Drei Epochen deutscher Geschichte

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In die Chronik eingeklebte “Bewirtschaftungs“-Regelung, Ende August 1939. Quelle: Hensle

Kaiserreich, Weimarer Republik, Hitler-Diktatur: Warum Stadtarchivar Dr. Michael Hensle die „Jägersche Chronik“ von 1913 bis 1945 für ein ganz besonderes Dokument Heubacher Zeitgeschichte hält.

Heubach

Digitalisierung ist derzeit das Zauberwort und macht auch nicht vor Archiven halt. Allerdings, was für Staats- und Landesarchive eventuell leistbar, ist für kleine Kommunalarchive weder machbar noch erstrebenswert – bis auf Ausnahmen, meint der Heubacher Stadtarchivar Dr. Michael Hensle. Eine dieser Ausnahmen sei die im Stadtarchiv Heubach verwahrte „Jägersche Chronik“, eine Chronik der Stadt Heubach des evangelischen Stadtpfarrers im Ruhestand Theodor Jäger.

Seine Vorbemerkungen beginnen mit einer Ortsbeschreibung, gefolgt von historischen Betrachtungen der „Vordeutschen Zeit“ mit Kelten und Römern, dann folgen die Alemannen und Franken, bis Pfarrer Jäger den Hauptakzent auf die Zeit nach 1530 legt. 1530 ist auch der Zeitpunkt der Einführung der Reformation in der Region, die Jäger eingehend schildert, um zum Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) mit seinem Schrecken zu gelangen: Heubach, ein „elend Städtlen“, darin „nicht wohl mehr 10 Bürger zu finden sind“.

Im Zuge der napoleonischen Neuordnung Europas um 1806 und der Einverleibung der Reichsstadt Gmünd in das Königreich Württemberg erfuhr Heubach eine einschneidende Veränderung: Der Sitz des Oberamts wurde nach Gmünd verlegt. In die württembergische Zeit fiel die Industrialisierung – Stichworte Schneider & Sohn, Spießhofer & Braun –, die der Chronist detailliert beschreibt. Bei der Schilderung der Verabschiedung der „Krieger“ des Ersten Weltkriegs am 3. August 1914 vorm Rathaus kann Jäger auf seine Zeitzeugenkenntnisse zurückgreifen. Dazu bleibt quellenkritisch anzumerken, dass nicht immer ganz klar ist, woher Jäger seine historischen Erkenntnisse früherer Epochen hat.

Kummer, Elend und Sorgen

Auf die Krieger-Verabschiedung folgt seitenlang die Aufzählung der Vermissten und Gefallenen. Die Monarchie endete mit dem Verlust des Ersten Weltkriegs und führte in den württembergischen „Volksstaat“ von 1919. „Aber einen Weg zur Bezahlung der ungeheuerlichen Kriegsschulden“, so Jäger die Inflation vorausahnend, habe die neue Regierung „noch nicht gefunden“. Genau dieses zu schildern verblieb Stadtschultheiß Wilhelm Wiedmann, der im Auftrag des Gemeinderats die Weiterführung der Chronik ab Dezember 1919 übernahm. Die beginnende Teuerung, begleitet von Arbeitskämpfen und einer Großdemonstration vor dem Rathaus im Juli 1920, mündete in der Inflation von 1922/23, in der anfangs 1923 ein Dollar 8000 Mark kostete im November dann 4,2 Billionen Mark. „Was dazwischen lag an Kummer, Sorgen und Elend kann keine Feder beschreiben“, so der Chronik-Kommentar zum deutschen Kollektiv-Trauma zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Nachinflationsjahre brachten eine Erholung, die unter anderem 1926 zur „Teerung der Hauptstraße mit Kaltteer“ genutzt wurde, bis in der Wirtschaftskrise 1929/30 die „allgemeine wirtschaftliche Not in ganz Deutschland“ auch in Heubach Einzug hielt, der die Stadt 1931 mit einer Winterbeilhilfe zu begegnen suchte.

NS-Selbstbeweihräucherung

Von nun an war es nicht mehr weit zum Aufstieg der NSDAP, der in Heubach 1932 mit der Gründung einer NSDAP-Ortsgruppe begann. Am Tag vor der Reichstagswahl 1933 der O-Ton der Chronik: „Am 4. März 1933 Tag der erwachenden Nation. Lautsprecher am Rössle. Höhenfeuer vom Lärmfelsen. Fackelzug.“ Der 1. Mai 1933, die Gewerkschaften sind beseitigt, bot laut Chronik in Heubach „ein Bild der Geschlossenheit, der Einigkeit und des Zusammenhalts“: „Es war erhebend und es ist erstaunlich wie dies alles dem Führer und Reichskanzler Adolf Hitler zu schaffen gelungen ist.“

Hier ist der Ton gesetzt, in dem in nationalsozialistischer Selbstbeweihräucherung nicht nur nationale Ereignisse kommentiert, sondern auch städtische Politik und Stadtgeschehnisse geschildert werden – bis zur Amtszeit von Wilhelm Gayer 1939-1945: „Aufzeichnungen über diese Zeit wurden von ihm nicht gemacht.“

Eigentlich schade, trotz des zu erwartenden NS-Tonfalls hätte man gerne die Selbstdarstellung eines NS-Bürgermeisters vorgefunden, der nach dem Krieg seine Bürgermeister-Karriere als CDU-Bürgermeister in Geradstetten/Remshalden fortsetzen konnte. Im Kontrast zum bisherigen Tonfall steht die vom Prokuristen Boßhardt 1948 verfasste, eindringliche Schilderung des Kriegsendes in Heubach, bei dem die Stadt wegen Widerstandswahns beinahe ein Opfer amerikanischen Luftangriffs geworden wäre. Mit der Episode zum Kriegsende schließt die Chronik, die – vom jeweiligen Zeitgeist getragen – erzählt aus drei Epochen deutscher Geschichte: Kaiserreich, Weimarer Republik, Hitler-Diktatur.

Chronik der Stadt Heubach des Stadtpfarrers a.D. Theodor Jäger von 1913-1919, fortgesetzt von Stadtschultheiß Wilhelm Wiedmann unter Mitwirkung von Bürgermeister Karl Siegle bis 1939 (181 S.); Bericht über das Kriegsende 1945, verfasst von Prokurist Gottlieb Boßhardt 1948, sowie einem Anhang mit Liedern und Gedichten (31 S.)
Im Internet: www.heubach.de: Startseite Heubach > Bildung/Familie > Stadtarchiv

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