Heimtückischer Mord: 13 Jahre Haft

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Der Tatort am 14. Oktober, dem Tag der „Tragödie“. 
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Am dritten Verhandlungstag hört die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Ellwangen die Plädoyers und fällt das Urteil im Fall des Tötungsdelikts in der Prodi-Werkstatt. 

Waldstetten. Das Urteil ist gesprochen: 13 Jahre Haft gab es für den Angeklagten „B“ – und zwar wegen heimtückischen Mordes. Damit hat die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Ellwangen wegen einer unbestritten schweren paranoiden Schizophrenie des Täters eine verminderte Schuldfähigkeit berücksichtigt. Der 45-Jährige muss seine Strafe in einem psychiatrischen Krankenhaus verbüßen und werde, wie der Vorsitzende Richter Bernhard Fritsch klarmacht, zum Schutz der Gesellschaft anschließend wohl auch noch länger in einer Sicherheitsverwahrung bleiben – „denn Sie sind hoch gefährlich, nicht im Sinne von böse, aber aufgrund ihrer Erkrankung“. Der Verurteilte trägt auch die Kosten des Verfahrens.

Verkehrte Welt – das wäre wohl die treffendste Zusammenfassung der Plädoyers an diesem letzten Verhandlungstag, an dem es um die „schwere Straftat und Tragödie zugleich“ (Richter Bernhard Fritsch) ging, die sich am 14. Oktober in der Prodi-Werkstatt für seelisch Kranke in Waldstetten ereignet hat. Denn die härteste Bestrafung fordert ausgerechnet der Verteidiger, und zwar auf Wunsch des Angeklagten, wie Rechtsanwalt Timo Fuchs unterstreicht. Sein Mandant wolle „nicht in eine psychiatrische Klinik, er will keine Sonderbehandlung wie 2010“. Damals hatte „B“ nach einem Trinkgelage, bei dem auch Medikamente konsumiert wurden, einen der Kumpane mit fünf Messerstichen lebensgefährlich verletzt. Wegen mangelnder Schuldfähigkeit infolge einer akuten halluzinatorischen Schizophrenie war er damals freigesprochen und in eine psychiatrische Klinik eingewiesen worden.

Ich erleben zum ersten Mal, dass ein Kranker für eine Verurteilung wegen Mordes kämpft.“

Dr. Peter Winckler, Gutacher

Ansatzweise verständlich wird das dank des fast zweistündigen Vortrags von Gutachter Dr. Peter Winckler, dem dieser als Vorbemerkung voranstellt: In über 2000 Gutachten, davon rund 700 Tötungsdelikten, begegne ihm zum ersten Mal „ein psychisch kranker Mensch, der darum kämpft, wegen Mordes lebenslang verurteilt zu werden“. Dann erzählt Winckler von seinen Gesprächen mit „B“, der seit der Tat in einer Isolierzelle in der Klinik Bad Schussenried sitzt, da er sich nach wie vor weigert, Medikamente einzunehmen. Ausführlich habe der 45-Jährige die Tat und deren Vorbereitung beschrieben und dabei auch betont, zumindest schon mit dem Gedanken in die Werkstatt gegangen zu sein, das Problem mit einem tags zuvor gekauften Messer zu lösen. „B“ hatte nämlich eigenmächtig seine Medikamente abgesetzt, was einer Weiterbeschäftigung in der Werkstatt entgegenstand. Als er im Gespräch bemerkt habe, dass sich sein Opfer nicht werde umstimmen lassen, tötete er die 60-Jährige mit drei Messerstichen.

Auch, wenn er aktuell keine Wahnvorstellungen feststellen könne, gebe es typische Auffälligkeiten, die „B“s psychotische Erkrankung klar belegten, macht der Gutachter vor dem Landgericht deutlich. Am erschütterndsten sei die totale Ich-Bezogenheit, der Mangel an Empathie, Scham oder Reue. Anders als 2010 stehe die Tat aber nicht direkt mit der Psychose in Verbindung. Der Angeklagte habe sehr wohl gewusst, was er tat und die Konsequenzen seien ihm klar gewesen. Indirekt sieht der Gutachter trotzdem einen Zusammenhang von Krankheit und Tat, den er als eine „paranoide Falschverarbeitung“ bezeichnet. Anstatt sich mit seinem Dilemma an die zuständigen Personen zu wenden und das bereits terminierte Gespräch abzuwarten, habe sich der seelisch kranke Täter auf die unschuldige Überbringerin der Botschaft, versteift.

„Letztlich war es Wut und Rache“, formuliert es Staatsanwalt Jens Weise in seinem Plädoyer, „und damit ohne Frage heimtückischer Mord“. Als gegeben sieht er aber auch eine verminderte Schuldfähigkeit. Der Angeklagte offenbare Denkprozesse, die für einen gesunden Menschen nicht nachvollziehbar seien. Weise spricht von einer paranoiden Schizophrenie gepaart mit Narzissmus und beantragt 13 Jahre Haft inklusive Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus. Der Unterbringungsbefehl sei zum Schutz der Allgemeinheit wohl auch nach dieser Zeit aufrecht zu erhalten.

Robin Schmid, der als Anwalt die Nebenklage der Angehörigen des Opfers vertritt, hinterfragt kritisch, wie es nach der Tat 2010 in Aalen so weit habe kommen können. „Das kann einem übel aufstoßen“, stellt er fest, schließt sich der Beurteilung von Gutachter und Staatsanwalt aber an und fordert 14 Jahre Haft wegen heimtückischen Mordes bei verminderter Schuldfähigkeit, Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik und anschließend eine unbefristete Unterbringung.

Erster Verhandlungstag: Staatsanwalt spricht von Heimtücke und Mord

Zweiter Verhandlungstag: Viele Zeugen - etliche Streitgespräche

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