Interview

August Freudenreich gibt seine politischen Ämter ab

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August Freudenreich hört auf.
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Seit 32 Jahren ist er Gemeinderat, seit 1999 stellvertretender Bürgermeister. Jetzt hört er auf.

Böbingen. Böbingen ohne August Freudenreich? Schwer vorstellbar. Ganz ohne den 78-Jährigen muss die Remsgemeinde aber auch nicht auskommen. Selbst wenn er am Montag als Gemeinderat und stellvertretender Bürgermeister verabschiedet wird.

Herr Freudenreich, warum wollen Sie kein Gemeinderat mehr sein?

August Freudenreich: Mit 78 kann man schon mal sagen, Junge, jetzt bist du bald alt genug, dass du das Amt niederlegen kannst und Platz machen für Jüngere, so dass diese eine Vertretung im Gemeinderat und der Fraktion haben. Und das während der Amtszeit zu tun, damit wollte ich zeigen, dass wir nicht an unseren Ämtern kleben. 32 Jahre reichen. Mein Nachfolger Andreas Killer kann sich einarbeiten und hat gute Chancen bei der nächsten Wahl. Ich hatte jedenfalls keinen falschen Ehrgeiz, hier einen Altersrekord aufzustellen.

Aber den haben Sie?

Ja, in Böbingen hab' ich den wohl. Vielleicht hat auch meine oberschwäbische Herkunft geholfen. Den Oberschwaben wird ja nachgesagt, kontaktfreudig zu sein, gerne auf die Mitmenschen zuzugehen und auch gut damit leben zu können, dass nicht immer alles problemlos läuft. Jeder hat seine Fehler, keiner ist perfekt. Aus dieser Haltung heraus habe ich versucht, hier in Böbingen auf die Menschen zuzugehen.

Warum haben Sie sich in der Kommunalpolitik engagiert?

1980, als ich nach Böbingen kam, wollte ich mich vor allem für das Thema Schule starkmachen. Als der SPD-Ortsverein angefragt hat, ob ich mich aufstellen lassen will, habe ich zugesagt. Ich habe mich nie als Parteisoldat gesehen, schon gar nicht mit ideologischem Überbau. Mir ging es immer um die Sache.

Zum Beispiel?

Wichtig war mir, die Infrastruktur der Gemeinde weiterzubringen und zwar so, dass alle im Ort davon profitieren, vom Kind bis zum Senior. Wegen meiner beruflichen Herkunft waren mir Kinderbetreuung und Schulen besonders wichtig, dazu Weiterbildung, Kunst und Kultur. Mein Beruf als Schulleiter von Sonderschulen mit lernbehinderten und verhaltensschwierigen Kindern hat mich sehr geprägt. Ich hatte das Glück von Anfang an sehr selbstständig arbeiten zu dürfen, planen, organisieren. Das hat auch für die Arbeit im Gemeinderat und als stellvertretender Bürgermeister geholfen. Und mein Verhältnis zu den beiden Bürgermeistern Hilsenbek und Jürgen Stempfle war sehr von beiderseitigem Vertrauen geprägt.

Können Sie diese Schwerpunktfelder jetzt beruhigt abgeben?

Auf jeden Fall. Als ich vor zwei Jahren drei schwere Rückenoperationen hatte und länger ausfiel, hat Otto Betz meine Nachfolge angetreten. Ein ganz hervorragender Mann, bei dem ich weiß, dass die Fraktion in allerbesten Händen ist.

Gab es auch Momente, in denen Sie hinschmeißen wollten?

Ich habe vom ersten bis zum letzten Tag meine Arbeit im Gemeinderat sehr gerne gemacht. Auch wenn Gemeindepolitik ja nie ein einziges Harmonie-Stück sein kann. Da wurde auch mal angefeindet. Für mich war klar, das gehört irgendwo mit dazu. Das hat bei mir nie den Wunsch ausgelöst, den anderen fertig machen zu müssen. Mir hat da mein Menschenbild geholfen. Ich bin überzeugt: In jedem steckt ein guter Kern. Das hat mir geholfen, Dinge nicht über zu bewerten. Ich glaube, das hatte manchmal schon auch eine gewisse positive Wirkung in den Gemeinderat hinein.

Wie schalten sie ab?

Schon in meiner Berufstätigkeit baute ich täglich kleine Ruhepausen ein. Da war ich immer konsequent. Ich bin begeisterter Spaziergänger, ich gehe jeden Tag meine Runde, egal, bei welchem Wetter. Dabei komme ich auf bis zu zehn Kilometer am Tag. Das stärkt das Selbstbewusstsein, die Gesundheit und man kommt auf andere Gedanken.

Dazu kommt bei Ihnen die Kunst.

Das stimmt. Ich freue mich sehr darauf, nach der Corona-Zeit wieder unsere monatliche Böbinger Kunstfahrten zu organisieren, da haben sich mittlerweile rund 220 Personen zusammengefunden. Denn es geht dabei ja nicht nur darum, andächtig vor den Kunstwerken zu stehen, sondern um Geselligkeit und darum, Leute zu einer Gruppe zusammenzubringen. Das möchte ich gerne weiterführen.

Sie bleiben Böbingen erhalten?

Ich bin im Ehrenamt tätig, im Kulturbeirat, als stellvertretender Vorsitzender des Geschichts- und Heimatvereins , organisiere zusammen mit Christine Bart und Brigitte Gellert den jährlichen Kunstmarkt. Das G'schäftle geht für mich nicht aus. Diese Dinge mache ich auch sehr gerne. Ich darf sagen: Ich bin verliebt in mein Böbingen. In die Menschen und in die wunderschöne Landschaft. Ich kann mir nichts anderes vorstellen.

Geboren ist August Freudenreich in Bad Waldsee in Oberschwaben. Er war 27 Jahre Schulleiter der Mörikeschule in Heubach, davor leitete er sieben Jahre die Sonderschule in Bad Liebenzell, davor zwei Jahre die in Neuenbürg bei Pforzheim. David Wagner

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