Leckerbissen im Oldtimerland Ostalb

+
-

Innerhalb von fünf Jahren verdoppelt sich die Zahl der Oldtimer im Kreis. Sammler Reinhard Bogena bringt 40 Jahre Oldtimer-Erfahrung mit.

Aalen

Die Ostalb ist Oldtimerland. 2436 Autos mit dem H-Kennzeichen, das für Fahrzeuge mit einem Alter von mindestens 30 Jahren gilt, sind zwischen Lorch und Pflaumloch, zwischen Jagstzell und Bartholomä angemeldet. Dazu kommen weitere Oldtimer, die in der Garage stehen und mit dem sogenannten 07er-Kennzeichen zu Oldtimertreffen, zu Werkstätten oder TÜV fahren dürfen. Das Interesse am mobilen Kulturgut nimmt kräftig zu. Vor fünf Jahren zählte die Zulassungsstelle des Landratsamts noch 1043 Oldtimer, 2009 waren es gar nur 362.

Hinter den Autos stehen immer Liebhaber, die ihre Schätze aus der Vergangenheit pflegen, reparieren, die sich weder von schwieriger Teilesuche noch aufwendiger Fehlersuche abhalten lassen. Einer, der seit vier Jahrzehnten gerne am Steuer eines Oldtimers sitzt, oft aber auch daran schraubt, ist Reinhard Bogena aus Essingen. Vor genau 40 Jahren hat er den Oldtimer-Virus inhaliert. In seiner Jugend hat er dem Ford-Händler in Oberkochen ausgeholfen. "Dort konnte ich Autoluft schnuppern" erinnert sich Reinhard Bogena. Er war dabei, als sich die Interessengemeinschaft "Alte Ford-Freunde" gründete, organisierte für sie ein Oldtimertreffen in Oberkochen. Dieses Jahrestreffen 1980 bleibt in Erinnerung. "Die Teilnehmer kamen aus ganz Deutschland und den Niederlanden." Da wurden auch viele Kontakte geknüpft.

Bald steht ein erster Oldtimer bei Reinhard Bogena zuhause, es ist ein Ford 12m. Dazu gesellt sich wenig später ein Borgward P100 mit Luftfederung. Und eines seiner Lieblingsautos, ein Ford 17m, auch Barocktaunus genannt. Gebaut wurde dieses Modell von 1957 bis 1960. 25 Jahre ist er dem Wagen treu. Wagt zwischendurch einen Abstecher zu einem seltenen Ford P5-Cabrio, von dem nur 50 Stück gebaut wurden. "Es sind halt immer die Autos, die man in der Kindheit erlebt hat, die ein Leben lang faszinieren", sagt Reinhard Bogena. Einen Ford 12m besitzt er heute wieder. Vor wenigen Jahren entdeckt er ihn im Internet, baugleich mit seinem allerersten Auto.

Gut beschäftigt ist der Oldtimer-Liebhaber aber mit einem Pontiac Chieftain aus dem Jahr 1951. "Wenn ein Teil defekt ist, geht erst einmal die Suche los", weiß er. Den Ersatz für eine Benzinpumpe findet er vor kurzem in den USA. "Aber es war die falsche Pumpe, wir mussten das Umfeld im Auto anpassen." Dazu kam, dass die Pumpe falsch zusammengebaut war, erst zerlegt und repariert werden musste. Da vergehen schon mal Monate, bis das Auto wieder läuft. Oder auch ein Jahr. Wenn die Tachowelle streikt. Da erlebt Reinhard Bogena 2017 eine wahre Odyssee. Die Ersatzwelle aus den USA ist zu kurz, ein Spezialunternehmen in Öhringen schafft eine Maßanfertigung. Der Tacho geht nicht, ist ebenfalls defekt und wird repariert. Erst als auch noch ein fehlender Sicherungsstift am Getriebe – dort wird die Tachowelle angeschlossen – ersetzt ist, kann der Chieftain wieder starten.

Umso lieber ist das Ehepaar Edith und Reinhard Bogena mit diesem Chieftain unterwegs. Bevorzugt bei Fahrten zu Oldtimertreffen in der Region. Eine lange Reise mutet der Besitzer dem Auto heute nicht mehr zu. Braucht er auch nicht, denn die Region bietet schöne Routen und zahlreiche Oldtimertreffen.

Eine Auswahl für 2019

Schon am 15. Mai macht die "German-1000-Miles-Tour" in Aalen Station. Die Teilnehmer, die in Berlin beim Hotel "Adlon" starten, treffen sich im Motodrom Aalen. Von dort aus können Interessierte die restlichen 500 Kilometer der Ausfahrt mitfahren, Ziel ist München.

Wenn ein Teil defekt ist, geht erst einmal die Suche los.

Reinhard Bogena Oldtimer-Liebhaber

Das Oldtimer-Treffen "Ostalb Classic" wird im 125. Jubiläumsjahr des Automobils zum Treffen "Heilig's Blechle". Oldtimer- und Youngtimer sind willkommen, auch alte Motorräder. Die Begegnung ist am 9. und 10. Juli. Dazu gibt es eine Sternfahrt nach Aalen, einen Ausflug durch die Ostalb.

Eine Woche später, am 14. Juli, erwartet Veranstalter Redpoint UG bis zu 500 Oldtimer auf dem Gelände der Aalener Westside.

Oldtimerstadt ist inzwischen auch Heubach: zum 14. Mal findet am 22. und 23. Juni das Auditreffen und Oldtimertreffen statt. Initiator Gunther Holley rechnet auch in diesem Jahr mit Besuchern aus Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden.

Oldtimer ganz sportlich: dafür gibt es am 14. und 15. September das Bergrevival Heubach. Auf der Strecke zwischen Heubach und dem "Stock" geht es um Gleichmäßigkeit, jeder darf sein Tempo selbst bestimmen. Auch hier steht Gunther Holley hinter der Veranstaltung.

Aus der Region und darüber hinaus kommen Oldtimerfreunde am 25. und 26. Mai zum Oldtimerfest aufs TÜV-Gelände in Schwäbisch Gmünd. Veranstalter sind die Freunde Historischer Fahrkultur (FHF) in Gmünd.

Die Oldtimerfreunde Schwäbisch Gmünd sind gemeinsam zu Veranstaltungen unterwegs. Eines der Ziele ist am 12. Mai das Freilandmuseum Wackershofen.

Einer der Höhepunkte des in Schwäbisch Gmünd ansässigen Oldtimerclubs Stuttgart-Stauferland ist die Teilnahme an den Donau Masters von Ulm nach Budapest vom 5. bis 7. Juli.

Vom Mitleid zur Bewunderung

In den 1970er-Jahren ein altes Auto zu fahren, dazu brauchte es schon eine gehörige Portion Selbstbewusstsein. Zu schnell war man in der Schublade der Erfolglosen, die sich nicht einmal ein "richtiges" Auto leisten konnten. Das ging allenfalls noch bei Studenten durch, die immer noch im alten VW Bulli Richtung Sahara unterwegs waren. Erwachsene am Steuer eines verbrauchten Autos ernteten allenfalls Mitleid. Vielleicht auch Unverständnis. Das Preisniveau war im Keller und niemand ahnte, dass sich daran mal was Entscheidendes ändern könnte. Oldtimer-Liebhaber, damals noch als Schnauferl-Sammler in die kuriose Ecke gestellt, galten als gutmütige Spinner. Die Wende kam in den 1980ern. Im aufkommenden Computer-Zeitalter und bei gefühlter Beschleunigung des eigenen Lebens erwachen Sehnsüchte. An die eigene Kindheit und Jugend, an die Freiheit, die durch Mobilität möglich wurde. Das alte Auto war kein Synonym mehr für häusliche Armut. Aus dem Mitleid von damals wurde Bewunderung. Und ein Geschäft. Abzulesen an der rasanten Zunahme der Oldtimer. Allein im Kreis innerhalb von zehn Jahren von 362 auf 2436 Autos, die nach mehr als 30 Jahren das ersehnte "H" auf dem Nummernschild führen dürfen. Immer mehr Gleichgesinnte treffen sich in Oldtimer-Clubs, Interessengemeinschaften und in Zentren wie der Manufaktur B26 in Schwäbisch Gmünd und dem Motodrom in Aalen. Analoger Spaß in der zunehmend digitalen Welt.

Die Oldtimer-Profis

Die Oldtimer-Szene erlebt in Schwäbisch Gmünd wie in Aalen seit Jahren einen Aufschwung. Mit Einrichtungen wie der 2016 eröffneten Manufaktur B26. Motodrom heißt das Pendant dazu in Aalen, seit September 2018 in Betrieb.

Das B26 bietet nicht nur Einstellplätze für die automobilen Schönheiten. Dort ist der Oldtimerclub Stuttgart-Stauferland zuhause, Es gibt Glasboxen für historische Fahrzeuge, zudem zahlreiche Dienstleister rund um Pflege, Reparatur und Restauration der Raritäten. Auch der TÜV hat dort eine Niederlassung. Dazu kommt Kulinarisches: die Kaffeerösterei Dinzler ist da, ein Weinspezialist und das Restaurant Ritz, benannt nach dem ursprünglichen Gebäude. Dort wurden über mehr als 100 Jahre Pumpen gefertigt. In den sanierten Originalgebäuden finden sich zahlreiche Veranstaltungs- und Tagungsräume. Auf dem Areal, auf dem früher Panzerschränke gefertigt wurden, wird Aalens südliche Innenstadt neu belebt. Im "Safe Motodrom" findet sich eine Dauer-Gastronomie im Innen- und Außenbereich mit Blick auf die automobilen Oldtimer, auf italienisches Sportwagendesign und Sportliches aus Zuffenhausen, die in den alten Hallen auf Mietstellplätzen prominent ausgestellt werden. Im Safe Motodrom finden sich auch ein Fitnessstudio, Tagungsräume, weitere Dienstleister sowie die 70 Stellplätze und eine Lagerhalle. kust

-
Edith und Reinhard Bogena aus Essingen mit ihrem Pontiac in Heubach.
Es sind immer die Traumautos aus der Kindheit, die bei Oldtimerfreunden auf der Wunschliste ganz oben stehen. Im Bild ein Blick auf die Manufaktur B26 in Schwäbisch Gmünd.

Zurück zur Übersicht: Ostalbkreis

WEITERE ARTIKEL

Kommentare