Soll infiziertes Klinikpersonal trotzdem arbeiten dürfen?

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Die Intensivstation in den Ostalb-Kliniken.
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Hoher Krankenstand in den Kliniken Ostalb. Warum Vorstandschef Prof. Ulrich Solzbach die Lockerung der Quarantänepflicht für Beschäftigte dennoch kritisch sieht.

Aalen Streit um Absonderungspflicht für Corona-Infizierte. Der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung will sie ganz und gar streichen, der Bundesgesundheitsminister will an der Isolationspflicht nicht rütteln. Das Land hat  das Beschäftigungsverbot  in Kliniken seit Montag gelockert. Wie sieht das Prof. Ulrich Solzbach, Vorstandsvorsitzender der Kliniken Ostalb?

 

Prof. Ulrich Solzbach: Ich bin eher auf der Seite des Bundesgesundheitsministers, also die Isolationspflicht nicht zu lockern. Aus zwei Gründen: Die Patienten, die zu uns in die Kliniken kommen, sind meistens sowieso stark risikobehaftet, zum Beispiel Diabetiker, Tumorpatienten, Patienten mit koronarer Herzerkrankung. Ich bin nicht dafür, diese Menschen jetzt mit Mitarbeitenden zu konfrontieren, die coronainfiziert sind. Zum anderen fürchte ich, mit einer solchen Maßnahme die Wucht der Infektionswelle, die ohnehin ziemlich hoch ist, noch weiter zu befeuern. Ich lasse infizierte Mitarbeitende nicht am Patienten arbeiten, auch wenn sie symptomlos sind.

 

Der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung plädiert bei Corona-Infizierten für dasselbe Verfahren wie bei Grippe-Infizierten: Wer krank ist, bleibt zuhause, die anderen gehen arbeiten. Wie vergleichbar sind die beiden Infektionen?

Sie sind nicht vergleichbar. Eine Grippe, also eine Influenza, ist im weiteren Sinne ein Infekt der Atemwege. SarsCov2 ist eine Systemerkrankung, da ist der ganze Körper betroffen, möglicherweise sogar mit Langzeitfolgen, denken Sie an Long Covid. Das hat eine ganz andere Dimension.

 

Der Funktionär spricht auch von „fast immer milden Verläufen“: Wie ist Ihre Erfahrung mit den Infektionsverläufen bei den Beschäftigten der Kliniken Ostalb?

Generell sind die  Covid 19-Symptome aktuell eher milder als früher. Aber nicht in jedem Fall. Unter unseren Mitarbeitenden ist das Verhältnis 50:50. Die einen haben einen milden Verlauf. Andere – auch welche, die schon vier Mal geimpft sind – beutelt es richtig. So sehr, dass sie richtig krank und nicht arbeitsfähig sind.

 

Quarantäneregeln aufheben, Infizierte arbeiten zu lassen, um den Klinikbetrieb zu sichern – wie notwendig wäre das aktuell in den Kliniken Ostalb?

Auch ohne Corona haben wir Personalmangel beim ärztlichen und beim Pflegepersonal. Aus Krankheitsgründen fehlen uns jetzt weitere Mitarbeitende. Normalerweise haben wir einen Krankenstand von etwa 2 Prozent. Aktuell sind wir bei 8 bis 15 Prozent, außerdem ist Urlaubszeit. In manchen Bereichen fehlen 20 bis 30 Prozent des Personals. Trotzdem: Ich  möchte  coronapositive Mitarbeiter nicht Patienten versorgen lassen.

 

Welche Konsequenzen hat das?

Seit etwa 14 Tagen müssen wir planbare Untersuchungen, Eingriffe oder Operationen verschieben, wo immer es geht. Das tut uns weh. Wir müssen das aber machen, um noch genügend Personal zu haben, da, wo es sein muss: zum Beispiel in der Notaufnahme oder auf den Intensivstationen. An die Bevölkerung appellieren wir dringend, nur in absoluten Notfällen in die Kliniken zu gehen. Wir erdrosseln uns sonst selbst.

 

Wie mulmig ist Ihnen beim Gedanken an Corona und den Herbst?

Es ist möglich, dass wir noch eine Coronavirus-Variante bekommen, die aggressiver ist als die jetzige. Trotzdem fürchte ich diese Gefahr nicht so sehr wie das gleichzeitige Auftreten von Influenza, also des Grippevirus. Das Influenzavirus wird nach den Schutzmaßnahmen der letzten beiden Jahre auf eine relativ unbedarfte Bevölkerung treffen, und wenn beides gleichzeitig kommt – bei dem Gedanken wird mir mulmig. Deshalb: Wenn im September oder Oktober die Impfung gegen Influenza angeboten wird: ran!

 

Info: Isolationspflicht: Laut Prof. Solzbach müssen positiv getestete Mitarbeitende der  Kliniken Ostalb mindestens fünf Tage daheim bleiben. Erst wenn sie symptomlos sind und einen negativen  Schnell-Test vorlegen, gibt’s wieder grünes Licht. Neue Regelung des Landes: Künftig kann die Klinikleitung im Einzelfall nach Ende der Isolationspflicht das Tätigkeitsverbot aussetzen, sofern die Mitarbeiter symptomlos sind und sonst die Patientenversorgung nicht mehr gewährleistet werden kann.

Prof. Ulrich Solzbach, Vorstandsvorsitzender der Kliniken Ostalb

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