verkauften, den Untertürkheimer aber für 1,20 Mark.

Bahnhof dank der Kelter

Hochinteressant war, dass die Kelter eine wichtige Rolle für den Anschluss des Ortes an die Bahn spielte. „Eigentlich sollten wir beim Bau der Remsbahn 1860 keinen Bahnhof bekommen“, sagte Schramm. „Die Kelter wurde dabei zum Faustpfand.“ Denn der damalige Bürgermeister bot den Standort der Kelter für das Bahnhofsgebäude an. Und die Bauern würden die notwendigen Gebiete günstig verkaufen. Daraufhin bekam Waldhausen seinen Bahnhof. Die neue Kelter entstand 150 Meter weiter westlich, etwa auf Höhe der heutigen Bahnhofstraße. Sie wurde im Jahr 1920 abgerissen als der Weinbau wohl wegen des Ersten Weltkrieges aufgegeben wurde.

Die vielen Kübler im Ort, von denen die meisten auf Johann Jakob Schniepp zurückgingen, widmeten ihr Handwerk künftig der Herstellung von Waschzubern oder Dekorationsartikeln. Noch bis 1980 existieren Fotos, die die Bedeutung dieses Handwerks für Waldhausen deutlich machen.

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