Viele Zeugen - etliche Streitgespräche

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Zweiter Verhandlungstag im Tötungsdelikt in der Waldstetter Prodi-Werkstatt vor dem Landgericht Ellwangen. Was der Vorsitzende Richter Bernhard Fritsch zu hören bekommt.

Ellwangen

Geduld und gute Nerven sind gefragt an diesem zweiten Prozesstag vor dem Ellwanger Landgericht: Mord wirft Staatsanwalt Jens Weise dem Angeklagten „B“ vor. Dieser hat, was er schon zum Prozessauftakt vor drei Wochen ganz offen in vollem Umfang einräumte, am 13. Oktober vergangenen Jahres in der Prodi-Werkstatt in Waldstetten eine Beschäftigte nach einem Streitgespräch mit drei Messerstichen schwer verletzt, von denen der zweite tödlich war.

Am ersten Verhandlungstag sprach der Staatsanwalt von Heimtücke und Mord.

An diesem Dienstag werden nun im Schwurgerichtssaal des Ellwanger Landgerichts die Zeugen befragt - woran sich der Angeklagte ungewöhnlich rege beteiligt und zwischendrin obendrein auch ausgiebige Wortgefechte mit dem Vorsitzenden Richter Bernhard Fritsch führt.

Schon zu Beginn möchte „B“ zum Beispiel „einige Sachen“ loswerden, die ihm wichtig seien. Unter anderem, dass er noch nie einen gesetzlichen Betreuer gehabt habe und bislang noch immer alles selbst für sich habe regeln können. Richter Bernhard Fritsch bremst diesen Redefluss mit dem Hinweis, dass der Gutachter Dr. Peter Winckler der Verhandlung erst nachmittags beiwohnen könne und solch grundsätzliche Gedanken für diesen Experten sicher interessant seien. Es bedarf etlicher Minuten, bis „B“ sich fügt.

Ehe einer nach dem anderen die ermittelnden Polizeibeamten in den Zeugenstand gerufen werden, hat der Vorsitzende Richter außerdem die wesentliche Vorstrafe verlesen, die in „B“s Akte vermerkt ist: 2010 hatte der heute 45-Jährige nach einem Trinkgelage, bei dem auch Tabletten konsumiert wurden, in Aalen-Unterrombach einen seiner Kumpane vollkommen ohne Vorwarnung mit dem Messer fünf Mal in die Brust gestochen. Der lebensgefährlich Verletzte konnte nur durch eine Not-OP im Ostalbklinikum gerettet werden. Beim daraufhin angeklagten „B“ wurde eine paranoid halluzinatorische Schizophrenie diagnostiziert, er wurde in die Psychiatrie eingewiesen und schon damals habe der Gutachter darauf hingewiesen, dass diese Störung von Dauer und „B“ eine Gefahr für die Allgemeinheit sei, wenn er sich nicht in ärztlicher Behandlung befinde.

Wir hatten keinen Hinweis auf so eine Handlung.“

Eine Zeugin

Im weiteren Verlauf des Vormittags vor dem Ellwanger Landgericht schildern die Polizeibeamten nun, wie sie den Tatort vorgefunden und später den Tatverdächtigen festgenommen hatten. Dabei ist es dem Angeklagten ganz wichtig, zu betonen, dass er sich als Festnahmeort nach seiner Tat in Waldstetten einen einsamen Platz ausgesucht habe, an dem niemand dadurch zu Schaden kommen könnte. „Ich hätte mich auch verstecken können. Oder nahe der Schule hätten Kinder in Gefahr kommen können. Ob Sie sich das bewusst gemacht haben, weiß ich nicht“, erklärt er dem Gericht.

Sehr berührend ist am Nachmittag die Schilderung der Kollegin des Opfers, die sich zur Tatzeit im gleichen Raum befand und nun tapfer alle Fragen beantwortet. Sie erinnert sich, wie der Angeklagte überraschend ohne Anmeldung in den Raum kam und sein Opfer in eine Diskussion verwickelte, bei der es sehr schnell um das für „B“ wichtigste Thema ging: Er hatte nämlich eigenmächtig seine Medikamente abgesetzt und als die Werkstattverantwortlichen das mitbekamen, war er vor die Alternative gestellt worden, entweder das vom Arzt Verordnete wieder zu befolgen oder seine Arbeit in der Einrichtung zu verlieren. „Meine Kollegin hat sich hinreißen lassen, das Thema doch mit ihm anzusprechen, obwohl ein Termin dafür im größeren Kreis angesetzt war“, erzählt die Zeugin. Schnell habe sich zwischen der Führungsaufsicht und dem Angeklagten eine ungute Dynamik entwickelt, „B“ sei auf und ab gegangen, habe trotz seiner äußeren Ruhe eine innere Aufruhr ausgestrahlt. „Aber es gab keinen Hinweis, keinen Hauch einer Ahnung, dass das Ganze so eine Wandlung nehmen könnte“.

Weitere Zeugen aus der Werkstatt und seinem Umfeld bescheinigen dem Angeklagten, dass er „nicht schwierig“ gewesen sei, sondern normalerweise „zugänglich und freundlich“ und dass er gerne zur Arbeit gegangen sei. Aufgefallen sei aber, dass er zunehmend „lebendiger und aufgedrehter wurde und über Gott und die Welt diskutiert hat“.

Immer wieder komme es bei den Beschäftigten in der Einrichtung für seelisch Behinderte dazu, dass die ärztlich verordnete Medikation nicht eingehalten wird, erklärte ein Bereichsleiter auch. Aber das sei ein absolutes „No-Go“ und werde in keinem Fall toleriert. „Da müssen wir darauf reagieren.“

Immer wieder versucht der Angeklagte, mit seinen Fragen und Redebeiträgen zu belegen, dass er „auch ohne Medikamente symptomfrei“ und „viel stabiler“ gewesen sei. Zum Ende des langen Verhandlungstags spricht Richter Bernhard Fritsch ihn darauf direkt an: „Wenn Sie sich als gesunder Mensch darstellen, verstehe ich die Eskalation nicht. Sie haben das Gespräch gesucht, Sie sind mit dem Messer hingegangen - obwohl doch wenige Tage später ein für die Entscheidung viel wichtigeres Gespräch angesetzt war und eigentlich die Ärztin dabei das letzte Wort hätte.“ Er habe voll geglaubt, „dass wir das anders ausmachen könnten“, antwortet der Angeklagte und er sagt auch: „Wenn sie ohne Grund mein Leben zerstört, zerstöre ich ihres auch.“

Wie es weiter geht

Fortgesetzt wird die Verhandlung an diesem Mittwoch ab 9.30 Uhr. Verlesen werden unter anderem der Obduktionsbericht und gehört wird das Gutachten des Tübinger Gerichtsgutachters Dr. Peter Winckler.

Nach den Plädoyers von Staatsanwalt Jens Weise, Verteidiger Timo Fuchs und Nebenklagevertreter Rechtsanwalt Schmidt wird die Strafkammer unter Vorsitz von Richter Bernhard Fritsch voraussichtlich das Urteil fällen.

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