Digitaler Unterricht wird bleiben

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Mit Abstand in der gut belüfteten Silberwarenfabrik in Heubach (von links): Friedemann Gramm aus Gmünd, Manfred Fischer aus Waldstetten und Hausherr Martin Pschorr am Klavier.
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Wie Musikschulen die Pandemie meistern, wo es Probleme gibt und welche Chancen in der Krise stecken. Ein Gespräch mit Martin Pschorr, Friedemann Gramm und Manfred Fischer.

Heubach/Waldstetten/Gmünd

Erst eine Woche Unterricht in diesem Jahr habe es für die Bläser gegeben, sagt Martin Pschorr. Seit eineinhalb Jahren haben sich viele Lehrer und Schüler nicht mehr direkt gesehen, meint Friedemann Gramm. Im Bereich Digitalisierung sind wir von minus 100 auf plus 500 in einem Jahr gekommen, bilanziert Manfred Fischer. Die drei Musikschulleiter aus Heubach, Gmünd und Waldstetten sitzen im Saal der Silberwarenfabrik in Heubach. Sie wollen schildern, wie die Musikschulen durch die Pandemie gekommen sind. Was gut lief, was nicht so toll. Und was sie mitnehmen wollen in eine hoffentlich coronafreie Zukunft.

Aktuelle Situation: Einzelunterricht und Gruppen bis zu fünf Personen sind außer bei den Bläsern und im Tanz wieder in Präsenz erlaubt, und zwar ohne Tests und Masken. Der nächste Schritt wäre die „Öffnungsstufe 2“, in der bis zu 20 Personen unterrichtet werden, auch Bläser und Gesang. Allerdings muss hier ein Test-, Impf-, oder Genesenennachweis vorgelegt werden und die Inzidenz muss 14 Tage unter 100 liegen.

Positive Effekte: Durch den digitalen Unterricht sei es gelungen, den Kontakt zwischen Schülern und Lehrkräften „intensiv zu halten“, meint Friedemann Gramm. Martin Pschorr ergänzt, dass viele Eltern durch den virtuellen Unterricht zu Hause viel näher an den Kindern dran waren, erlebt haben, was diese eigentlich während des Musizierens machen und sich kümmern konnten. „Das ist mehr als die Kinder mit dem Auto in die Musikschule bringen und wieder abzuholen.“ Manfred Fischer sagt: „Wir haben voll auf Digitalisierung gesetzt und uns da reinknien müssen.“ Klar sei aber auch: „Wir haben da zuvor zehn Jahre geschlafen.“ Immerhin sei es gelungen, dass es so gut wie keine Unterrichtsausfälle gegeben habe. Und: Soweit ihnen bekannt, habe es keinen einzigen Corona-Fall durch die Musikschulen gegeben.

Die Probleme: Die technischen Einschränkungen seien sehr spürbar gewesen, sagen die Musikschulleiter. „Das liegt auch daran, dass die virtuellen Plattformen nicht auf Musik, sondern auf Sprache ausgelegt sind“, meint Friedemann Gramm. Da könne sich die Flöte leider auch schon mal wie eine Kreissäge anhören. Dazu kommt, wie Manfred Fischer betont, das Problem der „Latenz“, also der verzögerten Übertragung. Bei einem Schüler und einem Lehrer ärgerlich, aber verkraftbar, bei Gruppen aber ein großes Hindernis fürs gemeinsame Musizieren. Martin Pschorr hat beobachtet, dass Handys Töne nivellieren, also leise Töne laut machen und laute Töne leise. Manchmal sei auch einfach das WLAN zu langsam oder es gebe nicht genügend Endgeräte. „Die Voraussetzungen für einen solchen Digitalunterricht hatten wir eigentlich gar nicht“, meint Friedemann Gramm. Umso mehr gelte es, den Hut zu ziehen vor den Lehrkräften. Mit viel Fantasie, Geduld, Leidensbereitschaft und freiwilliger Mehrarbeit hätten diese den Kindern ein Minimum an Normalität und Struktur gegeben.

Dennoch: Präsenzunterricht sei beim Musizieren einfach nicht zu ersetzen. Er habe beobachtet, so Gramm, dass die starken Schüler auch von digitalen Angeboten profitieren, die Schwächeren aber schwächer werden. Auch hier, bestätigt Manfred Fischer, sei die Corona-Pandemie ein Brennglas, in dem gesellschaftliche Phänomene deutlich sichtbar würden. Er setzt dennoch darauf, dass viele Eltern gerade in der Krise „die ganzheitliche Wertigkeit“ erkannt hätten, die Musikschulen für die Gesellschaft haben.

Was bleibt? Verschwinden wird der virtuelle Unterricht nicht, davon sind die Musikschulleiter überzeugt. Gut nutzbar sei er bei Schülern, die schon mehr Erfahrung hätten. Bei Einsteigern sei das kaum möglich, hier brauche es das Greifbare und den direkten Kontakt, den Austausch mit den Lehrkräften. Vorstellbar seien „hybride Modelle“ aus Präsenz- und Digitalunterricht. Nicht nur jetzt, wenn vielleicht mancher Schüler doch nochmal in Quarantäne muss oder Symptome hat. Sondern generell als Ergänzung und alternatives Angebot. „Präsenz bleibt aber unser Kern“, meint Friedemann Gramm.

Tage der offenen Tür in den Musikschulen

Geplant sind in allen drei Musikschulen reale Tage der offenen Türen unter bestimmten Sicherheitsvorkehrungen. Den Anfang macht Waldstetten am Samstag, 13. Juni. Alle Bereiche sollen in Präsenz besichtigt werden können. Besucher müssen sich im Sekretariat anmelden.

Schwäbisch Gmünd folgt am Samstag, 3. Juli. In 15-Minuten-Einheiten ist Präsenzunterricht in den verschiedenen Fächern geplant. Demnächst werden in der Stadt große Plakate aufgehängt mit den jeweiligen Instrumenten. Mit dem Smartphone können dort über einen QR-Code die gewünschten Bereiche angesteuert werden.

Heubach plant einen Info-Tag am Samstag, 10. Juli. Als digitale Alternative gibt es auf der Internetseite einen digitalen Rundgang durchs Gebäude, bei dem sich auch die Lehrkräfte mit ihren Instrumenten vorstellen. dav

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