Durch Methadon dem Heroin entkommen

+
Tobias Braun (links) bei seinen Erläuterungen im Kreissozialausschuss.
  • schließen

Der Kreisbeauftragte für Suchtprophylaxe, Tobias Braun, blickt auf die Szene: An den fünf Substitutionspraxen im Ostalbkreis sind aktuell 320 Substituierende in Behandlung.

Aalen

Substanzen wie Methadon, Polamidon oder Subutex helfen Opiatabhängigen. Verabreicht werden sie in der Substitutionstherapie. Die ist eine Form der medizinischen Fürsorge und gilt als wissenschaftlich evaluiert. Rechtlich verankert ist die Substitution im Betäubungsmittelgesetz (BtMG).

Methadon, zum Beispiel, hat gegenüber Heroin den Vorteil, dass der Wirkstoff nicht gespritzt, sondern geschluckt wird. Dies senkt das Risiko, dass sich Betroffene durch das Teilen des Spritzbestecks mit Krankheiten wie Hepatitis oder HIV infizieren. Zudem hält die Wirkung bei einmaliger und richtiger Einnahme bis zu 24 Stunden an. Bei der Substitution treten meist keine Entzugserscheinungen auf.

Abhängige müssen sich nicht mehr auf kriminelle Weise illegalen Substanzen beschaffen, sondern sind bei der Einnahme und Beschaffung überwacht.

Substitution - die Lage im Kreis

Wie es um Substitution im Ostalbkreis steht, das hat Tobias Braun, der Kreisbeauftragte für Suchtprophylaxe, am Dienstag dem Ausschuss für Soziales und Gesundheit dargelegt.

Bei der Substitution verschreibt der Arzt das Methadon. Der Betroffene nimmt die Substanz in der Regel unter Aufsicht ein. Begleitend erfolgt eine psychosoziale Betreuungsmaßnahme, die die Suchtberatungsstellen anbieten. Der Therapieverlauf muss ständig überwacht und kontrolliert werden.

Für die Substitution benötigen Ärzte eine suchtmedizinische Qualifikation. Sie sind verpflichtet, im Substitutionsregister beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte den Verlauf zu dokumentieren.

„Substitution sichert mit hoher Wahrscheinlichkeit das Überleben von abhängigen Personen und hilft dabei, das eigene Leben wieder in den Griff zu bekommen. Ziel der Behandlung ist die schrittweise Wiederherstellung der Betäubungsmittelabstinenz, einschließlich der Besserung und Stabilisierung des Gesundheitszustandes“, so Braun.

Von den geschätzt 166.000 Opiatabhängigen in Deutschland befinden sich 81.300 Personen (Stand 2021) in einer substitutionsgestützten Behandlung. In Baden-Württemberg herrscht ein Mangel an substituierenden Ärzten, auch im Ostalbkreis sei dies spürbar, so Braun.

Kooperation mit Winnenden

Um dem Bedarf gerecht zu werden, hat der Ostalbkreis bereits 2014 Bestrebungen unternommen, um auf die problematische Situation aufmerksam zu machen. Unter anderem wurde versucht, neue Ärzte und Ärztinnen zu gewinnen. 2018 wendeten sich der Landkreis und die Suchtberatungsstellen an die Landesstelle für Suchtfragen. Im März 2018 lief ein erstes Annäherungsgespräch mit Dr. Christopher Dedner vom Zentrum für Psychiatrie (ZfP) Winnenden. Das ZfP ist seitdem fester Kooperationspartner im Hinblick auf die Entwicklung einer Institutslösung für den Ostalbkreis. Nach der Konzepterstellung stellte 2020 das ZfP Winnenden einen Antrag auf Ermächtigung bei der zuständigen kassenärztlichen Vereinigung (KVBW), um in der Substitutionspraxis von Dr. Reiner Zitzmann in Ellwangen eine Substitutionsambulanz und Psychiatrische Institutsambulanz (PIA) zu eröffnen.

Das hohe Engagement aller Akteure, insbesondere von Dr. Dedner und seinen Mitarbeitenden, zahlte sich aus und so konnte Dr. Dedner im Februar den Arbeitskreis „Substitution“ über den Erhalt der Zulassung informieren.

Am 1. April 2022 schließlich startete die Substitutionsambulanz und PIA in den ehemaligen Praxisräumen von Dr. Zitzmann in Ellwangen und Dr. Zitzmann und seine Frau konnten in den Ruhestand treten.

Fünf Praxen im Landkreis

Es gibt derzeit fünf Substitutionspraxen im Ostalbkreis. In Schwäbisch Gmünd sind dies die Praxen von Dr. Jörg Hawes und von Dr. Axel Menden, in Ellwangen ist dies die neue Praxis des ZfP Winnenden (ehemals Zitzmann), in Westhausen ist es das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) und in Bopfingen-Trochtelfingen ist es die Praxis von Dr. Horst Köddermann. In Aalen gibt es keine Praxis.

Stand Mai 2022 befinden sich im Ostalbkreis insgesamt 320 Substituierende in Behandlung. Weiter gibt es drei Suchtberatungsstellen im Ostalbkreis. Die Caritas kümmert sich in Aalen und Ellwangen um dieses Feld, der Diakonieverband hat Einrichtungen in Aalen, Gmünd und Ellwangen und der Verein Sozialberatung ist in Schwäbisch Gmünd aktiv. Insgesamt sind an diesen Einrichtungen derzeit 181 Substituierende im Zuge der begleitenden psychosozialen Beratung angebunden, sagte Braun.

Braun zog ein zufriedenes Fazit über die Arbeit. Durch die engagierte und konstruktive Zusammenarbeit aller Akteure sei es gelungen, eine Institutslösung für den Ostalbkreis zu realisieren. Solche Lösungen seien eher selten in Baden-Württemberg. Ebenso sei das Bestreben der seither praktizierenden substituierenden Ärzte aus dem Ostalbkreis hervorzuheben, eigenständig auf Nachwuchssuche zu gehen. An dieser Stelle hakte Landrat Dr. Joachim Bläse ein. Der Einsatz von Dr. Zitzmann in Ellwangen sei gar nicht hoch genug zu würdigen, sagte Bläse, er habe seine Praxis so lange betrieben, bis eine Nachfolgelösung gefunden war, so sei der Platz dem Ostalbkreis erhalten worden. Bläse appellierte an alle Mediziner: „Halten Sie die Plätze, sprechen Sie uns an, wir helfen eine Nachfolge zu finden.“

Finanzierung der Betreuung

Substitutionsversorgung bezahlen die Krankenkassen. Für die Finanzierung der begleitenden psychosozialen Betreuung durch Suchtberatungsstellen kommt der Landkreis auf. Im Haushaltsplan 2022 sind hierfür insgesamt 815.257 Euro eingestellt.

Die Kreisräte Volker Grab für die Grünen und Mario Capezzuto für die SPD dankten und sehen den Ostalbkreis bei diesem Thema gut aufgestellt. Dr. Högerle (CDU) begrüßt die Zusammenarbeit mit dem ZfP Winnenden. Dies könnte ein Zukunftsmodell sein, meint er. Derselben Meinung ist auch Franz Bühler (Freie Wähler).

Zurück zur Übersicht: Ostalbkreis