Heftige Kritik am Flächenverbrauch - Warnruf der Bauern wird immer lauter

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Für den Bau neuer Wohnungen am Tannenwäldle musste auch landwirtschaftliche Fläche genutzt werden.
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Der Kreisbauernverband macht beim Pressegespräch Vorschläge, wie die fortschreitende Versiegelung von Agrarflächen verlangsamt werden könnte.

Aalen

Das Landeswaldgesetz schreibt vor, dass für jeden Baum, der in baden-württembergischen Wäldern gefällt wird, ein neuer gepflanzt werden muss. Weil zudem Flächenversiegelung durch Aufforstung ausgeglichen werden kann, nimmt die Waldfläche im Land zu.

Die Agrarfläche nimmt ab, und zwar massiv. In den letzten 20 Jahren sind landesweit 63 000 Hektar Wiesen und Äcker auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Das sind 126 000 Fußballfelder.

Weil Agrarland die Lebensgrundlage der Landwirte ist, wird der Warnruf der Bauern immer lauter. Am Donnerstag hatte der Bauernverband Ostalb/Heidenheim (KBV) zum Krisengespräch geladen und Geschäftsführer Johannes Strauß zeigte mit klaren Zahlen, dass sich das Problem zuletzt wieder verschärft hat. Der Grund ist unschwer im Niedrigzins auszumachen. Beton bringt aktuell die größte Rendite und deshalb wird gebaut auf Teufel komm raus.

Industrie- und Gewerbeanlagen und Wohngebiete wuchern wie Krebsgeschwüre dort, wo jahrhundertelang Bauern gearbeitet haben. „Die besten Ackerflächen gehen für Gewerbegebiete drauf“, ärgert sich Anton Schneider, stellvertretender Vorsitzender des KBV. Justiziarin Rebecca Barnewald zeigt Bilder von der geplanten Erweiterung des Gewerbegebiets Neunheim (66 Hektar), vom Technologiepark Aspen (35 bis 60 Hektar) und dem Gewerbegebiet Giengen an der A7 (45 Hektar).

Die Wohngebiete, die in den letzten Jahren in jeder Gemeinde neu entstanden sind, zuletzt noch im „beschleunigten Verfahren“ durch den Paragrafen 13 b des Baugesetzbuches, kommen obendrauf.

Und vom dreispurigen Ausbau der B 29, von der Umfahrung Bopfingen, von den geplanten Ortsumfahrungen im Zuge der L1060 fangen die Bauern gar nicht erst an. Denn sie wissen genau, dass Gewerbeflächen gebraucht werden, florierende Wirtschaft ermöglicht den Wohlstand unserer Gesellschaft. Jeder braucht Wohnung, niemand steht gern im Dauerstau.

„Trotzdem: so kann es nicht weitergehen“, sagt Hubert Kucher, Vorsitzender des KBV. Sonst sei es der Landwirtschaft bald nicht mehr möglich, die Menschen in Deutschland zu ernähren.

„Und es geht doch gar nicht nur um Deutschland. Die Bevölkerung wächst weltweit. Hier versiegeln wir Gunstlagen, Ackerboden, auf dem beste Erträge möglich sind, ohne bewässern zu müssen, während anderswo größte Anstrengungen nötig sind, um die Böden fruchtbar zu halten“, fügt Harald Rabausch, stellvertretender KBV-Vorsitzender für den Landkreis Heidenheim an.

Dass Artenschutz bei der Entwicklung von Gewerbeflächen kaum ernsthaft beachtet wird, ärgert Michael Weber, stellvertretender KBV-Vorsitzender aus Schwäbisch Gmünd. Im „Aspen“ riskiere man, dass Feldlerchenhabitate unwiederbringlich verlorengehen.

Die Landwirtschaft merkt den Flächenverlust am Anstieg der Pachtpreise unmittelbar. Je nachdem wie die örtliche Struktur ist, findet ein Verdrängungswettbewerb statt, der schon jetzt dazu führt, dass Betriebe aufhören. Wie soll das in der nächsten Generation weitergehen?

Zudem treten immer öfter Investoren auf, die Agrarland aufkaufen, um Vermögen zukunftsträchtig anzulegen. Diese Investoren haben aber nicht vor, selbst auf den Traktor zu sitzen und Getreide anzubauen. Sie spekulieren auf weiter steigende Bodenpreise. Land ist nicht vermehrbar und wertvoller als Geld.

In Neunheim hat die Stadtverwaltung ein Umlegungsverfahren angestrengt, um langwierige Grundstücksverhandlungen zu vermeiden. Die Varta AG steht mit ihren Fördermillionen unter Zeitdruck. Nun müssen aktiven Landwirten Tauschflächen angeboten werden. Wiesen und Äcker in Röhlingen, Pfahlheim, die bislang die Stadt an örtliche Bauern verpachtet hatte, gehen nun an die Neunheimer. Die Pfahlheimer versuchen in Stödtlen zu pachten. Die Pachtpreisspirale dreht sich immer schneller, Pachtverhältnisse werden instabil, die Fahrten zwischen Hof und Feld weiter und weiter.

Jetzt handeln, anders planen

Der Bauernverband hat einen klaren Appell an Bürger und Bürgermeister: erst innerörtlich verdichten, bevor Ackerboden weggeschoben wird. Mehrfamilienhäuser in Wohngebieten, mehrstöckig in Gewerbegebieten, Auswahl der Investoren: Wer nur Hallen baut ohne Arbeitsplätze zu schaffen, soll keine Flächen bekommen.

Agrarfläche soll nicht mehr als ökologische Ausgleichsfläche herhalten. Dafür gebe es andere Möglichkeiten, zum Beispiel die Umwandlung von Fichten- in Laubmischwälder oder Festschreiben von Ausgleichsfläche innerhalb des Baugebiets.

Der Ausbau der erneuerbaren Energien dürfe nicht zulasten der Landwirtschaft gehen. Bevor Wiesen in PV-Freiflächen verwandelt werden, sollen die Dächer von Gewerbe und öffentlichen Gebäuden genutzt werden.

„Gar kein Flächenverbrauch mehr, ist illusorisch, aber wenn wir die Vorschläge umsetzen, können wir ihn stark verlangsamen“, sagt Johannes Strauß.

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