Bei Verdacht zuerst zum Hausarzt

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Wie die Mediziner an der Corona-Schwerpunkt-Praxis in Heubach die Pandemie erleben und warum sie mit Sorge auf den Herbst blicken.

Heubach

Warum wird aus einer "normalen" Arzt-Praxis eine Corona-Schwerpunkt-Praxis? "Jedenfalls nicht, weil wir vorher nichts zu tun hatten", sagt Dr. Frank Bessler lachend. Seit April ist die Gemeinschaftspraxis der Internisten und Notfallmediziners in Heubach zentrale Anlaufstelle für Corona-Verdachtsfälle, in erster Linie aus dem Raum Rosenstein. "Wir haben uns damals in der Hochphase freiwillig gemeldet", erläutert der Mediziner.

Vielleicht, weil die Heubacher selbst wissen, wie es ist, in Quarantäne zu kommen. Zu dieser Zeit im März war es nämlich schlecht bestellt um die eigentlich nötige Schutzausrüstung, speziell die FFP2-Masken, die den Träger vor Infektionen schützen, waren Mangelware. "Wir hatten damals sechs Stück", erinnert sich Bessler. Dennoch musste die Arbeit weitergehen und die Heubacher Ärzte nahmen Abstriche bei Patienten, die nicht aus damals bekannten Risiko-Gebieten stammten. Und zwar lediglich mit den normalen OP-Masken. Einer der Patienten wurde positiv auf Covid-19 getestet. Das Gesundheitsamt ordnete folglich eine einwöchige Quarantäne für die Praxis an. "Danach durften wir wieder arbeiten", sagt Bessler. Viele "Regel-Patienten" aber mieden zu Beginn der Corona-Pandemie den (Routine-) Gang zum Arzt. Das spürten die Heubacher, nicht zuletzt auch finanziell.

Seit 15 Jahren gibt es die Gemeinschaftspraxis in Heubach, vier Ärzte kümmern sich um die Patienten. In der Regel seien normalerweise meist drei Ärzte da. "Strukturell und personell kriegen wir das also hin", meint Bessler. Die Praxis meldete sich auf den Aufruf der Kassenärztlichen Vereinigung und wurde eine von bundesweit rund 200 "Corona-Schwerpunkt-Praxen".

Was hat sich dadurch verändert? "Wir haben deutlich mehr Arbeit, vor allem der Verwaltungsaufwand hat sich erheblich erhöht", sagt Bessler. Größte Herausforderung: Die "normalen" Patienten von den Covid-19-Verdachtsfällen räumlich und zeitlich zu trennen. Zunächst war es in Heubach so, dass die Routine-Patienten früh morgens kamen, die "Infekt-Patienten" ab 10 Uhr. "Das lief eigentlich ganz gut an", berichtet Bessler. Mittlerweile habe aber auch der Normalbetrieb wieder zugenommen – was an sich sowohl für Ärzte als auch für Patienten, die auf Arztbesuche angewiesen sind, eine gute Sache sei. Nun werden die Infekt-Patienten nach dem Ende der offiziellen Sprechzeiten untersucht. "Dadurch müssen wir natürlich alle länger arbeiten", sagt Bessler. Die Abstriche werden von demselben Labor untersucht, mit dem die Praxis ohnehin zusammenarbeitet. Bis ein Ergebnis da ist, dauert es in der Regel zwei bis drei Tage.

Wann wird getestet?

Wir haben uns damals in der Hochphase freiwillig gemeldet.

Dr. Frank Bessler, Mediziner

Bei welchen Patienten wird ein Abstrich gemacht? Ganz wichtig sei, so Bessler, dass sich die Patienten nicht direkt in der Heubacher Praxis melden. Sondern unbedingt immer die Hausärzte die erste Anlaufstelle sein müssen. Wenn diese einen Abstrich auf Covid-19-Infektion für erforderlich halten, leitet die Hausarztpraxis die Daten per E-Mail an die Heubacher Praxis weiter und die Ärzte melden sich dann bei dem Patienten und vereinbaren einen Termin.

Alle Patienten mit den bekannten Symptomen, wie Husten, Fieber oder Geschmacksverlust, sollten gegebenenfalls getestet werden, diese Abstriche werden auch über die Krankenkassen abgerechnet. Auch großflächige Tests seien manchmal notwendig, etwa, wenn das Gesundheitsamt nach einem Verdachtsfall anordnet eine ganze Schulklasse zu testen. Vor der Aufnahme in ein Pflegeheim muss getestet werden. In beiden Fällen übernehme das Land Baden-Würrtemberg die Kosten.

Anders sieht es aus, wenn jemand in ein Land will, das vor der Einreise einen negativen Test verlangt. Diese Leistungen müssen die Patienten selbst übernehmen. Das gilt auch für Menschen, die wissen möchten, ob sie die Virus-Erkrankung vielleicht schon mal hatten. Diese Test auf Antikörper macht Dr. Bessler zwar auch, mahnt aber zur Vorsicht: Niemand wisse derzeit, wie lange eine mögliche Immunität nach der Genesung anhalte und ob sich wirklich "neutralisierende Antikörper" bilden, die gegen eine erneute Erkrankung schützen, so dass die Aussagekraft dieser Tests sehr begrenzt ist.

Virus wohl noch lange da

Im Frühsommer hatten die Heubacher rund drei bis fünf Abstriche pro Tag genommen. Dann waren die Zahlen gestiegen, zunächst auf auf zehn bis 15 pro Tag. Wohlgemerkt – das ist die Zahl der Abstriche, nicht etwa die der positiv Getesteten. Obschon auch hier die Zahlen wieder nach oben gehen, wie der Mediziner sagt. "Wir müssen uns darauf einstellen, dass uns das Virus noch lange begleiten wird." Weil es außer in Heubach auch in Gmünd, Essingen und Aalen entsprechende Schwerpunkt-Praxen gibt, verteile sich die Arbeit noch ganz gut. Mit mulmigem Gefühl blickt der Arzt in den Herbst – "wenn so gut wie alle mal schniefen oder husten". Spätestens dann wäre es hilfreich, wenn mehr Ärzte sich dazu bereit erklärten, wie Bessler betont. Immerhin: Schutzkleidung scheint genügend vorhanden zu sein. "Das lief jetzt ohne Bestellung und ohne Probleme über die Kassenärztliche Vereinigung. Dieser Mangel ist vorerst behoben."

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