So geht Schweinehaltung ohne Schwanz abschneiden

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Ferkel mit kupierten Schwänzen in der Aufzuchtbox.
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Die Schweine züchten und mästen, ohne den Ferkeln den Schwanz zu amputieren: Beim Fachtag Schwein werden Forschungsergebnisse und Erfahrungen von Praktikern vorgestellt.

Aalen-Kellerhaus. Wie die Schweinezüchter in Deutschland den nationalen Aktionsplan Kupierverzicht umsetzen, der aufgrund einer entsprechenden EU-Richtlinie erlassen wurde, war Thema beim Fachtag Schwein des Landratsamtes. In vielen europäischen Ländern wurden bislang routinemäßig die Schwänze der Ferkel in der konventionellen Schweinezucht abgeschnitten (kupiert), um zu verhindern, dass sich die Tiere gegenseitig in die Schwänze beißen.

Das darf mittlerweile nur noch in Ausnahmefällen gemacht werden. Routinemäßiges Amputieren von Körperteilen verbietet die EU-Tierschutzrichtlinie. Die Aalener Amtstierärztin Dr. Gehring stellte fest, dass im Ostalbkreis von 295 Betrieben 143 bereits mit unkupierten Schweinen arbeiten, 49 haben immerhin Testgruppen mit Ringelschwanz. Das bedeutet, dass 47 Prozent der Schweinehalter im Kreis noch immer die Schweineschwänze abschneiden.

Die Ferkelzüchter befürchten Vermarktungsprobleme, weil Mastbetriebe lieber Schweine mit gekürzten Schwänzen kaufen. Ausgesprochen gefürchtet ist bei den Schweinehaltern der Ausbruch von Schwanzverbissattacken, die bei Beständen mit Ringelschwanz viel häufiger vorkommen als bei solchen mit gekürzten Schwänzen.Der Grund ist simpel: im äußersten Ende ihres Ringelschwanzes haben die Schweine ein reduziertes Schmerzempfinden, das gebissene Tier blutet schnell, wehrt sich aber nicht. Der Blutgeruch regt andere Tiere dazu an, selbst zu beißen. So kann es geschehen, dass in einem Schweinebestand quasi über Nacht blutige Beißattacken um sich greifen, die nur mit viel Aufwand wieder zu stoppen sind.

Die Gründe, warum sich die Ferkel gegenseitig in die Schwänze beißen, sind noch nicht restlos erforscht. Als Ursachen wurde generell erhöhter Stress ausgemacht, der häufiger in konventionellen Haltungsmethoden entsteht.

Zu wenig Platz pro Tier, daraus resultierend Rangkämpfe um Futterplätze, zu wenig frisches Wasser, ungünstiges Stallklima (zu viel Ammoniak, zu warm), fehlende Beschäftigungsmöglichkeiten auf Spalten- oder Gitterrostböden, aber auch Verdauungsstörungen, ausgelöst durch Infektionen oder verunreinigtes Futter bringen die Schweine in Stress. 

Lukas Schmidle von der Landesanstalt für Schweinezucht (LSZ) Boxberg gab den Landwirten den Rat, sich langsam an die Haltung von Ringelschwanzgruppen heranzutasten. In der LSZ gebe es zwei Gruppen, eine konventionell geführte und eine Alternativhaltung im Außenklimastall mit deutlich mehr Platz und anderer Bodengestaltung, Genetik, Fütterung. Kalte Temperaturen seien für die Schweine kein Problem, solange sie sich in geschützte Liegebuchten zurückziehen können. Viel schwieriger seien Hitzeperioden, weil Schweine Kühlungsmöglichkeiten brauchen. Ab 20 Grad Außentemperatur fange ein Mastschwein an zu suhlen. Der ideale Stall biete deshalb mehrere Temperaturzonen, ein warmes Ferkelnest, planbefestigte Böden für Ablenkfütterung beziehungsweise Rauhfuttereinstreu in Kombination mit Ausläufen.

Eine hohe Stressresistenz sei der beste Schutz vor Schwanzbeißen. Die bekomme man auch durch eine andere Genetik. Die auf extremen Magerfleischanteil gezüchteten Schweinerassen (z.B. German Hybrid) zeigen eine deutlich höhere Neigung zum Schwanzbeißen als beispielsweise Deutsches Landschwein, Duroc oder Schwäbisch Hällisches Schwein. Problem für die Schweinehalter: ein höherer Fettanteil der Schlachttiere bringt Abzüge und mindert den Erlös.

Deutlich wurde aber auch: Die Umstellung der Haltungsmethode ist Landwirten bei der aktuellen Marktlage kaum möglich. Größere Ställe, Umbauten und Klimatisierungen sind mit enormen Kosten verbunden und bei den derzeit niedrigen Fleischpreisen nicht finanzierbar. Selbst die Zahlungen, die Landwirten über das Tierwohlprogramm Fakt II zufließen, wenn sie entsprechende Verbesserungen in der Haltung vornehmen, reichen nicht aus, um die entstehenden Kosten abzufedern.

Viele Schweinehalter haben in den letzten zwei Jahren ihren Betrieb komplett aufgegeben oder zu einem Ackerbaubetrieb gemacht, weil sie Investitionskosten in tiergerechtere Ställe nicht finanzieren konnten. Wer weiter macht, braucht aber die größeren Ställe, denn klar ist: am Ringelschwanz kommen Schweinezüchter in der EU nicht mehr vorbei.

Ganz anders sieht es in anderen Teilen der Welt aus: in China entstehen nach der zweiten Welle der afrikanischen Schweinepest derzeit im großen Stil neue Schweineställe: als Hochhäuser mit 26 Stockwerken.

Ringelschwanzgruppe auf dem Ferkelaufzuchtbetrieb von Tobias Schirrle in Schönbronn.
Muttersau und Ferkel im Kastenstand.

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