Amazon setzt Standards nach unten

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Frederick Brütting
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Frederick Brütting, Heubachs Bürgermeister und SPD-Kreisrat, über die möglichen Auswirkungen einer Ansiedlung des Online-Versandhandels in der Region und fehlende politische Handhabe.

Heubach

Die Internet-Handelsplattform Amazon will in der Region investieren. Neben einem Logistikzentrum in Heidenheim ist ein Verteilzentrum im Gmünder Gewerbegebiet Benzfeld in der Diskussion. Es gibt Stimmen, die die Ansiedlung, etwa der Arbeitsplätze wegen, begrüßen. Andererseits hat sich Gmünds Handels- und Gewerbeverein deutlich ablehnend positioniert. Welche Auswirkungen hätte eine doppelte Amazon-Ansiedlung auf andere Städte? Frederick Brütting, Heubachs Bürgermeister und Kreisrat, im Gespräch.

Herr Brütting, wie beurteilen Sie eine mögliche Ansiedlung von Amazon in Gmünd und Heidenheim?

Frederick Brütting: Das ist eine sehr schlechte Entwicklung. Und zwar sowohl was das Verfahren angeht, als auch was die Folgen betrifft.

Was stört Sie an dem Verfahren?

Die Entscheidungen über die Ansiedlungen werden isoliert von den beiden Städten getroffen, haben aber massive Auswirkungen auf die ganze Region. Trotzdem gibt es weder auf Ebene der Region Ostwürttemberg eine Abstimmung dazu, noch zwischen den Städten im Umkreis. Jeder Supermarkt wird vom Regionalverband geprüft, aber zur einschneidendsten Entwicklung der letzten Jahrzehnte im Handel verliert man kein Wort. Was mich besonders ärgert: Gewerbeflächen sind in der Regel Infrastruktur, die durch Gemeinden subventioniert werden.

Das heißt?

So wird ein globales Unternehmen, das laut Medienberichten 2018 auf Gewinne von 11,2 Milliarden Dollar keine Steuern bezahlt hat, noch mit öffentlichen Mitteln unterstützt. Und in Heidenheim wurden noch zehn Hektar Wald für das Projekt gerodet. Das regt viele Bürger zurecht auf und mich auch.

Was bedeutet das für den Einzelhandel in Heubach?

Amazon kann mit den beiden Stützpunkten eine Marktmacht aufbauen, die den örtlich verwurzelten Strukturen im Handel das (Über-)leben zusätzlich erschwert. Die Lieferung am selben Tag wird zukünftig auch die Geschäfte des täglichen Bedarfs und auch den Lebensmittelhandel unter massiven Druck setzen. Unsere Innenstädte werden so noch weiter ausbluten.

Sind Sie ein Gegner des Online-Handels?

Definitiv nicht. Gerade in Heubach haben wir gezeigt, dass es auch mittelständische Strukturen gibt, die im Online-Handel erfolgreich sind und mit der klugen Kombination aus Ladengeschäft und Online-Angebot eine Innenstadt bereichern können. Denken sie an "allnatura", "Möbel im Netz" oder das "Bikehouse". Von Amazon werden Sie in unseren Städten aber lediglich mehr Lieferwagen sehen.

Welche langfristigen Folgen sehen sie noch?

In der Vergangenheit haben vor allem die starken Maschinenbauer dank einer guten Konjunktur und einer starken Gewerkschaftsarbeit die Löhne und Standards in der Region gesetzt. Das hat wesentlich zur guten Gesamtentwicklung auf der Ostalb beigetragen. Amazon hat keinen Tarifvertrag für seine Beschäftigten und ist als Lohndrücker in der Branche bekannt. Die Ansiedlungen werden also auch langfristige Folgen im gesamten Lohngefüge der Region haben. Amazon setzt neue Standards nach unten.

Wie kann sich Heubach wehren?

Das ist nicht nur eine Sache, die Heubach betrifft. Unsere Stadt liegt zwar zwischen den beiden Amazon-Stützpunkten, das gilt aber auch für Aalen und Oberkochen. Viele andere Gemeinden im Umland werden das heftig im Einzelhandel spüren. Es wundert mich, das sich noch so wenig Widerstand bei den Betroffenen regt. Rechtlich gesehen gibt es wenig Einwirkungsmöglichkeit. Unser Planungsrecht ist dafür noch nicht ausgelegt. So mussten wir für unseren neuen Edeka-Markt in der Stadtmitte ein Gutachten über die Auswirkungen für den Einzelhandel in den Nachbargemeinden erstellen. Von Amazon wird das nicht verlangt, obwohl die Auswirkungen ungleich größer sind. In Heidenheim sind ja bereits Fakten geschaffen worden. In Gmünd kann man noch an die Einsicht bei Gemeinderat und Verwaltungsspitze appellieren. In Heubach werden wir sicher keine Flächen für Amazon frei machen, sondern in die Attraktivität der Innenstadt investieren.

Kaufen Sie bei Amazon ein?

Ich habe dort in der Vergangenheit schon mal eingekauft. Wie gesagt, bin ich ja nicht generell gegen Online-Handel. Ich versuche aber immer zuerst, die Angebote der Einzelhändler vor Ort zu nutzen. Das Problem ist, dass Amazon bereits in vielen Bereichen eine Marktmacht hat, an der man schwer vorbeikommt. Mit den Entscheidungen in Heidenheim und Gmünd wird dieses Monopol zu Ungunsten unserer lokalen Händler gestärkt.

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