Mit der Bahn von Böbingen nach Heubach

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Die Abschiedsfahrt am 1. Mai 1976 auf Höhe des heutigen Seniorenzentrums.
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Autor Walter Wörz hat für den Geschichts- und Heimatverein in den Archiven gegraben und ein Buch über die ehemalige Bahntrasse vorgelegt.

Böbingen

Ein Böbinger Bauer fuhr einst mit seinem Sohn zum Zahnarzt nach Heubach. Auf der Rückfahrt wollte der Schaffner die Fahrkarten sehen. Besagter Bauer habe gesagt: „Nach Böbingen geht's ja nur noch da Berg na, ba braucha mir koin Dampf! Also koscht's au nix!“. Ob der Schaffner das akzeptierte, sei nicht überliefert.

Anekdoten wie diese gibt es einige in dem neuen Buch von Walter Wörz „Die Geschichte der Heubach-Bahn 1920 bis 1976“. Gegliedert ist es in drei Teile, einer geschichtlichen Einordnung und anekdotischen Erzählungen, den wesentlichen Dokumenten, auf die sich der Autor bezieht und einer Vielzahl an Fotos von der einstigen Bahnverbindung zwischen Böbingen und Heubach. Walter Wörz stellte das Buch am Montagvormittag im Bürgersaal des Rathauses vor. Leider, coronabedingt, nur in sehr kleinem Rahmen, wie der stellvertretende Bürgermeister August Freudenreich in seiner Begrüßung bedauerte.

Wie das Buch entstand

Zur Remstal-Gartenschau 2019 gab es in Böbingen eine Ausstellung zur Heubach-Bahn mit vielen Fotos und Eisenbahnmodellen im seltenen Maßstab 1:32. Rathaus-Mitarbeiterin Christine Barth habe Walter Wörz gefragt, ob er nicht einen Ausstellungskatalog machen wolle. Weil er gerade mit seinem anderen Buch „Wie die Römer nach Böbingen kamen“ beschäftigt war, verschob der Autor das. „Entweder richtig oder gar nicht“, meint Wörz. Im Jahr 2020 habe er sich in die Archive der Gemeinde und des Geschichts- und Heimatvereins begeben, Dokumente gesichtet. Im Sommer 2021 war er fertig, Karl Degendorfer übernahm sowohl die Gestaltung als auch den Kontakt zur Druckerei.

Geschichte der Heubach-Bahn

Bereits um die Jahrhundertwende habe es erste Ideen für eine solche Verbindung geben, berichtet Wörz. Vor allem Heubach habe darauf gedrängt, zur Beförderung der Arbeiter der aufblühenden Industrie, etwa bei Triumph oder Susa. 1913 gab es einen ersten Planungsauftrag für die 4,4 Kilometer lange Strecke, Kosten: 600 000 Reichsmark. Der Beginn des Esten Weltkriegs machte diese Pläne zunichte. Nach Kriegsende ging es aber schnell, wie Wört recherchiert hat. Vor allem die jungen Kriegsheimkehrer wollten das „moderne Verkehrsmittel“. Auch weil Arbeitsplätze für entlassene Soldaten durch die „Notstandsarbeit“ geschaffen wurden, ging der Bau ab 22. Juli 1919 zügig voran. Kosten jetzt, wegen der Inflation: 60 Millionen Reichsmark.

Eröffnet wurde die Strecke Ende Oktober 1920. „Nicht alle waren darüber glücklich“, berichtet Walter Wörz. Vor allem Landwirte in Oberböbingen wollten nicht, dass die Bahn ihre Grundstücke zerschneidet. Überhaupt hatten die Oberböbinger ein zwiespältiges Verhältnis zu der Bahn. Bei der Jungfernfahrt musste Bürgermeister Beeh alleine mitfahren, der Gemeinderat boykottierte die Fahrt. Auch einen richtigen Bahnhof wollte der Gemeinderat nicht, er entschied sich nur für Holzhäuschen ohne Fahrkartenverkauf, diese gab's im Gasthaus „Adler“.

Hochzeiten und Ende

Die 1950er- und 60er-Jahre waren die Hochzeiten der Heubach-Bahn. Die Züge verkehren regelmäßig, befördern hauptsächlich Arbeiter, aber auch Schüler zum Heubacher Gymnasium und sonntags Ausflügler Richtung Rosenstein. „1964 nach Einführung der Schienenbusse fuhren täglich 13 Züge nach Heubach und 14 in die Gegenrichtung“, so Walter Wörz. Ab 1965 fuhren nur noch zwei Zugpaare pro Tag. Warum? Es lag am Wirtschaftswunder, meint Wörz. „Jede Familie wollte ein Auto.“ In der Folge blieben die Züge leer und die Bundesbahn reagierte mit Kürzungen oder der Stilllegung von Strecken. So kam es 1986 auch in Böbingen. Die Gleise wurden erst 1998 beim Bau der Landesstraße 1162 abgebaut, die Trasse ist heute noch sichtbar. Sie markiert die Grenze des zur Gartenschau entstandenen „Park am alten Bahndamm“.

Das Buch ist in Böbinger und Heubacher Geschäften erhältlich und kostet 10 Euro.

Dieselbe Stelle heutzutage, links das Seniorenzentrum an der Landesstraße 1162.
Autor Walter Wörz (Mitte) bei der Vorstellung des Buches mit Egon Dick (links) und August Freudenreich.

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